Durch Zufall ist mir das Buch „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch in die Hände gefallen: Mein Sohn wollte einen Vortrag darüber in der Schule halten und hatte sich das Buch aus diesem Grunde besorgt.

Ich weiß nicht, wie er auf dieses Thema gekommen ist. Atomkraft oder Tschernobyl sind in unserer Familie selten Thema. Tatsächlich interessierte ich mich bislang nicht einmal für den Strommix unseres Energieversorgers. Das einzige Dilemma, das ich in der Atomkraft gesehen habe, war der Müll, der eine Million Jahre sicher gelagert werden muss. Nicht jede Nation geht schließlich so arglos wie Frankreich und Großbritannien auf die Suche nach einem geeigneten Endlager: ihren Atommüll kippten sie über Jahrzehnte (!) einfach in den Ärmelkanal… (Und nun streiten sie sich um die Fischfang-Quoten in ebendieser Region, Bon Appètit!)

Mit dem Buch der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat sich meine Sichtweise nun ein wenig geändert, vor allem im Hinblick auf die mögliche Einstufung der Atomenergie als „grün“ oder gar nachhaltig. Dieser Tage hört man ja immer wieder in den Medien von dieser absurden Idee, was mich dazu bewog, diesen Beitrag zu verfassen.

Alexijewitsch hat sich zehn Jahre nach dem Reaktorbrand im AKW Tschernobyl auf die Suche nach Zeitzeugen begeben, um diese zu interviewen. Die entstandenen Berichte hat die Autorin wie Monologe niedergeschrieben, so dass man als LeserIn den Eindruck bekommt, man unterhalte sich persönlich mit dem Menschen. Mir klangen ihre Worte noch lange in den Ohren. Es kam mir vor, als habe Alexijewitsch mehr als nur Sätze niedergeschrieben, sondern die Zeitzeugen selbst festgehalten, ihre Seelen zwischen die Zeilen gebannt. Das war beeindruckend und beängstigend zugleich – und sehr traurig. Ich musste immer wieder innehalten, weil mir meine Tränen die Sicht versperrten.

Dummerweise habe ich den Fehler gemacht, das Buch vorm Schlafengehen zu lesen, was mich nachhaltig vom Einschlafen abhielt. Ich war einfach zu aufgewühlt und erschüttert. Denn leider wird in dem ein oder anderen Zeitzeugenbericht auch sehr genau auf die Strahlenkrankheit eingegangen, vor allem wie unvorstellbar qualvoll es ist, daran zu sterben.

Nach unserem slawischen Brauchtum dürfen Verwandte den Toten nicht selber waschen und anziehen. Man schickte zwei Sanitäter aus dem Leichenschauhaus, sie baten um Wodka. „Wir haben alles gesehen“, bekannten sie. „Unfalltote, zerstückelte Leichen, tote Kinder nach einem Brand… Aber so etwas noch nicht… Am schlimmsten sterben Tschernobyl-Opfer…“

S. Alexijewitsch: Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft

Noch heute sehe ich den himbeerfarbenen Schein vor mir, der Reaktor leuchtete irgendwie von innen. Es war kein gewöhnliches Feuer, sondern so ein Glühen. Wunderschön. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, nicht mal im Kino. Abends strömten die Leute auf die Balkons, wer keinen hatte, ging zu Freunden oder Bekannten. Wir wohnten im neunten Stock, hatten beste Sicht. Kleine Kinder wurden auf den Arm genommen. […] Wir wussten nicht, dass der Tod so schön sein kann. Aber ich würde nicht sagen, dass er ohne Geruch war. Es war kein frühlingshafter und auch kein herbstlicher Geruch, da war etwas anderes, auch kein Erdgeruch… Es kratzte im Hals und die Augen tränten.

S. Alexijewitsch: Tschernobyl

Befürwortern der Atomkraft möchte ich dieses 1997 zum ersten Mal erschienene Buch ans Herz legen. Vielleicht bewirkt es ein Umdenken. Es wäre wünschenswert.

Die atomare Katastrophe liegt noch nicht lange zurück. 1986 brannte es in Tschernobyl. Da war ich schon auf der Welt. Und Fukushima erst!: Das Unglück passierte 2011. Dennoch erscheinen uns beide Katastrophen so weit weg, als würden sie uns nichts (mehr) angehen. Svetlana Alexijewitsch jedoch befördert sie mit Hilfe ihres Buches wieder in unser Bewusstsein, auf dass sie niemals vergessen werden:

Ich habe lange an diesem Buch geschrieben… Fast zwanzig Jahre… Ich habe mit ehemaligen Angestellten des Kraftwerks gesprochen, mit Wissenschaftlern, Medizinern, Soldaten, Umgesiedelten, Neusiedlern… Mit Menschen, für die Tschernobyl Hauptbestandteil ihrer Welt ist, für die es alles Innen und Außen vergiftet hat, nicht nur Boden und Wasser. Sie erzählten, suchten nach Antworten… Wir dachten zusammen nach… Oft hatten sie es eilig, fürchteten, es nicht mehr zu schaffen – ich wusste noch nicht, dass der Preis ihrer Zeugenschaft ihr Leben war. „Schreiben Sie das auf…“, sagten sie immer wieder. „Wir haben nicht verstanden, was wir sahen, aber es soll bewahrt werden. Irgend jemand wird es lesen und verstehen. Später… Nach uns…“ Ihre Eile war berechtigt – viele von ihnen leben nicht mehr. Aber sie konnten noch ein Signal setzen…

(zititert aus: S. Alexijewitsch: Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft )

MM