„Wie alle anderen Tiere weichen wir vor allem, was uns mit dem Tode bedroht, mit Entsetzen zurück. Im Unterschied zu anderen Säugetieren jedoch wissen wir Menschen, dass wir sterben müssen“, schreibt Carlo Strenger in seinem 2011 erschienen Buch „Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit“. Und auch diese Angst befällt nur den Menschen, da ihm seine Sterblichkeit eben bewusst ist.

Da ein Tier nicht weiß, dass es irgendwann aufhören wird zu existieren, kann es unbekümmert in den Tag hineinleben. Es macht sich keine Sorgen über ungenutzte Möglichkeiten oder verpasste Chancen. Es lebt einfach. Der Mensch aber zermartert sich das Hirn, um einen Sinn zu erkennen, strebt nach Höherem, will zumindest in der Nachwelt weiterleben, weil er nicht wirklich akzeptieren kann, dass er sterben wird.

Warum leben, wenn wir ohnehin sterben?

Jene Nicht-Akzeptanz des eigenen Todes ließ den Menschen erfinderisch werden:

Damit wir nicht dem nackten Schrecken ausgeliefert sind, den wir angesichts des Todes empfinden, verschreiben wir uns bestimmten Weltanschauungen. Diese haben eine zweifache Funktion: Zum einen vermitteln sie uns einen Sinn; sie erklären uns, wozu wir auf dieser Erde sind, und sie sagen uns, wie wir unser Leben strukturieren können. Zum andern geben uns diese Weltanschauungen Schutz, indem sie uns die Erfahrung vermitteln, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von einzigartigem Wert (Religion, Nation oder Rasse) macht uns eo ipso zu wertvollen Individuen und stützt auf diese Weise unsere Selbstachtung.

[…] In jedem Fall aber bieten die Religionen die effizienteste Form der Verleugnung des Todes.

Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Glücklich also jene, die Halt im Glauben (an wen oder was auch immer) finden. Aber was ist mit den anderen? -Was ist mit mir, die ich weder religiös noch nationalistisch noch rassistisch bin?

Obwohl Strenger immer wieder auf Religionen eingeht, adressiert er mit seinem Buch vor allem den Bewohner westlicher Gesellschaften, den er Homo globalis nennt. Jener Mensch mag vielleicht nicht mehr an Gott glauben, einen Lebenssinn bastelt er sich trotzdem zusammen – mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Welten

Strengers Ideal ist der Weltbürger, der sich an den Denktraditionen des Antiken Griechenlands und der Europäischen Aufklärung orientiert. Er ist sich bewusst, dass seine Weltanschauung nur eine von vielen ist, bleibt aber immer offen für die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden – und für die Kooperation! Er möchte die Welt verstehen, um verantwortungsvoll in ihr zu leben.

Jenes Ideal ist momentan allerdings nicht mehr en vogue. Im Gegenteil, Strenger identifiziert eine weit um sich greifende Entwertung des Denkens. Das Hirn zu benutzen, um zu Selbsterkenntnis und Autonomie zu gelangen, entspricht einfach nicht mehr dem Zeitgeist.

Es geht schließlich einfacher – und damit reflektiert Strenger nun die Wirklichkeit – indem man sich den Anforderungen des Marktes unterwirft. Denn der verspricht: Die Welt ist ein riesiger Selbstbedienungsladen an Identitäten, Gütern und Möglichkeiten – greif dir nur alles heraus, was dir gefällt! Mach was aus dir, und zwar das Beste!

Also begeben wir uns – angefeuert durch Medien und Influencer – in ein Hamsterrad der Selbstoptimierung, streben nicht nur nach Selbstverwirklichung gekoppelt mit guter Entlohnung, sondern auch nach bedeutsamen Hobbys (Brunnenbau in Afrika), Kreativität und ewig jugendlichem Aussehen.

Sind doch alle Ordnungen des Menschen darauf eingerichtet, daß das Leben in einer fortgesetzten Zerstreuung der Gedanken nicht gespürt werde.

Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen

Da gibt es nur einen klitzekleinen Haken: Verharrt man trotz aller Chancen, die man (nicht) ergriffen hat, irgendwo im Mittelfeld, wird dies schonungslos mit Scheitern assoziiert. So ein schlaues Mädel, hat sogar studiert(!) – und arbeitet nun im Call Center. Loser.

„Die reale oder vermeintliche Erfülltheit der anderen lässt die eigene Unerfülltheit noch schmerzhafter hervortreten“, beschreibt Andreas Reckwitz in „Die Gesellschaft der Singularitäten“ diesen Geisteszustand sehr bezeichnend. Zu dumm, dass die (vermeintlichen) Erfolge dank Sozialer Medien so präsent sind wie nie zuvor.

Wer da nicht mithalten kann, ist schnell unzufrieden mit sich selbst, wird vielleicht sogar depressiv und hat das Gefühl, „kein Leben zu leben, das wirklich einen Sinn hat“. Aber auch der Erfolgreiche wird angesichts der Oberflächlichkeit seines konsumorientierten Daseins zugeben müssen, dass die Warenwelt zwar viel Komfort bietet, aber kaum Halt.

Man muss kein Philosoph sein, um zu erkennen, dass ein solches Leben tatsächlich wenig Sinn macht. Es richtet sich lediglich danach, Unmengen an Energie und Ressourcen freizusetzen, um Spaß zu haben und glücklich zu sein und gleichzeitig anderen zu beweisen, wie viel Spaß man hat und wie glücklich man ist.

Mehr Weisheit wagen, lautet die Alternative

Ich habe schon viele Bücher gelesen, die gesellschaftliche und individuelle Probleme dezidiert schilderten, den Leser jedoch ratlos zurückließen, weil sie keine Lösungen anboten. Diesen Fehler begeht Carlo Strenger nicht (vermutlich weil er weiß, wie es um die Denk-Bereitschaft seiner Leser bestellt ist…). Im Gegenteil, der Psychoanalytiker zeigt klar und verständlich auf, wie der Mensch zu einem sinnerfüllten Leben finden kann.

An erster Stelle steht die Akzeptanz der eigenen Unzulänglichkeiten. Niemand von uns ist perfekt – und niemand kann jemals alles erreichen. Was uns die Werbung verspricht (Impossible is nothing), ist nicht nur übertrieben, sondern völliger Unsinn.

Allerdings dürfte der moderne Mensch arge Schwierigkeiten damit haben, einfach hinzunehmen, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind (und man sich auch mit einem mittelmäßigen Leben zufriedengeben kann). Impossible is nothing ist schließlich nicht nur ein Werbeslogan oder eine persönliche Meinung, der Spruch ist zur Weltanschauung geworden. Und Weltanschauungen halten sich zäh.

Hinzu kommt: Nicht nur das Individuum hat sich den Anforderungen des Marktes unterworfen, sondern auch die Politik, das Gesundheitswesen und – schlimmer noch! – das Bildungswesen. Unsere gesamte Welt ist von wirtschaftlichen Interessen verseucht.

Diese verbieten das Denken zwar nicht, doch sie drängen es in eine bestimmte Richtung, so dass es für den Markt attraktiv wird. Programmiersprachen zu beherrschen, ist zum Beispiel eine gute Voraussetzung für eine lukrative Karriere, ergo attraktiv. Über den Sinn des Lebens nachzudenken, kann hingegen nicht in Geld umgemünzt werden, ist also unattraktiv.

MINT-Fächer hui, Geisteswissenschaften pfui.

Strengers einfacher Vorschlag lautet nun, dem Druck zu widerstehen, zum Beispiel indem:

  • Kinder so erzogen werden, dass sie das Standvermögen entwickeln, sich nicht von gängigen Meinungen mitreißen zu lassen
  • wir den Geist trainieren, um die seelische Kraft aufzubringen, Konflikte auszuhalten
  • wir ein weises Wahlverhalten an den Tag legen (also die Neigung aufgeben, uns auf die Seite derer zu stellen, die wir mögen, weil sie so sind wie wir)
  • der Wert intellektuellen Bemühens wiederentdeckt wird
  • wir über grundlegende Fragen nachdenken

Alle philosophischen Traditionen mahnen uns, uns nicht mit den Begrenzungen abzufinden, die uns durch den Zufall der Geburt auferlegt sind, und die schmerzhafte Anstrengung auf uns zu nehmen, das notwendige Wissen zu erwerben, das wir brauchen, wenn wir zu einer Weltanschauung gelangen wollen, die der Wahrheit so nahe kommt wie nur möglich.

Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Uff, das war jetzt sehr theoretisch, nicht wahr? Nichtsdestotrotz klingt es machbar. In sich gehen, nachdenken, zweifeln, kritisieren, wachsam bleiben,… das dürfte kein Ding der Unmöglichkeit sein. Ich frage mich nach der Lektüre des Buchs jedoch: Wozu das alles?

Was nützt es mir, weise zu sein, wenn ich nur mir selbst genüge, allerdings nicht den Standards der Gesellschaft, in der ich lebe? Der Mensch ist nun mal ein Herdentier und macht sein Selbstbild stark davon abhängig, was andere von ihm denken. Und: Wer möchte schon für einen Loser gehalten werden?

Möglich ist ein Abkehr vom Anti-Intellektualismus erst dann, wenn sich viele zum Denken bekennen. Davon sind wir aber m.E noch weit entfernt.

MM


Geboren wurde Carlo Strenger am 16. Juli 1958 in Basel, wo er in einer jüdisch-orthodoxen Familie aufwuchs. Später wandte er sich vom Glauben ab und der Psychologie zu und wanderte nach Israel aus. Dort wurde er ein prominenter linksliberaler politischer Kommentator, arbeitete als Psychoanalytiker und Therapeut und verfasste zahlreiche Bücher. (Quelle: Deutschlandfunk Kultur)

Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit – Das Leben in der globalisierten Welt sinnvoll gestalten, Psychosozial-Verlag (2016)