Ein Roman über die Jugend in den 90ern: Da fühlte ich mich sofort angesprochen! Schließlich bin ich selbst in dieser Zeit großgeworden. Die ersten Seiten schienen auch genau das zu versprechen, was ich von diesem Buch erwartete. Sie schilderten ein kleines Abenteuer zweier Cousins – die beiden stehlen aus Langeweile ein Kanu und paddeln zum Nackbadestrand eines Sees. Ein typisches Coming-of-Age-Thema und darüber hinaus sehr unterhaltsam erzählt.

Ich empfahl das Buch sofort meinem Sohn, der sich im selben Alter befindet wie der Held des Buchs: knapp 14 Jahre. Vielleicht würde er sich ein wenig in ihm wiedererkennen, dachte ich.

Ein bedrückendes Buch

wie später ihre kinder
© 2019 Hanser Berlin

Darüber hinaus liefert Wie später ihre Kinder Antworten auf die großen Fragen der Menschheit: Worin besteht der Sinn des Lebens? Wozu bin ich berufen? Was soll aus mir werden – und wie erreiche ich meine Ziele? -Perfekt für Sinnsuchende also! Und wer – wenn nicht Teenager – grübelt lang und breit über derlei Fragen nach?

Ein paar Seiten später nahm ich meine Empfehlung, die mein Sohn ohnehin beflissentlich überhört hatte, wieder zurück. Die Antworten, die Wie später ihre Kinder gibt, fallen leider alles andere als hoffnungsfroh aus. Ich finde sogar, ein Warnhinweis auf dem Buchtitel täte diesem Roman gut:

Nicht geeignet für Teenager und Menschen mit Selbstmordgedanken.

Das Erwachsenwerden mag seine Tücken haben, doch immerhin ist es mit der Erwartung verknüpft, dass man es irgendwann einmal besser haben wird. Das Erwachsensein hingegen ist bestenfalls ernüchternd, wenn man dem Autor Nicolas Mathieu glaubt.

Darum geht’s:

Doch zunächst zur Handlung, die in Form einer ausgeklügelten Story auf höchstem Niveau erzählt wird: Wie bei den Serien der Streaming-Dienste werden verschiedene Handlungsstränge und Protagonisten miteinander verwoben und bilden am Ende ein schlüssiges Gesellschaftsportrait.

Drei Teenager (und deren FreundInnen) werden etappenweise von ihrem 14. Bis zum 20. Lebensjahr begleitet. Sie alle wachsen im selben Wohnort auf, einer mittelgroßen Stadt in Ostfrankreich – und sie alle wollen nur eines: Dieser Stadt auf Nimmerwiedersehen den Rücken kehren, um es einmal weiterzubringen als ihre Eltern:

Anthony erkannte sofort das Lachen vom alten Grandemange. Seine Eltern schienen mal wieder ihr Feierabendbier mit den Nachbarn auf der Terrasse zu trinken. Er ging ums Haus. Die Casatis lebten ebenerdig, ringsherum nichts, bis auf einen halb verdorrten Rasen, auf dem seine Schritte wie Papier raschelten. Sein Vater wollte nicht auch noch zu Hause den Rasen pflegen und Unkraut jäten, also hatte er Roundup gesprüht. Seitdem konnte er sonntags unbehelligt Formel 1 gucken. Neben den Filmen von Clint Eastwood und den Kanonen von Navarone war das fast das Einzige, was ihm guttat. Anthony hatte nicht viel mit seinem Alten gemein, aber das wenigstens teilten sie: Glotze, Motorsport, Kriegsfilme. Im Halbdunkel des Wohnzimmers, jeder in seiner Ecke, das war das Höchstmaß an Intimität, das sie zuließen.

Mit den Eigenarten seiner Familie konnte sich [Anthony] immer weniger anfreunden. Seine Leute kamen ihm ziemlich klein vor, wegen ihrer Körpergröße, aber auch wegen der bescheidenen Jobs, wegen ihrer mickrigen Hoffnungen, sogar ihr Unglück war erbärmlich, das allgemeine wie das konjunkturbedingte. Sie wurden entlassen, geschieden, betrogen und bekamen Krebs. Sie waren ganz schön normal, und alles andere kam sowieso nicht infrage. So wuchsen die Familien wie Pflanzen auf einem Boden aus Wut, und das jahrelang angehäufte Leid konnte bei jeder Familienfeier, wenn der Pastis seine Wirkung zeigte, unvermittelt aus seinem unterirdischen Versteck hervorbrechen. Anthony fühlte sich überlegen. Er träumte davon, sich aus dem Staub zu machen.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Viel mehr haben die Jugendlichen allerdings nicht gemein: Anthony wächst in einer Reihenhaussiedlung bei seinem Alkoholiker-Vater und der ängstlichen Mutter auf. Hacine wohnt bei seinem Vater im Plattenbau, die Mutter ist längst nach Marokko zurückgekehrt. Steph hingegen kommt aus bürgerlichen Verhältnissen. Ihren Eltern geht es finanziell bestens. Dennoch strebt auch sie nach Größerem: Macht, Einfluss, Prestige. Sie wird die einzige der drei sein, die ihr Ziel zumindest ansatzweise verwirklicht: Immerhin kehrt sie der Provinz tatsächlich den Rücken, um in Kanada ihr Glück zu versuchen.  

Wie später ihre Kinder ist kein trauriges Buch, obwohl es von vielen kleineren und größeren Rückschlägen berichtet. Schlimmer als die Niederlagen, die das Leben für jeden der Protagonisten bereithält, ist jedoch diese unheimliche Ausweglosigkeit, in der sie sich befinden. Sie alle stecken von Anfang an in einer Sackgasse, egal wie sehr sie sich ein anderes Leben wünschen. Es ist ihnen unmöglich den Nährboden zu verlassen, der ihnen von ihren Eltern bereitet wurde. Obwohl sie alle Freiheiten haben, bleiben sie doch Gefangene ihrer Milieus.

Es gibt nicht wenige Leute, die ein Buch lesen, um dem Alltag zu entfliehen, vielleicht auch, um sich selbst ein Stück weit zu entkommen. Jene LeserInnen sollten unbedingt die Finger von Wie später ihre Kinder lassen. Denn hier wird man beim Lesen immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Auch wenn man längst kein Teenager mehr ist, scheinen sich die Gedanken, Ideen und Träume der Protagonisten mit den eigenen zu decken. Ihr Scheitern aber auch. Insofern schildert der Roman so etwas wie eine Universale Geschichte des Menschen voller Melancholie und Erbarmungslosigkeit.

Ich selbst habe mich sogleich an meine eigene Jugend erinnert gefühlt, vor allem an eine Fragestunde im Ethikunterricht. Wir sollten erzählen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellten. Ein Junge antwortete damals, er habe nur einen Wunsch: Heiraten, Kinder in die Welt setzen und ein Haus bauen. Ich war fassungslos. Was für ein Spießer, dachte ich. Von so etwas träumt man doch nicht – vor so etwas läuft man davon!

Tja, und nun lebe ich seinen Traum. Das Kaff, in dem ich wohne, ist sogar noch provinzieller als das, aus dem ich stamme. Nicht dass ich unglücklich wäre, aber es ist doch seltsam schicksalhaft: Ich wiederhole das Leben meiner Eltern. Genau das wollte ich eigentlich vermeiden.


Kaum ein Roman hat mich jemals so sehr deprimiert wie Wie später ihre Kinder. Trotzdem war ich süchtig nach diesem Buch, weil die einzelnen Geschichten nicht nur spannend sind, sondern auch wahnsinnig gut geschrieben.