Im Sommer war ich mit meiner Tochter, meiner Schwester und ihrem Sohn zusammen eine Woche lang im Urlaub. Mein Sohn war mit Freunden unterwegs und so blieb mein Mann allein zu Haus. Er arbeitete – wie immer – im Homeoffice und musste obendrein auf den Hund aufpassen. So weit, so unproblematisch. Als meine Tochter und ich zurückkamen, schien er dennoch außergewöhnlich erleichtert zu sein.

Später erzählte er mir, er hätte praktisch nie seine Ruhe gehabt. Täglich seien die Nachbarskinder zu Besuch gekommen. Egal, was er tat und wohin er ging, sie begleiteten ihn. Saß er auf der Terrasse und rauchte, setzten sie sich zu ihm und unterhielten sich mit ihm. Ging er ins Wohnzimmer und schaltete seine Konsole an, wollten sie ihm beim Computerspielen zusehen.

Es ist nicht so, dass er die beiden Mädchen nicht leiden kann, aber er ist nun mal weder ihr Vater noch ihr Freund. Er fühlt sich ihnen nicht verbunden und hat ihnen auch nichts zu sagen. Kurz, er möchte von ihnen in Ruhe gelassen werden. Aber das kann und konnte er ihnen nicht sagen, weil er nie gelernt hat, einen Menschen zurückzuweisen. Er war ihnen also eine Woche lang hilflos ausgeliefert.

Als er mir davon erzählte, lachte ich mich scheckig. Ich stellte mir dieses seltsame Dreiergespann einfach zu drollig vor! (Erst später wurde mir bewusst, dass er zum einen wirklich gelitten hat – und zum anderen, dass auch die Mädchen irgendeinen Leidensdruck verspürt haben mussten.)

An der Situation hat sich seither nichts geändert. Die beiden Mädels sind nach wie vor fast jeden Tag bei uns. Und da sie uns schon seit Jahren besuchen, habe ich mich längst daran gewöhnt. Es ist Normalität geworden. Lediglich meine andere Nachbarin fragt mich hin und wieder, ob es mir nicht langsam zu viel werde. Dabei schaut sie mich nachdenklich an und ich realisiere langsam, was sie wirklich sagen will: Was stimmt da eigentlich nicht, wenn Kinder ihr eigenes Zuhause permanent meiden?

Ich mag den Vater der beiden Mädels. Er ist nicht nur wahnsinnig gastfreundlich und zugewandt, sondern auch durch und durch kultiviert. Wie seine Töchter neigt er dazu, viel zu reden, aber das macht mir nichts aus. Seine Geschichten haben einen hohen Unterhaltungswert.
Er kommt mir manchmal vor wie ein Besucher aus der Vergangenheit, jemand, der aus der Zeit gefallen ist. Ein Vertreter des Bildungsbürgertums, der sich von Trends nicht beeindrucken und erst recht nicht beeinflussen lässt. Seine Art zu denken ist mir sehr willkommen, denn sie ermöglicht mir den Blick über den Tellerrand. Wir sitzen hin und wieder zusammen und trinken Kaffee.

Was unsere Erziehungsmethoden angeht, könnten wir jedoch nicht weiter auseinanderliegen. Er hat schon früh gelernt, wie man Vierbeiner dressiert und ist dabei zur Expertise gelangt. Leider ist er dem Irrglauben erlegen, man könne die Erziehung eines Hundes 1 zu 1 auf Menschenkinder übertragen.

Zugegeben, es mag Übereinstimmungen geben. Wenn ich ein kleines Kind dabei beobachte, wie es artig das Patschehändchen zum Gruß reicht und peinlich darauf achtet, den Ellenbogen beim Essen ja nicht auf den Tisch zu legen, geht mir unweigerlich der Gedanke durch den Kopf, ein dressiertes Äffchen vor mir zu haben.

Tischmanieren sind indiskutabel. Sie einem Kind beizubringen, gleicht insofern einer Dressur. Alles, was über „gute Manieren“ hinausgeht, erfordert jedoch eine gewisse Kooperation zwischen Eltern und Kindern. Im Gegensatz zu einem Tier kann ein Kind schließlich reflektieren – und seine Eltern ggf. auch in Frage stellen. Vielleicht lernt es sogar, nein zu sagen! (Vielleicht auch nicht, siehe oben…)

Da ich selbst schon oft in der Erziehung meiner eigenen Kinder versagt habe, nehme ich mir nicht das Recht heraus, meinen Nachbarn zu kritisieren. Er ist ohnehin selten zu Hause und überlässt seine Mädchen somit ihrer Mutter, die klar erkennen lässt, dass sie ihre Töchter nur liebt, wenn sie gut funktionieren. Dass Liebe an Bedingungen geknüpft wird, ist sicherlich nichts Ungewöhnliches und wird in vielen Familien praktiziert – was mich natürlich nichts angeht.

Einmal musste ich mich trotzdem aus meiner Komfortzone herausbegeben und meinen Nachbarn zurechtweisen: Es ging dabei um die Angewohnheit, seine kleine Tochter spät abends zu wecken und aus dem Bett zu holen, wenn ihm auffiel, dass sie zum Beispiel ihr Handtuch nach dem Duschen einfach auf den Boden geworfen hatte, statt es aufzuhängen. Er weckte sie also und sie durfte erst wieder schlafen gehen, wenn sie aufgeräumt hatte.

Wegen einer solchen Lappalie ein Kind aus dem Schlaf zu reißen, finde ich so unmenschlich, dass ich ihn bat, es in Zukunft sein zu lassen. Er schien es zu verstehen.

Vermutlich ist es nichts weiter als die Flucht vor der Dressur, die seine Mädels in meine Arme treibt – oder wahlweise dazu bringt, meinen armen Mann auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Ich weiß das und ich glaube, er weiß das auch. Es wird von ihm und seiner Frau stillschweigend hingenommen, als hätten sie ihr Versagen akzeptiert und dem nichts entgegenzusetzen.

Aber wie könnte ich ihnen einen Vorwurf machen? Ich kenne dieses Versagen nur zu gut – und kann mir trotz der Erkenntnis nicht helfen. Manchmal habe ich das Gefühl, egal, wie wir es anstellen, als Eltern sind wir immer zum Scheitern verurteilt.

MM