Die Klimakrise macht nicht nur der Natur zu schaffen – sie kann auch unsere Psyche belasten. Wer erlebt, wie vertraute Landschaften trockener werden, Bäume unter Schädlingen leiden oder vertraute Pflanzen von Neophyten verdrängt werden, kann Trauer und ein Gefühl von Verlust empfinden. Oder schlicht Klimaangst.
Für diese besondere Form des Kummers gibt es sogar einen Begriff: Solastalgie. Andere – vor allem jüngere – Menschen blicken mit großer Sorge in die Zukunft. Oder sie fühlen sich angesichts der gewaltigen Dimensionen des Klimawandels schlicht machtlos.
Die Klimakrise kann eine erhebliche psychische Belastung darstellen und bei manchen Menschen depressive Symptome begünstigen oder verstärken.
Doch die Klimakrise muss nicht zwangsläufig in Hoffnungslosigkeit münden. Im Gegenteil: Psychologen sehen einen wichtigen Ansatz darin, aus der empfundenen Ohnmacht wieder ins Handeln zu kommen.
Wer selbst etwas verändert, erlebt seine eigene Handlungsmacht – und kann damit auch seinen Blick auf die Zukunft verändern.
Projekte für Umwelt- und Klimaschutz
Ich persönlich gärtnere bereits wassersparsam – also: mission accomplished 😉
Nun, ich muss zugeben, dass ich mich darüber hinaus nicht besonders umweltschonend verhalte. Dafür habe ich es mir einfach zu gemütlich in meiner Komfortzone gemacht. Doch gerade die muss man verlassen, wenn man etwas bewegen will.
Aus diesem Grund möchte ich euch ein paar Projekte und Initiativen vorstellen, die nicht nur Visionen für eine klimagerechte Zukunft entwickeln, sondern auch Vorschläge machen, wie man der Klimakrise Einhalt gebieten kann.
1. Reinventing Society
Von diesem „Transformationshub, Sozialunternehmen und Reallabor“ habe ich durch den Deutschlandfunk erfahren. Letzterer übermittelt tatsächlich hin und wieder mutmachende News. In einer Gesprächsrunde über Zuversicht und Visionen fand Gründer Lino Zeddies wohlklingende Worte, wie man den gesellschaftlichen Wandel positiv beeinflussen könnte. Interessant.
Reinventing Society versteht sich selbst als Reallabor für eine „lebendige und regenerative Gesellschaft“. Dazu gehören unter anderem Workshops, Zukunftsgrafiken, Transformationsbegleitung und die frei zugängliche Infothek für Realutopien. Dort werden konkrete Ansätze gesammelt, die zeigen sollen, wie eine nachhaltigere und lebenswertere Gesellschaft aussehen könnte. –Von Urban Gardening und solidarischer Landwirtschaft bis zu Repair-Cafés, Bürgeräten und neuen Formen des Wirtschaftens.
Das Entscheidende an der Idee finde ich dabei weniger die einzelne Vision als den Perspektivwechsel dahinter: Statt immer nur zu fragen, was uns bei der Umsetzung neuer Ideen im Weg stehen könnte, geht es um die Frage, wie wir eigentlich leben wollen. Denn eine Zukunft, die wünschenswert erscheint, lässt sich leichter mitgestalten als eine, die ausschließlich aus Katastrophenszenarien besteht.
2. Project Drawdown
Beim internationalen Project Drawdown gefällt mir vor allem die Fülle an verschiedensten Ideen und Ansätzen, wie wirklich jeder von uns – vom Individuum bis zum Großkonzern – den CO2-Ausstoß verringern kann.
In ihrem inzwischen weiterentwickelten Drawdown Explorer werden mehr als 100 Technologien und Maßnahmen untersucht – von Wärmepumpen und Gebäudesanierung über erneuerbare Energien bis zu Aufforstung. Dabei geht es nicht um eine einzelne Wunderlösung: Project Drawdown betont ausdrücklich, dass viele verschiedene Ansätze zusammenwirken müssen.
Das Schöne daran: Aus dem abstrakten „Wir müssen etwas gegen den Klimawandel tun“ wird eine ziemlich konkrete Frage: Was funktioniert eigentlich schon – und was kann ich selbst dazu beitragen?
3. The Solutions Project
Das US-amerikanische The Solutions Project setzt weniger auf große Zukunftsvisionen als auf Menschen, die heute schon Veränderungen in ihren Gemeinden anstoßen. Die Organisation unterstützt vor allem Graswurzelinitiativen, die sich etwa für saubere Energie, gesunde Lebensmittel, bezahlbaren Wohnraum, sauberes Wasser oder widerstandsfähigere Gemeinden einsetzen. Seit 2014 hat sie nach eigenen Angaben mehr als 360 solcher Gruppen finanziell unterstützt.
Die dahinterstehende Idee passt gut zu meinem Thema: Man muss nicht darauf warten, dass „die große Politik“ die Klimakrise löst. Veränderungen können auch in der eigenen Nachbarschaft beginnen. Gemeinsames Handeln wiederum verwandelt das Gefühl der Ohnmacht in ein Gefühl von Gestaltungsmacht.
4. Mothers Rise Up
Mothers Rise Up ist eine britische Initiative, die Eltern zusammenbringt, die sich für eine klimafreundliche Zukunft ihrer Kinder einsetzen. Mit kreativen Aktionen macht die Organisation Druck auf Regierungen und Unternehmen. Beispielsweise für saubere Energie und eine bessere Luftqualität.
Dass solche Aktionen durchaus eine Reichweite entwickeln können, zeigt die Geschichte der Initiative: 2019 gingen rund 3.000 Eltern und Kinder in London für mehr Klimaschutz auf die Straße. Eine Kampagne gegen die Versicherung fossiler Projekte führte 2022 zu einem persönlichen Gespräch mit dem damaligen Vorsitzenden von Lloyd’s of London. Später folgten zahlreiche weitere Aktionen gegen die Unterstützung neuer Öl- und Gasprojekte. 2023 erreichte eine Aktion der Gruppe sogar ein Millionenpublikum über die britische Fernsehsendung „The Great British Bake Off“.
Mothers Rise Up zeigt damit vor allem eines: Aus der Sorge um die Zukunft kann gemeinsames Handeln entstehen. –Und aus einer kleinen Gruppe von Menschen kann eine Bewegung werden, die ihre Anliegen öffentlich sichtbar macht.
5. Ideal Location
Ideal Location verfolgt einen interessanten Ansatz: Die Plattform sammelt nicht nur Klimaschutzlösungen, sondern versucht herauszufinden, wo diese bereits umgesetzt werden und wer dahintersteckt. Rund 100 Lösungsansätze aus Bereichen wie Gebäuden, Städten, Landwirtschaft und Landnutzung wurden dafür untersucht.
Damit verändert sich auch hier der Blickwinkel. Aus der Frage „Ist eine andere Zukunft überhaupt möglich?“ wird die viel konkretere Frage: „Wo passiert sie bereits?“ Gerade angesichts von Klimaangst kann das ein ermutigender Perspektivwechsel sein. Außerdem findet man hier gleich Projekte, an denen man mitwirken kann.
6. D2030: Wie könnte Deutschland 2045 aussehen?
Ein weiteres interessantes Beispiel kommt aus Deutschland: D2030 – Deutschland neu denken e.V. Der Verein beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Deutschland in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnte. Gemeinsam mit Zukunftsforschenden und in Online-Dialogen hat D2030 zuletzt sieben Zukunftsbilder für ein klimaneutrales und sozial gerechtes Deutschland im Jahr 2045 entwickelt.
Die Szenarien reichen dabei bewusst über reine Klimaschutzmaßnahmen hinaus und beschäftigen sich mit gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen.
Das Besondere daran: D2030 versucht nicht vorherzusagen, welche Zukunft eintreten wird. Stattdessen werden unterschiedliche mögliche Szenarien beschrieben und daraus Fragen abgeleitet, was heute getan werden könnte, um wünschenswerte Entwicklungen zu fördern. Die Ergebnisse sind als Open-Source-Material kostenlos zugänglich.
Wenn Zukunft nicht als feststehendes Schicksal betrachtet wird, sondern als etwas, das von heutigen Entscheidungen mitgeprägt wird, kann das den Blick von der Ohnmacht zur Gestaltungsmöglichkeit verschieben.
Was Umwelt- und Klimaschutz angeht, gehöre auch ich mittlerweile zu den Pessimisten, die sich umschauen und denken: Es ändert sich eh nichts. Die Leute leugnen den Klimawandel oder ignorieren ihn einfach.
Doch ob in Deutschland oder in anderen Teilen der Welt, es tut sich was. Es tut sich sogar mehr, als ich dachte, bevor ich mich an die Recherche für diesen Artikel gemacht habe. Mütter in Großbritannien führen Gespräche mit Lobbyisten der Ölindustrie. Stadtplaner aus Berlin entwerfen Visionen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Überall in Deutschland finden sich Menschen in SoLaWis zusammen, um gemeinsam ökologisch Obst und Gemüse anzubauen. Und die unterschiedlichsten Vereine suchen Antworten auf die Frage: Wie wird sich Deutschland langfristig entwickeln – und wie können wir das beeinflussen?
Vieles davon ist zwar noch sehr theoretisch, aber immerhin können wir uns davon inspirieren lassen, selbst ins Handeln zu kommen. Es kann nur besser werden, oder?
MM

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