Gestern war ich auf einer kleinen Andacht zum Totensonntag. Es wurde viel musiziert und wenig gesprochen, kaum an den Tod erinnert, auch nicht der Verstorbenen gedacht. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass diejenigen, die sich dort versammelt hatten und den zitierten Gedichten und Musikstücken lauschten, das Leben feierten. Und dass sie noch da waren. Wahrscheinlich deshalb nannten sie den Totensonntag auch niemals Totensonntag, sondern stets Ewigkeitssonntag. Alles in allem sehr angenehm, viel angenehmer als ich angenommen hatte.

Gegen Ende der Veranstaltung stellte man einen windschiefen Rentner vor, der ein selbstkomponiertes Lied zum Besten geben wollte. Er habe eine schwere Zeit durchgemacht, Familie und so. Näher wollte er nicht auf die Gründe eingehen, die ihn dazu bewogen hatten, einen Text zu schreiben und diesen zu vertonen. Ich machte mich auf ein Erlebnis zum Fremdschämen gefasst, doch sein Lied, das er selbst mit leiser Stimme vortrug, klang erstaunlich schön, ja wunderbar feierlich. Begleitet wurde er von einer älteren Dame mit Akkordeon, die offenbar aus dem Stehgreif versuchte, der Melodie ein paar Akkorde hinzuzufügen. Einmal schien sie sich dabei vergriffen zu haben, jedenfalls brach der Gesang des Mannes abrupt ab. Mürrisch wies er sie zurecht. Danach setzte er wieder an, über die Liebe zu singen und wie viel sie ihm bedeute, aber er hatte sich bereits selbst Lügen gestraft. Man konnte ihm den Herzschmerz einfach nicht mehr abkaufen. 

Als die Andacht schließlich zu einem würdigen Abschluss gefunden hatte, stürzte noch der Ortsvorsteher nach vorne, ein lächerliches, kleines CDU-Männl. Er wolle sich bedanken, sagte er, für die Organisation und die Musik, die trotz der Patzer doch recht schön gewesen sei. Die restlichen Worte waren reichlich verworren und schienen keinen Bezug mehr zum Ewigkeitssonntag zu haben. Immerhin ließ er noch ein paar Azaleen springen für die Grabbepflanzung. Etwas spät, bedenkt man, dass der Boden bereits gefroren war. Man nahm seine Anwesenheit ein wenig überrascht, aber im Grunde nüchtern zur Kenntnis. 

MM


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