Zwei Unterschichtsromane im Vergleich

Zwei Bücher, die sich dem gleichen Thema widmen – dem Aufwachsen in einfachen Verhältnissen – schreien doch geradezu danach, miteinander verglichen zu werden. Tatsächlich gibt es Parallelen in den beiden Autobiografien „Das Ende von Eddy“ (von Édouard Louis) und „Ein Mann seiner Klasse“ (von Christian Baron), die Unterschiede überwiegen jedoch.

Beiden Büchern ist gemein, dass sie von einer Kindheit in Armut berichten – nicht in irgendeinem Entwicklungsland, sondern hier: in Deutschland und Frankreich. Nicht vor unserer Zeit, sondern in den 80er, 90er und 2000er Jahren.

Weiterhin hat man bei beiden Autoren den Eindruck, sie schreiben nicht (nur) aus Lust und Laune, sondern weil sie etwas loswerden und damit bewältigen müssen. -Ein Leben in solch erbärmlichen Verhältnissen, dass man als Leser*in den Eindruck hat, die Realität ist wieder einmal krasser als die Fiktion.

Ein Mann seiner Klasse

Insbesondere beim Lesen von „Ein Mann seiner Klasse“ hat mir mehrfach der Atem gestockt, weil die Gewalt im Leben des Protagonisten quasi omnipräsent ist. Er erfährt diese durch seinen Vater, der nicht nur ihn, sondern auch seinen zweiten Sohn und seine Frau täglich zusammenschlägt. Christian Baron schildert, wie der Vater sogar dann noch seine Frau zu Boden schlägt, als diese sich im Endstadium einer Krebserkrankung befindet, also wenige Wochen vor ihrem Tod.

Die Gewaltausbrüche erfolgen zumeist ohne ersichtlichen Grund. Die Familie muss eben als Ventil herhalten für die allgemeine Unzufriedenheit des Vaters, Gefangener seiner Lebenslage zu sein. Als Möbelpacker ist sein Verdienst gering. Die Mutter des Protagonisten hat weder Ausbildung noch Job, stattdessen jedoch vier Kinder, die es zu versorgen gilt. Oft hungern sie sogar, weil die Eltern zu stolz sind, um „beim Amt zu schnorren“.

„Ein Mann seiner Klasse“ bietet einen voyeuristischen Einblick in ein Milieu, das den meisten Leser*innen ansonsten verschlossen bleiben würde – und das liest sich verdammt spannend. Am Ende kommt Baron jedoch zu einem Schluss, den ich nicht recht nachvollziehen kann:

Auf unzähligen Seiten schildert der Autor die Untaten seines Vaters, am Ende jedoch verzeiht er ihm nicht nur, sondern befreit ihn auch von jedweder Schuld, indem er behauptet, die Gesellschaft habe ihn zu dem Mann gemacht, der er war. Sie habe ihn am Aufstieg gehindert, da sie ihm nicht die gleichen Chancen bereitgehalten habe wie zum Beispiel den Angehörigen der Mittelschicht. Er war folglich verdammt dazu, ein brutales Arschloch zu sein.

Die Zeit ist in ihrer Rezension des Buchs genau auf diesen Sachverhalt eingegangen – und schreibt mir aus der Seele:

Das eine Problem steckt schon im Titel. Ist dieser Vater wirklich „ein Mann seiner Klasse“? Ist Alkoholismus und Gewaltbereitschaft wirklich ein Klassenmerkmal? […]

Für den Autor gibt es eine starke Motivation, das Unglück bei einem übergeordneten systemischen Zusammenhang abzuladen, auf den dann wütend zu sein eine legitime Reaktion ist: Wenn es nämlich der Kapitalismus mit seiner ungleichen Verteilung von Gütern und Chancen ist, der es dem Vater unmöglich gemacht hat, seinen Kindern Liebe und Verantwortung entgegenzubringen, dann darf er, der Sohn, ihn freisprechen und kann ihm postum jene Liebe zeigen, für die es zu Lebzeiten keinen Raum gab.

Die Zeit

Das Ende von Eddy

Ehrlicher ist in dieser Hinsicht „Das Ende von Eddy“, denn hier geht der Autor Édouard Louis erbarmungslos mit seinen Eltern ins Gericht. In seinen Augen tragen sie sehr wohl die Verantwortung für die missliche Lage, in der sich die gesamte Familie befindet, wenngleich der Autor ebenso auf die soziologischen Zusammenhänge hinweist, die die „kleinen Leute“ am Aufstieg hindern.

Bei den üblichen Terminen mit dem Berufsberater erklärte meine Schwester, sie wolle Spanischlehrerin werden Nein aber wissen Sie Mademoiselle, der Lehrerberuf ist dicht […]. Sie sollten etwas Sicheres anstreben, etwas weniger Riskantes, Verkäuferin zum Beispiel […].
Erst bot meine Schwester dem Berater noch die Stirn; er bestellte sie mehrmals ein. In der neunten Klasse musste sie dann ein Berufspraktikum absolvieren, und er vermittelte sie an die Bäckerei unseres Dorfs. Ein paar Wochen nach dem Praktikum erklärte sie dann meiner Mutter […], sie wolle nicht mehr Spanischlehrerin werden, sondern Verkäuferin.

E. Louis: Das Ende von Eddy

Louis wird 1992 in ein Elternhaus geboren, das dem von Baron stark ähnelt: Der Vater ist Fabrikarbeiter (und Alkoholiker), die Mutter Hausfrau. Auch Louis hat drei weitere Geschwister. Allerdings wächst er nicht in der Stadt auf, sondern auf dem Land in Nordfrankreich – was sein Leid nicht gerade mildert.

Vom (Un-)Glück des Unangepasstsein

Denn schon früh ist klar: Eddy tickt anders. Er ist schwul, was selbst in den 90ern noch ein absolutes No-Go ist, sich aber im Falle Eddys nicht verbergen lässt. Zu Armut und Gewalt gesellt sich in der Kindheit und Jugend des Protagonisten also auch die notorische Angst, nicht dazuzugehören, kein „echter Mann“ zu sein.

Letztlich verhilft ihm seine Andersartigkeit jedoch zum Aufstieg, denn nur weil sein Leben im Dorf absolut unerträglich ist, entschließt er sich, auf ein städtisches Gymnasium zu wechseln (und damit sein Elternhaus schon früh zu verlassen).

Louis hat sich aus seinen ärmlichen Verhältnissen befreit. Nach dem Abitur studiert er und schreibt das vorliegende Buch. Trotz des persönlichen Happy Ends liest sich seine Autobiografie wie eine Abrechnung. Seine Charakterstudien zeigen, dass er den Menschenschlag, den er hinter sich gelassen hat, durchaus versteht, dennoch hält sich sein Verständnis für die Unterschicht in Grenzen.

Hin und wieder zeigt Louis aber auch Mitgefühl – für seine Mutter zum Beispiel, indem er schreibt:

Sie dachte, sie hätte Fehler begangen, sich ohne es wirklich zu wollen den Weg in eine bessere Zukunft verbaut, in ein leichteres, bequemeres Leben, fern von der Fabrik und der ständigen Sorge, mit dem Budget der Familie nicht auszukommen – eine falsche Entscheidung genügte, und wir hatten am Monatsende nichts zu essen. Sie erkannte nicht, dass ihr Lebensweg, das, was sie ihre Fehler nannte, ganz im Gegenteil durch ein Regelwerk vollkommen absehbarer Mechanismen bedingt war, geradezu ausweglos von vornherein festgelegt. Ihr war nicht klar, dass ihre Familie, ihre Verwandten, ihre Geschwister und Kinder und so gut wie sämtliche Einwohner des Dorfs mit denselben Problemen kämpften, dass also das, was sie ihre Fehler nannte, in Wahrheit nichts anderes war als das erwartbare Ergebnis des ganz und gar normalen Laufs der Dinge.

E. Louis: Das Ende von Eddy

Man bleibt seinen Verhältnissen treu – vor allem deshalb, weil man andere Welten als die eigene nicht kennt. Louis fasst das sehr gut in Worte, indem er schreibt, dass er zwar wusste, dass andere Welten (Mittelschicht und Oberschicht) existieren, doch sie befanden sich außerhalb seines eigenen Erlebens und waren völlig unzugänglich, kamen ihm also irreal vor. Das gilt übrigens nicht nur für die Unterschicht, sondern für die meisten von uns.

Ist das Leben also doch vorhersehbar, ja schicksalhaft? Das wiederum bringt mich auf die Serie Devs (Alex Garland), die ich gerade gucke. Hier streiten die Verfechter des Determinismus gegen jene, die vom freien Willen des Menschen überzeugt sind. Das gibt dem Thema noch mal so etwas wie einen philosophischen Überbau, über den sich nachzudenken lohnt. Ansonsten hat die Serie allerdings nichts mit den rezensierten Unterschichtsromanen zu tun, die sich übrigens beide phantastisch lesen. Klare Empfehlung meinerseits!

MM


Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

Édouard Louis: Das Ende von Eddy (Fischer Taschenbuch)