Neulich beim Yoga erzählte eine der Teilnehmerinnen, sie habe nun ihr Haus in Borkheide verkauft und werde nächsten Monat in eine Seniorenresidenz in Heilstätten ziehen. Erst wunderte ich mich, denn gerade diese Frau ist eine der beweglichsten, die jede Übung mit Bravour vollführt. So wahnsinnig alt erscheint sie mir auch gar nicht. Hinzu kommt der große Unterschied zwischen einem eigenen Haus auf einem großen Grundstück und einer winzigen Wohnung in einem vergleichsweise belebten Teil unserer Gemeinde. Was für ein Downgrade, dachte ich mir.
Doch was nützt ein großes Haus mit schönem Garten, wenn man in einem Ort lebt, der keine Stadt, aber auch kein richtiges Dorf ist, also nicht über die typischen städtischen oder dörflichen Sozialstrukturen verfügt? Sobald die Kinder aus dem Haus und der Ehemann verstorben ist, kann es in Suburbia sehr, sehr einsam werden.
Schon jetzt stelle ich mir hin und wieder die Frage, ob ich nicht noch einmal umziehen sollte. Spätestens wenn unsere Kinder eigene Wohnungen beziehen, erfährt diese Überlegung noch einmal größere Relevanz. Da ich hier keine festen Bindungen aufgebaut habe, wird es mir leichtfallen, zu gehen. Der einzige Wermutstropfen wird der Verlust meines Gartens sein. Meine aus dem Nichts erschaffene Oase…
Warum fällt der Abschied vom Garten so schwer?
Bevor wir hierher gezogen sind, standen auf unserem (zukünftigen) Grundstück ein paar Kiefern, viele Robinien und einige Ahornbäume. Im Zuge des Hausbaus sind fast alle Bäume gefällt und der Boden umgegraben worden. Als wir einzogen, sah die Umgebung einfach nur wüst aus. Und aus dieser Wüste haben wir einen Garten geschaffen.

Wir haben Pflanzen ausgesucht, umgepflanzt, zurückgeschnitten und manchmal auch mühsam am Leben erhalten. Wir haben Gartenräume angelegt, Schuppen, Zäune und ein Gewächshaus gebaut. Wir kennen die Stellen, an denen im Frühjahr zuerst die Sonne hinkommt. Wir wissen, wo das Wasser nach einem kräftigen Regenguss steht und welche Staude selbst die heißesten Sommer übersteht.
Vor allem aber wissen wir, wie viel Zeit und Mühe es gekostet hat, diesen Garten zu erschaffen.
Dadurch ist unser Garten zu einem Teil der eigenen Lebensgeschichte geworden.
Und plötzlich soll man ihn einfach zurücklassen?
Abschied nehmen, bevor der Umzug naht
Vielleicht hilft es, den Abschied nicht bis zum letzten Tag hinauszuschieben.
Wer seinen Garten über viele Jahre geliebt hat, kann ihm bewusst einen eigenen Abschied gönnen. Das klingt zunächst vielleicht etwas pathetisch. Tatsächlich kann ein solches Ritual aber helfen, einen Übergang zu markieren.
Schau dir noch einmal genau all die Pflanzen an, die du gesetzt und gepflegt hast. Vielleicht fotografierst du einige Stellen im Garten, die dir besonders gut gefallen. Oder du illustrierst, welche Pflanzen dir so richtig ans Herz gewachsen sind.
Auch ein letztes Gartenfest kann schön sein. Dazu lädtst du natürlich nur Leute ein, mit denen du gerne Zeit verbracht hast. Du könntest etwas mit Zutaten aus deinem Garten kochen, den Tisch mal nicht auf die Terrasse, sondern unter deinen Lieblingsbaum stellen und den Garten noch einmal ganz bewusst genießen.
Nimm doch ein Stück Garten mit!
Man muss beim Umzug zum Glück nicht alles zurücklassen.
Trotzdem können natürlich nicht alle Pflanzen zum neuen Wohnort mitkommen. Aber manche Pflanzen lassen sich teilen oder als Ableger mitnehmen.
Vielleicht wächst die alte Lieblingsrose künftig im neuen Garten weiter. Oder eine Staude, die schon seit Jahren im früheren Beet steht, bekommt einen neuen Platz.
Dein alter Garten lebt also auch im neuen Zuhause noch ein kleines Stück weiter.
Dein Garten darf ein neues Leben bekommen
Zugegeben, dieser Gedanke erscheint mir persönlich am bedrohlichsten. Bevor in unserem Wohnort ein Grundstück den Besitzer wechselt, tun die Neuankömmlinge nämlich eines am liebsten: Sie entfernen alles Lebendige – und säen anschließend Rasen.
Der Rasen ist alles, was vom Garten übrigbleibt.
Was für eine grauenhafte Vorstellung, denn meine Pflanzen sind schon irgendwie meine Babys.
Nun ja, aber der Garten gehört dann schließlich nicht mehr mir. Andere können und dürfen darüber entscheiden, wir er aussieht.

Vielleicht habe ich aber auch Glück und es zieht jemand in das Haus ein, der Freude an Gartenarbeit hat. Vielleicht entdeckt der neue Besitzer irgendwann genau die Rose, die ich vor zehn Jahren zum Einzug geschenkt bekommen und gepflanzt habe. Vielleicht wird die Terrasse verändert und ein Beet verschwindet.
Das kann wehtun.
Aber es kann auch beruhigend sein, sich vorzustellen, dass ein Garten nicht unbedingt so bleiben muss, wie man ihn selbst gestaltet hat. Gärten verändern sich ohnehin ständig. Pflanzen wachsen, sterben ab und werden ersetzt. Menschen kommen und gehen.

Der Garten war ein Teil deines Lebens. Er muss nicht für immer unverändert bleiben, damit diese Zeit wertvoll gewesen ist.
Ein psychologischer Trick: Die Perspektive wechseln
Beim Abschied konzentrieren wir uns häufig auf das, was wir verlieren.
„Hier werde ich nie wieder sitzen.“
„Mein Garten ist weg.“
Versuche stattdessen, die Perspektive bewusst zu verändern:
Was hat mir dieser Garten gegeben?
Vielleicht waren es 15 Jahre, in denen du jeden Frühling den ersten Salat ins Hochbeet gesetzt hast. Vielleicht hast du dich auch über die üppig wachsende Hecke geärgert, die du zweimal im Jahr aufwendig zurückschneiden musstest. Vielleicht war der Garten dein Rückzugsort in stressigen Zeiten.
Das alles kann dir niemand nehmen.
Dieser Perspektivwechsel klingt einfach, kann aber einen großen Unterschied machen. Aus dem Gedanken an Verlust wird langsam Dankbarkeit.
Und wenn der neue Garten ganz anders ist?
Vielleicht ist das sogar eine Chance. Ein neuer Garten muss nicht die Fortsetzung des alten sein. Er darf etwas völlig anderes werden.
Wo früher große Bäume standen, wachsen vielleicht künftig trockenheitsverträgliche Sträucher. Aus dem großen Rasen wird eine kleine Blumenwiese. Statt Gemüsebeeten gibt es einen Sitzplatz. Oder umgekehrt.
Wer ständig versucht, den alten Garten nachzubauen, vergleicht womöglich ununterbrochen. Besser kann es sein, den neuen Garten als neues Kapitel zu betrachten. Der alte Garten gehört zu einer abgeschlossenen Lebensphase. Der neue darf seine eigene Geschichte bekommen.
Abschiednehmen bedeutet nicht Vergessen
Vielleicht ist das letztlich der wichtigste Gedanke: Man muss einen Garten nicht vergessen, nur weil man ihn verlässt.
Er darf in Erinnerungen weiterleben. Auf Fotos, Bildern, in einer mitgenommenen Pflanze. In Geschichten, die man anderen erzählt. Und vielleicht sogar in der Art, wie man den nächsten Garten gestaltet.

Denn ein Garten begleitet uns manchmal über viele Jahre. Aber wir begleiten auch ihn. Und irgendwann kommt der Moment, in dem wir weiterziehen müssen.
Das darf traurig sein.
Man muss einen Abschied nicht schönreden. Aber man kann versuchen, ihn nicht ausschließlich als Verlust zu betrachten. Vielleicht ist er auch die Gelegenheit, einem alten Garten noch einmal bewusst Danke zu sagen – und gespannt darauf zu sein, was im nächsten wachsen wird.
Wer sich übrigens nicht nur vom eigenen Garten, sondern generell mit dem Gedanken an Abschied, Vorsorge und dem Weitergeben persönlicher Dinge beschäftigt, findet dazu auch auf Gute Aussichten weitere Anregungen.
MM
Titelbild: von JOGphotos
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