Wer diesen Blog schon ein Weilchen verfolgt, wird vermutlich annehmen, ich sei eine Leseratte. Tatsächlich war ich mal eine – bis das Internet erfunden wurde. Seither fällt es mir immer schwerer, mich auf das Lesen eines Buchs zu konzentrieren. Zumeist liegt mein Smartphone griffbereit und es muss nicht einmal irgendwelche Töne von sich geben. Seine bloße Anwesenheit genügt, um gar nicht erst in den Lese-Flow zu geraten.

Trotzdem hat es mich mal wieder in den Fingern gejuckt und ich habe mir einen ganzen Stapel Bücher bestellt. Damit ich sie nicht umsonst gekauft habe, werde ich mich selbst überlisten: Ich habe mir vorgenommen, über jedes einzelne von ihnen auf diesem Blog zu schreiben, so dass ich gezwungen bin, sie zu lesen. Ambitioniert wie ich bin, habe ich mit dem kürzesten Buch angefangen:

Ist heute schon morgen?

wie die Pandemie Europa verändert

von Ivan Krastev, einem bulgarischen Politologen, von dem ich zuvor noch nie gehört habe. Amazon hat mir seine Analyse, wie die Corona-Pandemie Europa verändert, vorgeschlagen – und ich habe den Vorschlag für interessant genug befunden.

Und, nein, ich wurde nicht enttäuscht. Krastev fasst die durch diverse Lockdowns verursachten politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen scharfsinnig zusammen. Was mich dabei besonders erstaunt hat, ist das Erscheinungsdatum des 96 Seiten umfassenden Büchleins: Juni 2020.

Das wiederum bedeutet, dass Krastev sich bereits vor einem Jahr Gedanken über die Pandemie gemacht hat, die jetzt, 2021, immer noch in vollem Gange ist. Und seine Schlussfolgerungen haben immer noch Gültigkeit. Krastev hat die Zukunft somit richtig gedeutet.

Ich persönlich erlebe die Pandemie ja als etwas Negatives, da mit Einschränkungen verbunden (Kontaktverbote etc.). Der Bulgare Krastev aber zieht durchaus positive Schlüsse: So werde autoritäres Gedankengut – vor der Corona-Krise noch als ernsthafte Gefahr für die Demokratie gewertet – in der europäischen Bevölkerungen nun nicht mehr so sehr befürwortet. Im Gegenteil, Populisten können sich die Krise nicht zunutze machen:

Die Tatsache, dass Bürgerrechte und Freiheiten auf Eis gelegt werden, wird eher zu einer Ablehnung als zu einer Befürwortung des Autoritarismus führen.

Ivan Krastev

Zu einem ähnlichen Resultat kommt der Soziologe Oliver Nachtwey, der die Querdenker-Bewegung unter die Lupe genommen hat. In einem Interview mit dem DLF erklärt er seine Studienergebnisse.

Wer zu Hause bleibt, kann nicht partizipieren

Krastev spart allerdings ebenso wenig mit Kritik an der Vorgehensweise westlicher Staaten im Kampf gegen Corona, obwohl diese zunächst einmal auf Akzeptanz stieß:

Die Einmütigkeit, mit der die meisten Regierungen beschlossen, einen Lockdown zu verhängen und Notstandsgesetze einzuführen, erklärt, warum die Menschen überall auf der Welt bereit waren, die Verletzung ihrer Privatsphäre im Kampf gegen Covid-19 hinzunehmen.

Aber es handelt sich laut Krastev um eine einfallslose Nachahmungspolitik:

Die Regierungen kopieren nicht, weil sie sehen, dass die Strategien anderer Staaten funktionieren, sondern weil sie selbst keine Idee haben, was funktionieren könnte.

Ivan Krastev

Stay at Home heißt es nun seit über einem Jahr. Wer sich nicht daran hält, gilt schnell als verantwortungslos, doch, so Krastev: „Demokratie kann nicht funktionieren, wenn die Leute zu Hause bleiben müssen.“

Dennoch schließt der Politologe mit einem feierlichen Fazit:

Es mag vielleicht nur für die Dauer dieses einen seltsamen Moments in unserer Geschichte sein, aber wir können nicht leugnen, dass wir gegenwärtig erleben, wie es sich anfühlt, eine gemeinsame Welt zu bevölkern.

[…]

Covid-19 hat die Welt mit Weltoffenheit infiziert, während es die Staaten gegen die Globalisierung einnahm.

Ivan Krastev

Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert, von Ivan Krastev, Juni 2020, Ullstein Verlag