Wilhelm Heitmeyers „Autoritäre Versuchungen“ ist das zweite Buch, das ich mir im Verlauf meiner ganz persönlichen Buch-Challenge zu Gemüte geführt habe. Es hat mich auf Grund seiner Länge (fast 400 Seiten) und seiner wissenschaftlichen Sprache doppelt angestrengt. Und wer weiß, ob ich das Werk zu Ende gelesen hätte, wenn ich nicht meine im vorigen Text erwähnte List angewandt hätte.

Noch einmal kurz zu meiner Challenge: Ich habe mir fünf Bücher fünf verschiedener Autoren gekauft. Sie alle sind Sozialwissenschaftler, ergründen aber jeweils unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft.

Über die Entstehung von Nationalradikalismus

autoritäre versuchungen

Heitmeyer befasst sich mit der Entstehung von Rechtspopulismus und Nationalradikalismus in Deutschland. In seinem Buch „Autoritäre Versuchungen“ stellt er dazu Thesen auf, die er zum Beispiel mittels Umfragen und Statistiken wissenschaftlich untersucht und beweist.

Trotz der Brisanz seiner Erkenntnisse, liest sich das gerade in der ersten Hälfte des Buchs unheimlich schwer. Teils hatte ich auch das Gefühl, der Mann wiederholt sich andauernd. Da lobe ich mir doch die amerikanischen Wissenschaftler, die derart gut im Creative Writing geschult sind, dass sich ihre Texte so spannend lesen wie Romane.

Tatsächlich habe ich mir im Wechsel mit der Lektüre Heitmeyers auch „Strangers in their own land“ angehört. Hier widmet sich die Soziologin Arlie Russell Hochschild einer ganz ähnlichen Thematik (Warum verzeichnet die amerikanische Tea-Party-Bewegung solche Zuwächse?), allerdings ausschließlich im Süden der USA.

Und ewig gärt die Menschenfeindlichkeit

Und – wer hätte es gedacht? – Heitmeyer und Hochschild decken eine ganze Reihe von Paradoxien auf. Eine, die von beiden Soziologen sehr ausführlich untersucht wird, lautet:

Eine wachsende Anzahl von Menschen wird von Abstiegsängsten heimgesucht, fühlt sich also bedroht von Arbeitslosigkeit und dem damit verbundenen Statusverlust. Trotzdem werden nicht jene Parteien gewählt, die den unteren gesellschaftlichen Schichten durch entsprechende Programme (Mindestlohn, Mietendeckel, soziale Sicherheit etc.) unter die Arme greifen wollen, sondern im Gegenteil: rechtskonservative Politiker, die einseitig die Wirtschaft stärken wollen und eindeutig nur die Interessen der Wohlhabenden im Blick haben.

Alles so paradox hier…

Auch die Gründe für dieses widersprüchliche Verhalten sind in Deutschland und den USA recht ähnlich. Heitmeyer führt folgende Erkenntnis heran:

Ein Teufelskreis: Angst vor dem Abstieg führt nicht zur Solidarität mit anderen, sondern schlägt sich in Abgrenzung und verschärftem Konkurrenzverhalten nieder, welches wiederum auch denen schaden kann, die sich nach unten abgrenzen. Die Zunahme des sozialen Drucks führt zu einem weiteren Ansteigen des Angstniveaus und damit zur Festschreibung der Ausgangssituation.

[…] Zur Panikbekämpfung erfolgt dann eine Selbstaufwertung, die gleichzeitig die Abwertung von ungleichwertig markierten Gruppen bedeutet (Flüchtlinge, Migranten, Langzeitarbeitslose etc.).

Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen

Kapitalismus begründet Kontrollverlust

Der Sozialwissenschaftler liefert darüber hinaus eine Antwort auf die Frage, weshalb Feindseligkeiten anstelle von Solidarität getreten sind. Es liege am Wirtschaftsmodell des Kapitalismus, genauer des autoritären Finanzkapitalismus, der sich durch „Landnahmen“ nicht-kapitalistischen Terrains kennzeichne:

Dass die territoriale Landnahme seit einigen Jahrzehnten weitgehend beendet ist – inzwischen ist schließlich die gesamte Weltwirtschaft kapitalistisch organisiert -, hat zu einer „Landnahme des Sozialen“ geführt, die bereits Mitte der Siebzigerjahre begann.

[…]

Bröckling zufolge äußert die neoliberale Ökonomisierung des Sozialen sich, wie gesagt, im Leitbild des „unternehmerischen Selbst“, dem die Einzelnen sich anpassen müssen. Die Forderung lautet, dass man sich ständig ändern muss, um unvorhersehbare und rasante Marktturbulenzen abzufedern. […] Die Ärmsten der Gesellschaft wurden davon besonders getroffen, zumal zur gleichen Zeit der Wohlfahrtsstaat zurückgebaut wurde. […] Beide – staatliche Politik und individuelle Einstellungen – führen zusammen dazu, dass Kontrollverluste individuell bewältigt werden müssen – und eben keine Solidargemeinschaft die Verantwortung übernimmt.

[…]

Das Eindringen ökonomischer Prinzipien in die sozialen Verhältnisse erzeugt einen exzessiven und desintegrativen Individualismus. Das hat drastische Folgen: Gewalt und Ausgrenzung nehmen zu.

WILHELM HEITMEYER: AUTORITÄRE VERSUCHUNGEN

Mich persönlich hat es wirklich überrascht, inwieweit die Wirtschaftsform Denk- und Verhaltensweisen der Menschen beeinflusst. Schon dieser Erkenntnis wegen hat sich das Lesen der „Autoritären Versuchungen“ gelohnt. Natürlich ist es nicht die einzige, denn Heitmeyer analysiert sehr gründlich.

So beschreibt er noch weitere Zusammenhänge, die dem Rechtspopulismus in die Hände spielen – die mir jedoch nie bewusst waren. Denn sie durchdringen die Gesellschaft von oben, weil der (unterschwellige) Hass von Intellektuellen und Bürgerlichen geschürt wird. Wie das funktioniert, lest ihr in seinem Buch:


Autoritäre Versuchungen | Signaturen der Bedrohung I von Wilhelm Heitmeyer. Suhrkamp 2018


Von den Falschen gewürdigt

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Doch noch einmal zu Arlie Russell Hochschild, die sich fünf Jahre lang nach Louisiana begab, um dort für ihr o.g. Buch zu recherchieren. Auch sie ergründete das Phänomen, dass sich viele „Working-Class-People“ von einer Politik abwenden, die ihnen doch eigentlich nützt.

Sie interviewte zahlreiche Menschen, die nicht nur ökonomisch ausgebeutet wurden (Hire-and-Fire-Mentalität), sondern obendrein an den Folgen der Umweltverschmutzung erkrankten, die ihren skrupellosen Arbeitgebern zu verdanken ist. Trotzdem richtet sich ihr Ärger nicht gegen die Wirtschaft. -Unternehmen schaffen Jobs und seien aus diesem Grund unantastbar. Harte Arbeit wiederum zahle sich aus, weil sie die Erfüllung des American Dream ermögliche.

Das deutsche Äquivalent dazu nennt sich übrigens Fahrstuhleffekt: wachsender Wohlstand dank harter Arbeit – Generation für Generation. Sowohl der American Dream als auch der Fahrstuhleffekt haben jedoch ihre Gültigkeit verloren, denn:

Wie Hochschild herausstellt, bieten die Unternehmen dank Automatisierung und Digitalisierung immer weniger Arbeitsplätze für Geringqualifizierte (wie die von ihr Interviewten) an.

Was Heitmeyer und Hochschild verbindet

Um zu erklären, welche Gefühle dies in den Menschen auslöst, verwendet die Soziologin eine Metapher: Für den American Dream haben sich die Menschen brav in einer Reihe angestellt und auf ihren großen Tag hingearbeitet. Der rückt allerdings nicht näher (aus o.g. Gründen). Sie sind enttäuscht und wütend und finden einen Schuldigen: den Vordrängler.

Letzterer ist zumeist farbig, stammt aus armen Verhältnissen und wurde von der Regierung unterstützt – durch Arbeitslosenhilfe, Stipendien usw.. Er bekommt nun die besser bezahlten Jobs und erfüllt sich den Traum von Wohlstand und damit einhergehender Anerkennung schneller als sie. Und wie beendet man diese Ungerechtigkeit?: -Indem man jene wählt, die versprechen, jedwede Form der Sozialhilfe abzuschaffen, um die Armen dort zu halten, wo sie keine Konkurrenz darstellen, nämlich ganz unten.
Auch für diese Metapher gibt es im Deutschen eine ganz ähnliche Bezeichnung, die in letzter Zeit recht oft durch die Medien ging: die Abgehängten.

Für mich war es erstaunlich, zu erkennen, wie viele Parallelen diese beiden so unterschiedlichen Bücher aufweisen. Das eine rein wissenschaftlich und die deutschen Verhältnisse unter die Lupe nehmend, das andere sehr persönlich und auf die USA gemünzt, kommen sie doch zum gleichen Schluss:

Es geht nicht darum, jene zur Verantwortung zu ziehen, die tatsächlich Schuld an der Misere tragen (Wirtschaft, Politik), sondern Frust und Enttäuschung auf eine Gruppe abzuladen, die überschaubar und kaum wehrhaft ist (Farbige, Arbeitslose), um sich selbst aufzuwerten.

Und was sie trennt…

Diese perfide Logik, die ja im Grunde nicht neu ist, ist nicht alles, was Hochschild zu Tage fördert. Sie schafft mehr – und das macht ihr Buch so besonders (und absolut empfehlenswert). Anders als Heitmeyer, der mittels Analysen eine gesellschaftliche Gruppe untersucht, also immer aus der Position des Beobachters agiert, versucht Hochschild, sich mit ihren InterviewpartnerInnen zu identifizieren. Sie untersucht keine anonyme Masse, sondern erkennt in jedem ein ganz persönliches Schicksal, das sie unbedingt nachvollziehen und verstehen will. 

Vor allem aber zeigt die Soziologin, dass nicht mangelnde Bildung oder schlicht Dummheit dazu führen, einen Donald Trump zu wählen. Es ist vielmehr einer Kette von Verletzungen zuzuschreiben, vor allem verletztem Stolz und mangelnder Anerkennung. Die als White Trash u.ä. verschmähten Bewohner Louisianas sind – obwohl sie sich niemals als solche bezeichnen würden – selbst Opfer einer Entwertung geworden – und das nicht nur finanziell, sondern auch kulturell.


Strangers in their own Land | Anger and Mourning on the American Right
von Arlie Russell Hochschild