Zwei Jungen spielen Fangen. Sie rennen lachend und kreischend durch die Wohnung. Bevor der ältere den Jüngeren packen kann, wirft letzterer mit aller Kraft die Tür vor seiner Nase zu. Es scheppert so laut, dass man es noch bis in den Garten hören kann. “Um Gottes Willen, wenn das Glas zerbricht!”, ruft Oma, doch sie ruft zu leise, um gehört zu werden. Die beiden Jungen haben ohnehin schon das Weite gesucht. Die Gefahr scheint vorüber, Oma widmet sich wieder ihrem Besteckkasten.

Keine fünf Sekunden später laufen die beiden Jungen – der jüngere vorneweg – noch einmal an ihr vorbei Richtung Wintergarten. Und wieder schlägt der Dreijährige mit voller Wucht die Tür zu. Im Wintergarten sitzen der Vater des kleinen Jungen, sein Großonkel und sein Opa, ins Gespräch vertieft. Das Knallen der Tür wahrnehmend, schauen sie kurz auf, ignorieren den Jungen aber. Als sich Opa einst über den „ungezogenen Bengel” beschwerte, hatte man ihm einen Maulkorb verpasst. Sein Erziehungsstil sei völlig überholt. Er habe damals ohnehin alles falsch gemacht, ergo kein Recht, sich einzumischen. Seitdem übt er sich in Toleranz.

“Warum sagt denn niemand was?”, fragt Oma, besorgt um ihre Tür aus Glas.

Die Jungen rennen nun in die entgegengesetzte Richtung, lassen aber keine Minute verstreichen, bis es sie wieder zum Wintergarten zieht. Noch einmal fällt die Glastür mit einem Krachen ins Schloss, so dass der Schlüssel in hohem Bogen herausschleudert. Der kleine Junge lacht vergnügt, bis Oma angerannt kommt, um ihm zu sagen, dass sie Angst um ihre Tür hat. Erst jetzt wird das Spiel in einen anderen Teil der Wohnung verlegt. Die Jungen verdrücken sich, die Männer erzählen sich weiter Geschichten. Oma geht zurück in die Küche, um aufzuräumen.
“Friedel wird bestimmt mal Chef!”, strahlt sie. “Der lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen, ha!” Sie gluckst leise. “Nein, dem nimmt keiner das Spielzeug weg.”
“Wahrscheinlich gehört er zu den Kindern, die anderen das Spielzeug wegnehmen”, merke ich an. Selbst dieser Einwand erfüllt Oma mit Stolz.


Vor zwei Stunden saß ich noch im Klassenraum meiner Tochter und habe auf der Elternversammlung Protokoll geführt. Diesmal war es mir also nicht möglich, mit den Gedanken abzuschweifen. Ich musste ganz bei der Sache bleiben. Zuhören. Und tatsächlich habe ich jeden Satz in mich aufgenommen wie ein Schwamm. Was hat mich das runtergezogen! 

Es ist kein Geheimnis, dass ich dem Schulsystem kritisch gegenüberstehe, allein schon weil sich die Schüler einem Lehrplan unterwerfen müssen – ganz zu schweigen von der kindlichen Lust am Lernen, die mit jedem Schultag ein wenig mehr schwindet, bis nichts mehr davon übrig ist. Deshalb hatte ich ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, als meine Kinder eingeschult worden sind. Ich hätte sie gern davor bewahrt, aber – wie so oft – fielen mir keine Alternativen ein. Ein großer Fan der Waldorfschule bin ich nicht, und die Freien Schulen in Berlin machten auch keinen sonderlich guten Eindruck auf mich.

Wie auch immer, seitdem die Kinder in der Schule sind, ist Routine eingekehrt, welche meine Gewissensbisse peu à peu zurückzudrängen vermochte. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kinder jeden Morgen wegzuschicken. Und sie haben sich – von einigen kleineren Beschwerden abgesehen – in ihr Schicksal gefügt. Hin und wieder treten meine Schuldgefühle noch zu Tage, wenn sich die Einträge in den Hausaufgabenheften mehren oder beide voller Scham eine schlechte Note zu rechtfertigen versuchen, obwohl sie wissen, dass mir Noten scheißegal sind.

Heute jedoch traten meine Gewissensbisse wieder zu Tage und trafen mich mit voller Wucht, als ich protokollieren musste, mit welch militärischer Strenge die Kinder dazu erzogen werden, “sich selbst zu organisieren”, „strukturiert zu arbeiten” oder “sich respektvoll zu verhalten”. Immer wieder begründete die Lehrerin ihren Einsatz damit, die Schüler lediglich auf die Anforderungen vorbereiten zu wollen, die mit jedem neuen Schuljahr steigen. Es werde schließlich nicht leichter, egal auf welche weiterführende Schule sie einmal wechseln. 
Das erinnerte mich doch stark an die Parolen des aktiennotierten Unternehmens, in dem mein Mann arbeitet. Nie gibt es einen Status quo, auf dem man sich ausruhen könnte. Stets wird nach Höherem gestrebt. Mehr Geld, mehr Marktanteile, mehr Kunden, mehr Einfluss, mehr, mehr, mehr. Dafür sollen sich die Mitarbeiter gefälligst auch mehr ins Zeug legen. Es wird tatsächlich nicht leichter, nie.

Es vergeht kaum ein Wochentag, an dem die Lehrerin keinen Test schreibt, oder das Wissen der Kinder mündlich abfragt. Das ganze wird natürlich benotet, Fleiß soll schließlich belohnt werden, Faulheit bestraft. (Woran erinnert mich das schon wieder? -Ach ja, an den typischen Politikersprech, wenn mal wieder begründet wird, warum Hartzies kein Recht auf einen höheren Regelsatz haben.

Ist ein Kind krank, muss es die verpassten Unterrichtsinhalte nacharbeiten, und zwar ALLES. Hier stellte eine Mutter die berechtigte Frage, wie ein krankes Kind das denn schaffen soll. Dafür hatte die Lehrerin glücklicherweise Verständnis: Dann müsse das Kind den Stoff erst nachholen, wenn es gesund ist, neben dem Unterricht, den es dann wieder besucht, und neben den Hausaufgaben, die ja auch noch auf dem Plan stehen. Es genügt übrigens nicht, einfach zu behaupten, man habe den Stoff nachgearbeitet. Es muss ein schriftlicher Beweis erfolgen, welcher der Lehrerin vorgelegt wird.

Dass schon in der fünften Klasse ein solcher Druck auf Schülerinnen und Schüler ausgeübt wird, hat mich sprachlos gemacht. Das Ganze vorgetragen wie eine Salve aus dem Maschinengewehr: Bam-bam-bam, fresst die Fakten, ihr Maden! Und dann verschwindet wieder in die Löcher, aus denen ihr gekrochen kamt. No discussion, please.

Einzig die Tatsache, dass meine Tochter ihre Lehrerin trotzdem schätzt, ja oft sogar in den höchsten Tönen von ihr spricht, mildert meinen Gesamteindruck etwas. Meine Gefühle sind nicht die meiner Tochter, meine Erfahrungen ebenso wenig. Sie muss es in der Schule aushalten, nicht ich. Sie hat sich in das System ihrer Lehrerin eingepasst. Belohnt wird ihr konformes Verhalten mit Lob und guten Noten: die Klasse sei die sozialste und disziplinierteste an der gesamten Schule, alle verstünden sich bestens, die Kinder erfüllten ihre Aufgaben entsprechend gut.

Offenbar brauchen sie das: Eine Lehrkraft, die stets auf die Einhaltung der Regeln pocht, die keine Kompromisse kennt – und die Fehlverhalten nicht ignoriert. Sie ist das ganze Gegenteil von mir und doch muss ich ihre Leistung anerkennen. Letztlich vermittelt sie den Kindern die Grundvoraussetzungen, um in einer Gesellschaft zu bestehen, in der die eigene Freiheit immer an die Freiheit des anderen grenzt.

Auch ein Chef kann nicht machen, was er will. Gerade ein Chef kann nicht machen, was er will.

MM