Um es gleich vorweg zu sagen, bei der Serie Devs (oder in anderer Schreibweise Deus = lat. Gott) geht es ums Ganze: Leben, Tod, Untersterblichkeit. Trotzdem kommt die nur acht Episoden umfassende Mini-Serie ohne viel Pathos aus. Still und leise spinnt sie ihre Fäden rund um den fiktiven Tech-Konzern Amaya, dessen Gründer Forest mittels Code die Zukunft berechnen will.

Warum Devs?

Nachdem wir mit der vierten Staffel von The Expanse durch waren (und die fünfte noch immer nicht fertig produziert ist), brauchten wir Serien-Ersatz. Da kam Devs gerade recht – zumal die Serie als Science-Fiction bezeichnet wurde UND von Alex Garland stammt. Der Brite ist mir als Romanautor (Der Strand) und Regisseur (Auslöschung) positiv in Erinnerung geblieben. Wir brauchten also nicht lange zu überlegen…

Was die Serie (nicht) ausmacht

Nach der ersten Folge von Devs waren wir schon etwas düpert: als Science Fiction kann man die Serie eigentlich nicht bezeichnen. Jedenfalls hatten wir nach The Expanse etwas anderes erwartet (ganz klassisch Raumschiffe, fremde Planeten, Aliens,…). Mangels Alternativen haben wir allerdings weitergeschaut.

Was sofort ins Auge sticht, sind die äußerlich völlig normal wirkenden Charaktere: kaum Make-up, keine tief dekolletierten Kleider, keine zur Schau gestellten Muckis. Im Gegenteil, der superreiche Forest, der einem ebenfalls in der Serie vorkommenden Obdachlosen erstaunlich ähnlich sieht, fährt ein uraltes, klappriges Auto, seine wahnsinnig intelligenten Mitarbeiter nehmen den Bus zur Arbeit. Stewart, einer der ersten im Devs-Team, hat nicht mal ein Haus. Stattdessen lebt er in einem alten Wohnmobil – unter einer Autobahnbrücke! Statusdenken und Äußerlichkeiten sind echten Nerds eben vollkommen wurscht.

Eigentlich kann man sich als Normalo mit keiner einzigen Figur in der Serie identifizieren – und trotzdem verfolgt man ihr Handeln mit wachsendem Interesse.

Darum geht’s

Was zählt, ist einzig allein die Vision, einen Quantencomputer zu entwickeln, der nicht nur die Vergangenheit rekonstruieren kann, sondern auch die Zukunft entwirft. Damit will Forest beweisen, dass der Mensch nichts frei entscheiden kann, weil sein Leben eine Aneinanderreihung von Kausalitäten ist.

Es soll seinem Team gelingen. Am Ende kennen sie die Zukunft und ergeben sich – allen voran Forest – in ihr Schicksal. Und genau das finde ich seltsam, denn wenn ich zum Beispiel ein Unglück voraussehen kann, dann versuche ich doch, die Geschehnisse so zu verändern, dass das Unglück nicht geschieht. Genau das tun Forest und seine Mitarbeiter jedoch nicht.

So sehen sie bspw. voraus, dass der Amaya-Sicherheitschef bei einer Mitarbeiterin einbricht, um sie und ihren Freund zu ermorden. In dem Falle hätte es doch genügt, diese Mitarbeiterin anzurufen und ihr davon zu erzählen, sowie die Polizei zu verständigen. Nichts davon geschieht. Dieses Abwarten (Mal schauen, ob die Maschine Recht behält…) hat mich echt aufgeregt.

Was fasziniert? Warum sollte man sich Devs anschauen?

Wenn man „Serie als Gesamtkunstwerk“ googelt, erscheint als allererstes Suchergebnis tatsächlich der Wikipedia-Eintrag von Devs. Das beschreibt die Serie wohl am besten: Sie ist Kunst.

Aber – und das sei allen ans Herz gelegt, die gerade innerlich zusammengezuckt sind – sie hat nichts mit Arthouse-Cinema gemein. Richtig gelesen: keine stundenlangen Einstellungen, in denen niemand ein einziges Wort sagt! Glaubt mir, sonst hätte ich nicht durchgehalten.

Kunst biezieht sich in diesem Sinne auf das Zusammenspiel von Thema/Philosophie, Bildsprache, Musik, Poesie und Setting. Schließlich beinhaltet Devs schwere Kost, geht die Serie doch der Frage nach, ob es einen freien Willen gibt oder alles vorherbestimmt (deterministisch) ist. Dies einem Publikum zugänglich zu machen, ohne dass es entnervt abschaltet, ist ebenfalls Kunst.

In der vorletzten Folge zitiert Stewart, einer der wenigen Charaktere, denen die Gefahr bewusst ist, die das Wissen um die Zukunft mit sich bringt, das folgende Gedicht (leider habe ich es nicht auf deutsch gefunden):

Aubade von Philip Larkin

I work all day, and get half-drunk at night.   
Waking at four to soundless dark, I stare.   
In time the curtain-edges will grow light.   
Till then I see what’s really always there:   
Unresting death, a whole day nearer now,   
Making all thought impossible but how   
And where and when I shall myself die.   
Arid interrogation: yet the dread
Of dying, and being dead,
Flashes afresh to hold and horrify.

Doch Forest, an den es adressiert ist, kennt es nicht und kann es auch nicht mit seinem Tun in Zusammenhang bringen. Das Leben außerhalb seiner Tech-Blase (darin inbegriffen alle anderen Menschen) interessiert ihn nicht.

Devs mag nicht meine allerliebste Lieblingsserie geworden sein. Nichtsdestotrotz entfaltet sie eine enorme Sogwirkung. Als Zuschauer hat man das Gefühl, etwas ganz Essentiellem beizuwohnen. Der Alltag ist nebensächlich.

MM