Rezension zu Hartmut Rosa’s Resonanz

Das dritte Buch meiner persönlichen Challenge trägt den Untertitel “Weltbeziehung” und unternimmt den Versuch, etwas wissenschaftlich zu definieren, was jeder von uns kennt, das allerdings un-be-greiflich erscheint. Der Autor und Soziologe Hartmut Rosa muss deshalb erst einen Begriff dafür finden (er wählt das Wort Resonanz), um im weiteren Verlauf diese Emotion(?), Verstrickung(?) oder eben Beziehung zur Welt auf knapp 800 Seiten zu erklären. Das liest sich verdammt theoretisch. Trotzdem habe ich mich wie ein Terrier darin festgebissen, vermutlich weil es mir selbst unbegreiflich war, wie Rosas Buch auf meiner Wunschliste landen konnte. 

Nun, wo ich das Buch schon gekauft hatte, wollte ich unbedingt verstehen, was Hartmut Rosa der Menschheit zu sagen hat. Ich glaube, am Ende habe ich das auch. Der zweite Teil des Buchs ist angefüllt mit Beispielen aus allen erdenklichen Lebensbereichen. Deshalb möchte ich einen Ratschlag vorwegschicken: Überspringt den ersten Teil und fangt gleich mit dem zweiten an!

Resonanz: Was soll das sein?

Wenn ich – wie in einem meiner letzten Beiträge – schreibe, dass ich keinen Draht zu Tieren habe, mögt ihr das als Redewendung lesen. Für Rosa ist es Ausdruck einer Form der Resonanz. Er geht den Gründen auf die Spur, warum man zu bestimmten Dingen oder Menschen einen Draht hat, wie dieser zustande kommt und auf welche Weise er unser Leben bereichert. Wie anfangs angedeutet, ist dies ein sehr theoretisches Unterfangen, gleichzeitig aber bedeutsam, weil es alles zusammenfasst, was den Menschen bewegt (seine Motivation). 

Dispositionale Resonanz bedeutet […], ihnen bzw. dem Fremden, Neuen und Anderen mit intrinsischem Interesse (das könnte interessant/spannend/faszinierend sein) und hoher Selbstwirksamkeitserwartung entgegenzutreten. […] Dispositionale Entfremdung dagegen meint eine Welthaltung, die von der Erfahrung ausgeht, dass die meisten und insbesondere die (noch) unbekannten “Weltdinge” langweilig und nichtssagend oder sogar bedrohlich und verletzend sind und dass sie dies auch bleiben […].

Hartmut Rosa: Resonanz

Vereinfacht gesagt, wir Menschen benötigen einen “vibrierenden Draht” zur Welt, um eine gelungene Weltbeziehung aufzubauen. Erst dann kommt es zur gegenseitigen “Berührung” und “Transformation”. Wir öffnen uns und die Welt antwortet. Rosa nennt diesen Prozess auch “Weltaneignung”.

Immer noch zu theoretisch? -Ich weiß…

Resonanz am Beispiel der Schule

Glücklicherweise erklärt es Rosa an verschiedenen Beispielen. Ich möchte an dieser Stelle das Thema Schule herausgreifen. Da wir alle einmal zur Schule gehen mussten und entsprechende Erfahrungen gesammelt haben, lässt sich der “Resonanz” hier wohl am ehesten nachspüren. Ich zitiere:

Eine Resonanzachse wird sich nur etablieren, wenn wir entdecken, dass wir in einem Fach oder einer Tätigkeit gut sein können, dass wir etwas zu erreichen und zu bewegen vermögen, dass uns das Material (die Geige, der Basketball, das Gedicht, das Parteiprogramm, der Neutronenstern) “antwortet”.

HARTMUT ROSA: RESONANZ

Rosa meidet den Begriff im gesamten Buch, aber ich denke, dass er hier etwas meint, das mit dem Flow vergleichbar ist. Man versenkt sich dermaßen in eine Tätigkeit, dass man alles um sich herum vergisst – sogar sich selbst und die Zeit. 

Der Lehrplan spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sei, welche Selbstwirksamkeitserfahrungen (Glaube an die eigenen Fähigkeiten) der Schüler sammle.

Wenn Resonanz misslingt

Doch nicht nur das “Material” muss sprechen, auch die Beziehung zu Lehrern und Mitschülern muss stimmen, um ein gutes Resonanzverhältnis herauszubilden. Zur Rolle des Lehrers wird im Buch der Philosoph Vergil zitiert: “Menschen sind wie Musikinstrumente, ihre Resonanz hängt davon ab, wer sie berührt.”

Das Gegenteil dieser gelungenen Weltbeziehung bezeichnet Rosa als Entfremdung. Hier stehen sich Subjekt und Welt indifferent oder gar feindlich gegenüber. Man “hat” beispielsweise Familie, Arbeit, Verein, Religion etc., aber sie “sagen” einem nichts. In einem Interview habe ich mal eine Frau sagen hören: „Ich habe nicht gelebt, sondern nur funktioniert.“ Ich denke, dass das ein gutes Beispiel für misslungene Resonanz ist.

Diese Art der Entfremdung ist natürlich auch in der Schule häufig anzutreffen, wenn sich bspw. Lehrer und Schüler feindlich gegenüberstehen oder der zu vermittelnde Stoff bedeutungslos, gar lebensfremd erscheint.

So weit, so nachvollziehbar. 

Es folgen allerdings noch ein dritter und vierter Teil, in denen Rosa zu belegen versucht, dass ein resonantes Leben nicht mit unserem Wirtschaftsmodell vereinbar sind. Resonanz beschränke sich in der Neuzeit nur auf einige zufällige Erlebnisse.

Wie ein Riss zwischen Ich und Welt

Jeder ist seines Glückes Schmied, lautet eine bekannte Redensart. Nicht nur Hartmut Rosa, sondern die Soziologie insgesamt belehren uns eines Besseren: Der Mensch, so Rosa, sei in die Welt gestellt. Im Gepäck habe er eine Geschichte, die viele Generationen zurückreicht, eine Sozialisation, die ihn seit der Geburt formt. Er ist Teil einer Gesellschaft und einer Kultur, deren Normen und Werte seine Denkweise bestimmt und von der er sich nicht lösen kann. Derart verflochten kann ein Individuum nie gänzlich frei handeln.

Doch Freiheit lautet die Verheißung der Neuzeit. Sie ist Teil unserer Vorstellung von einem guten Leben. Es ist die Freiheit, sich die Welt anzueignen (und somit glücklich zu werden), die uns Menschen dazu bewegt, unsere Reichweite und Ressourcen zu vergrößern. 

Was heißt das?:

In der Regel sind für spätmoderne Subjekte besser bezahlte Jobs attraktiver als weniger gut bezahlte, weil ein höheres Einkommen mehr Welt in Reichweite bringt oder verfügbar macht (wir können dann jederzeit fliegen, wohin wir wollen, kaufen, was wir wollen […]); das Abitur zu machen ist besser als nur eine Lehre zu absolvieren, weil es einen größeren Ausschnitt an Berufs- und Karrieremöglichkeiten zugänglich macht […]; die illustre Party mit den vielen interessanten Gästen wirkt selbst dann anziehend, wenn sie als gesteigerte Form des Sozialstresses empfunden wird, weil sie eine Erweiterung des sozialen Netzwerkes (und damit der sozialen Reichweite) um interessante Kontakte verspricht […].

HARTMUT ROSA: RESONANZ

Die Unvereinbarkeit von Wohlstand und Resonanz

Wer über eine größere Reichweite verfügt und mehr Ressourcen hat, der könne sich glücklich schätzen, schließlich führe er ein gutes Leben, so die gegenwärtige Logik. Was diese Logik jedoch vernachlässigt: Resonanz ist nicht käuflich. Das Glück lässt sich nicht schmieden. Was man stattdessen erwirbt, ist eine Resonanzverheißung, eine Glücks-Simulation. Diese aber befriedigt nicht langfristig: Der idealtypische Konsument ist nie zufrieden.

Wir – spätmodernen Subjekte der westlichen Hemisphäre – haben aber von Kindesbeinen gelernt, dass der Weg zum Glück unserer Kontrolle unterliegt. Wir müssen uns lediglich an einen Masterplan halten, der da lautet: gute Noten schreiben, dafür einen guten Job bekommen und letztlich gutes Geld verdienen.

Im Umkehrschluss heißt das, wir kennen keinen anderen Weg. Es gibt daher nur den einen (was wieder einmal belegt, das wir in Wirklichkeit nicht frei sind). Wir versuchen also, alles richtig zu machen, und verstehen uns selbst nicht mehr, wenn uns trotzdem hin und wieder ein Unbehagen beschleicht, Melancholie oder Traurigkeit erfasst, vielleicht auch das Gefühl, dies könne noch nicht alles gewesen sein.

Das Glück aber entzieht sich jedweder Kontrolle. Es gibt keinen einen Weg zum Glück. Oft tritt es ganz spontan auf, völlig unerwartet.

Wie man trotzdem glücklich wird…

…beantwortet Hartmut Rosa indessen nicht. Sein Buch ist schließlich kein Glücksratgeber 😉 Aber er macht immerhin Andeutungen:

Ein Buch fasziniert uns so lange, wie da noch etwas drin ist, was wir nicht völlig beherrschen, kennen, erschlossen haben. Deshalb glaube ich, man kann einerseits sagen: Eine vollständig verfügbar gemachte Welt wäre eine tote und stumme Welt. 

Hartmut Rosa im Interview mit dem dlf

Erfahrungen höchsten Gelingens und höchsten Glücks sind immer auch von einem Moment des Autonomieverlusts gekennzeichnet. Sie stellen sich genau dann ein, wenn wir von etwas überwältigt werden: von einer Idee, einer Musik, einer Person, in die wir uns verlieben, oder von einer Naturbegegnung zum Beispiel. Solche Begegnungen führen in aller Regel dazu, dass wir das Gefühl haben, etwas ändern zu müssen, dass wir uns verwandeln und noch dazu in eine Richtung, die wir weder vorhersagen noch kontrollieren können.

Hartmut Rosa: Resonanz

Meine Interpretation

Ich kenne eine Mutter, die ihrer Tochter ein Pferd schenkte, weil diese eben unbedingt ein eigenes Pferd haben wollte. Die Mutter dachte, dass ihre Tochter nun regelmäßig zum Reiterhof fahren würde, um dort ihr Pferd zu reiten. Und so war es zunächst auch. Nach dem Abitur aber schnappte sich die Tochter das Pferd und ein wenig Gepäck und wanderte los. Mittlerweile wandert sie schon seit mehreren Jahren quer durch Deutschland und schläft dabei oft unter freiem Himmel, macht zwar auch mal mehrere Monate bei Freunden halt, führt aber ein sehr unstetes Wanderleben. Was sie anfangs müde belächelt haben, treibt ihre Eltern mittlerweile in den Wahnsinn. Sie solle doch endlich studieren oder wenigstens eine Ausbildung anfangen, klagen sie, damit sie irgendwann richtiges Geld verdient und ein richtiges Leben führt. Dass ihre Tochter mit ihrem jetzigen Leben zufrieden ist, scheint für sie keine große Rolle zu spielen.

Hartmut Rosas Buch öffnet den ein oder anderen vielleicht gegenüber anderen (unkonventionellen) Lebensweisen. Jeder von uns fühlt sich nun mal von anderen Dingen angesprochen. Die einen hören darauf, die anderen verschließen sich.


So habe ich das Buch zumindest interpretiert. Das zu erkennen, hat mich mehrere Monate Lebenszeit gekostet. Wie oft war ich nahe dran, den Schinken in die Ecke zu pfeffern! Meine Güte, weshalb müssen deutsche Wissenschaftler immer so hochtrabend-kompliziert schreiben??? Ich meine, wer, bitte, bezeichnet Menschen als Subjekte?

Wenngleich das Buch und ich unsere resonanten Momente hatten (vieles darin ist wirklich einleuchtend und inspirierend!), bin ich doch froh, dass ich es hinter mir habe.

MM


Hartmut Rosa: Resonanz, Suhrkamp Verlag 2016