Es war da noch ein tieferer Grund, weshalb das Café der Stadt so viel bedeutete. Und dieser tiefere Grund hat mit einem gewissen Stolz zu tun, der hierzulande bisher unbekannt war. Um diesen Stolz zu begreifen, muss man sich vor Augen halten, wie wenig das menschliche Leben gilt. […]

Ohne zu überlegen weiß man, wie viel ein Ballen Baumwolle oder ein Liter Sirup kostet. Doch das menschliche Leben hat keinen Geldwert; es wird umsonst gegeben, und es wird uns genommen, ohne dass wir dafür bezahlen. Wie viel ist es wert? Wenn man um sich blickt, könnte man meinen, dass es wenig oder gar nichts wert ist. Oft, wenn man sich im Schweiße seines Angesichts abrackert und bemüht und seine eigene Lage doch nicht gebessert hat, regt sich in unserem innersten Herzen ein Gefühl, als wäre man selber auch nicht viel wert.

Doch der neue Stolz, der mit dem Café in diese Stadt gekommen war, berührte fast jeden, sogar die Kinder. […] Wie Kinder gern anderswo schlafen als daheim, so essen sie auch gern mal an eines Nachbarn Tisch, und bei solchen Gelegenheiten benehmen sie sich gesittet und sind sehr stolz. So waren auch die Leute aus der Stadt stolz, wenn sie an einem Tisch im Café saßen. Sie wuschen sich, ehe sie zu Miss Amelia gingen, und putzten sich vor dem Betreten des Cafés anständig die Schuhe ab. Dort im Café konnten sie wenigstens für ein paar Stunden die tiefe, bittere Erkenntnis vergessen, dass der Mensch in dieser Welt nicht viel wert ist.

Carson mccullers: Die Ballade vom traurigen café

Die Ballade vom traurigen Café: eine Geschichte, die nachdenklich stimmt

Weil ich wusste, dass ich über die Feiertage viel Zeit zum Lesen haben würde, bin ich zur Bibliothek gefahren und habe mir einen Stapel Bücher ausgeliehen, den ich dann auch gelesen habe. Doch kaum ein Buch davon hat mich mitgerissen, dabei waren zwei Literatur-Nobelpreisträger darunter…

Immerhin Carson McCullers hat mich nachdenklich gestimmt. Ihre Erzählung „Die Ballade vom traurigen Café“ liest sich so gut, dass ich kaum innehalten mochte. Im Großen ist es eine Geschichte über die Liebe und wie sie die Menschen zum Positiven verändert. Im Kleinen handelt sie von einem ungewöhnlichen Paar und seiner noch ungewöhnlicheren Liebesbeziehung: So erzählt sie von einer großen, starken und unabhängigen Frau, die sich Hals über Kopf in ihren verkrüppelten Vetter verliebt, der ihr nur bis zum Bauchnabel reicht. Im Zuge dieser Liebe entdeckt sie – Miss Amelia – ihre soziale Ader und eröffnet das titelgebende Café, das schließlich alle Bewohner der Kleinstadt gerne besuchen.

Die Geschichte nimmt also einen märchenhaften Verlauf, der zufriedenstimmt und das Herz erwärmt. Umso verstörender fällt das Ende der Geschichte aus, das wohl beweisen will, dass das Leben leider kein Märchen ist. Der Vetter hintergeht und verlässt Miss Amelia nach ein paar Jahren, doch er verlässt sie nicht einfach so: Zuvor zerstört er das Café und stielt alle wertvollen Habseligkeiten der großen Frau.
Der Liebe beraubt, verkriecht sich Miss Amelia in ihrem Haus und kommt nie wieder heraus. Sie begibt sich zurück in die Isolation, die ihr bereits aus der Zeit, bevor sie den Vetter kennen lernte, bekannt ist. Nun, da sie jedoch erfahren hat, wie schön es ist, sein Leben mit einem Menschen zu teilen, will sie nie wieder allein sein. Es ist eine unfreiwillige Isolation, in deren Folge sie sich letztlich völlig aufgibt.

Die Ballade vom traurigen Café ist kein Buch, das man befriedigt ins Regal stellt, nachdem man es ausgelesen hat. Vielmehr bleibt die Geschichte noch lange im Kopf, weil sie so schwer zu deuten ist. Ich habe die oben zitierte Textstelle ausgewählt, weil sie zeigt, wie gut McCullers ihre Mitmenschen kennt. Es gibt mehrere solcher Szenen im Buch, in denen man auch 80 Jahre nach Erscheinen der Novelle noch denkt: Ja, genau so ticken wir Menschen.

MM