Kürzlich bin ich über einen Artikel im Tagesspiegel gestolpert, der den Ärger in einer Berliner Kleingartenanlage schilderte: Ein Pächter hatte seinen Kleingarten mit zwei anderen Familien geteilt, angeblich weil ihm das Gärtnern zu viel Arbeit machte. Nun kümmerten sich also drei Familien um das Grünzeug auf der Parzelle – sehr zum Ärger der alteingesessenen Kleingärtner. Diese fühlten sich in ihrer Ruhe gestört und beschwerten sich. -Was den Vorstand des Vereins zur Reaktion zwang: Er verwies auf die Satzung des Kleingartenvereins, die besagt, dass die Parzellen nur für die Einzelnutzung ausgelegt sind. „Untermieter“ unerwünscht.
Dass dieser Mini-Konflikt es in die Zeitung geschafft hat, mag auf den ersten Blick verwundern. Da jedoch viele Familien in Ballungsräumen mehrere Jahre auf einen Platz in der Kolonie warten, dürfte der Sachverhalt auf breites Interesse stoßen. Schließlich kann man das „Kleingarten-Sharing“ des Berliner Pächters auch als kreative Lösung des Dilemmas deuten.
Verständlich ist aber auch der Unmut der übrigen Pächter. Die Parzellen sind oftmals winzig. Dicht an dicht drängen sich die kleinen Gärten. Man ist wortwörtlich umzingelt von Nachbarn, die man nicht nur sehen, sondern auch hören kann:
Samstags laufen parallel drei Rasenmäher, zwei Heckenscheren, das Radio von Parzelle A dröhnt herüber, während in Parzelle B der Kindergeburtstag gefeiert wird. Dazu kommt oft die Lage: Viele urbane Kleingärten liegen eingepfercht zwischen Bahntrassen oder Ausfallstraßen. Um sich dort wohlzufühlen, muss man ein bestimmter Typ Mensch sein, denke ich. Gesellig, tolerant, umgänglich und extrovertiert.
Community Living in der Spießeridylle
Spätestens seitdem ich meinen Schwager in seinem Berliner Kleingarten besucht habe, weiß ich, dass ich definitiv nicht der Typ für diese Art des Gärtnerns bin. Wobei seine direkten Kleingartennachbarn – allesamt junge Familien – über das übliche Maß einer herkömmlichen Kleingartengemeinschaft hinausgehen.
Sie bilden quasi eine Kommune. Ungefragt kommt Nachbarin X vorbei, um eine Kanne Eistee vorbeizubringen. Nachbar Y fragt sogleich, ob man ihm beim Wegbringen seines Bauschutts zur Hand gehen kann (Wer sagt da schon nein, hüstel?). Und Nachbar Z zeigt zufrieden auf das Kaminholz, das, säuberlich gestapelt, bereits die Hälfte seines Gartens einnimmt. Er müsse schließlich über den Winter kommen in seiner Datsche, die nicht nur Wochenendrefugium, sondern auch sein Wohnsitz sei, wenngleich nicht ganz legal.
Zusammen wird gekifft, gesoffen, gegrillt und gechillt, zudem der XXL-Bluetooth-Lautsprecher aus dem Schuppen gekarrt, um zu sanften Technobeats den Abend ausklingen zu lassen.
Wer sich einen Garten als stillen Rückzugsort vom hektischen Großstadtleben vorstellt, sollte sich nach Alternativen zum Kleingarten umschauen.
Bürokratische Knebel in der Satzung des Kleingartenvereins
Um die Satzung des Kleingartenvereins kommt jedoch selbst in dieser Kommune niemand herum. Die Mitglieder müssen tatsächlich nachweisen, dass sie genug Nutzpflanzen (Obst & Gemüse) anbauen – und im Umkehrschluss nicht zu viel Fläche versiegeln. So musste mein Schwager tatsächlich seine Terrasse inklusive Überdachung abreißen lassen, außerdem eine neue Sammelgrube fürs Abwasser verbauen. Zusammen mit der Renovierung der kleinen Hütte, die er vom Vorpächter übernommen hatte, hat er bereits mehr als 10.000 Euro in seine Parzelle gesteckt. Dafür brauchte er immerhin keine Abstandszahlung an seinen Vorgänger zu leisten.
Es ist ein Geben und Nehmen
Ob es immer noch Aufseher gibt, die tatsächlich mit dem Zollstock nachmessen, ob die Hecke nicht zu hoch ist, weiß ich indes nicht. Dass es Regelungen zur Bepflanzung und Bebauung in Kleingärten gibt, wird ja gerne moniert. Allerdings vergessen viele im Gegegzug, was man dafür erhält: Eine innerstädtische Fläche zu einem extrem günstigen Preis. Man verfügt eben nicht über irgendein Grundstück, sondern ist Teil eines staatlich geschützten Vereins, dessen Regeln – festgehalten im Bundeskleingartengesetz – man mit Pachtvertragsunterschrift zugestimmt hat.
Kurz gesagt: Die Spießigkeit schützt die günstige Pacht und bewahrt das Grün vor dem Beton.
Wie moderne Vereine die Regeln neu interpretieren
Bleibt allerdings immer noch das Problem mit dem überschaubaren Angebot, das einer sehr viel höheren Nachfrage gegenübersteht. Aber siehe da: Es bewegt sich was in der angestaubten Laubenpieper-Welt. Manche Vereine haben tatsächlich erkannt, dass man das Bundeskleingartengesetz auch kreativ und zeitgemäß auslegen kann.

Wer einen Blick auf die offizielle Berliner Gartenkarte wirft, merkt schnell: Die Bewegung hin zu mehr Gemeinschaft ist in vollem Gange. Da werden freigewordene Parzellen oder alte Vereinsflächen plötzlich nicht mehr stur an den nächsten Einzelpächter auf der Warteliste vergeben, sondern für alle geöffnet.
Gemeinschaftsgärten innerhalb von Kleingartenanlagen
Der „Hanggarten“ in der KGA Hohenzollerndamm (Berlin): Ein Paradebeispiel. Diese traditionsreiche Berliner Kleingartenkolonie hat eine Hangparzelle (Parzelle 139c) nicht neu verpachtet, sondern zu einem offenen Gemeinschaftsgarten umgewandelt. Dort gärtnern Vereinsmitglieder und Nachbarn ohne eigenen Garten zusammen, probieren Dinge aus und nutzen die Fläche als sozialen Treffpunkt.
- Website zum Anschauen: kleingartenkolonie-hohenzollerndamm.de/gemeinschaftsgarten
Projekt „Gärten im Garten“ im Park am Gleisdreieck (Berlin): Hier wurden 16 Parzellen der Kleingartenanlage „Potsdamer Güterbahnhof“ für den angrenzenden öffentlichen Park geöffnet. Es entstand ein Mix aus klassischen Kleingärten, interkulturellen Gemeinschaftsgärten und Allmende-Flächen. Ein echtes Pionierprojekt für die Berliner Stadtplanung.
- Website zum Anschauen: parkamgleisdreieck.de/beteiligung-akteure/gaerten-im-garten
KGV Hütten-Aue e.V. (Bochum): Ein tolles Beispiel außerhalb Berlins. Eine Vereinsvorsitzende hat eine freie Parzelle gesichert, um daraus ein generationsübergreifendes, ökologisches Gemeinschaftsprojekt zu machen (mit Hochbeeten, Schaugarten für Naturgarten-Wissen und Inklusions-Netzwerk). Das Projekt wurde sogar wissenschaftlich begleitet, um zu sehen, wie sich naturnahes Gärtnern in Zeiten der Klimakrise umsetzen lässt.
Das Land Berlin listet übrigens in einer offiziellen Übersicht Kleingartenanlagen auf, die sich durch Gemeinschafts-, Lern-, Schau- oder Schulgärten für die Bevölkerung öffnen. Website zum Anschauen: berlin.de/gaertnern (Bereich „Gemeinschaftsgärten“).
Gemeinschaftsbeete als Alternative
Mit Sicherheit gibt es bundesweit noch viele weitere Initiativen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Kleingartenanlagen zu modernisieren und dem heutigen Zeitgeist anzupassen. Darüber hinaus häufen sich Urban-Gardening-Projekte, die völlig unabhängig von Kleingärten exisitieren. Hier liegt der Fokus eher auf dem Miteinander im Kiez sowie darauf, Artenvielfalt in die Stadt zu bringen. So gibt es zum Beispiel keine Zäune zwischen den Beeten. Die Flächen gehören allen oder werden gemeinschaftlich bewirtschaftet. Folglich wird natürlich auch die Ernte geteilt.

Auch die Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) sei an dieser Stelle kurz erwähnt, ermöglicht sie es doch Menschen ohne umfassende gärtnerische Kenntnisse, gemeinsam mit echten Gärtnern und Landwirten Obst und Gemüse anzubauen. Allerdings ist die Solidarische Landwirtschaft mehr als ein Hobby, im Gegenteil, sichert sie doch oft das Überleben des landwirtschaftlichen Betriebs. Die Lebensmittelproduktion ist ökologisch und wird dem Klima angepasst betrieben. Der Konsument wiederum wird bspw. mittels Genossenshaftsanteil an den Betrieb gebunden. Man teilt sich das Risiko, um unabhängig vom gnadenlosen Preisdruck des Supermarkts nachhaltig zu wirtschaften.
Fazit: Hauptsache Grün, egal ob allein oder gemeinsam
Was lernen wir also aus dem verbotenen „Garten-Sharing“ des Berliner Pächters? Vielleicht, dass unser stures, deutsches Regelwerk dringend ein Update braucht. Denn im Grunde hat der Mann – ob aus Bequemlichkeit oder Weitsicht – genau das getan, was die Zukunft unserer Städte erfordert: Er hat Ressourcen geteilt.
Ob wir uns nun durch die bürokratischen Hürden eines traditionellen Kleingartens beißen, in einer hippen Urban-Gardening-Oase Kistenstapeln betreiben oder als Solawi-Mitglied den Bauern von nebenan krisenfest machen: Jedes Gramm Humus, das wir aufbauen, und jede Pflanze, die wir durch den heißen Sommer bringen, zählt. In Zeiten von Betonwüsten und Rekordsommern sind diese grünen Flecken die heimlichen Rettungsringe unserer Städte. Sie kühlen das Viertel, saugen Starkregen auf wie ein Schwamm und bieten der geplagten Stadtnatur überhaupt noch einen Lebensraum.
Und wer jetzt panisch abwinkt, weil er im Garten einfach nur seine Ruhe vor den Mitmenschen sucht? -Keine Sorge, das klassische Laubenidyll stirbt nicht aus. Unter den tausenden Vereinen gibt es nach wie vor die wunderbar verschlafenen Kolonien, in denen die Ruhevorschriften heilig sind. Zudem zeigt die Praxis: Wer seinen Garten klimaresilient und naturnah gestaltet – mit dichten Wildhecken, schattigen Bäumen und lebendigen Sichtschutzhecken –, schafft sich ganz automatisch seine eigene, lärmgeschützte Oase.
MM

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