Es gibt sie noch, die wirklich starken Serien, die nicht nur unterhaltsam sind, sondern auch tiefgründig und gut durchdacht, also ohne wesentliche Logiklöcher auskommen und Dialoge vorweisen können, die nicht nur grammatikalisch Sinn ergeben. Allerdings erkennt man sie nicht immer auf den ersten Blick. Von den vier unten rezensierten Serien hat mich tatsächlich nur die erste, Adolescence, sofort umgehauen. Mit den anderen musste ich erst warm werden. Doch meine Geduld hat sich gelohnt… 🙂
Ein Meisterwerk: Adolescence
Ich glaube, noch nie hat mich eine Serie derart beeindruckt wie die erste Folge von Adolescence. Von der ersten Minute an saugt sie dich in die Handlung hinein, so dass du eine Stunde lang wie paralysiert auf den Fernseher starrst. Wie gut, dass Adolescence in nur vier Folgen die ganze Geschichte erzählt. Mehr Anspannung wäre nicht auszuhalten.
Die Miniserie begleitet den 13-jährigen Jamie und zeichnet ein intensives Bild der Ereignisse rund um seine Verhaftung (wegen Mordes) sowie deren Auswirkungen auf sein Umfeld. Dabei entfaltet sich die Handlung in Echtzeit, sodass die Zuschauenden die Geschehnisse genauso unmittelbar miterleben wie die Figuren selbst.
Besonders eindrucksvoll ist die Inszenierung: Jede Folge wurde ohne sichtbare Schnitte in einer einzigen durchgehenden Einstellung gedreht, was die emotionale Nähe verstärkt. Inhaltlich widmet sich jede Episode einem anderen Schauplatz – von der Verhaftung über den Schulalltag bis hin zum psychologischen Verhör und den familiären Spannungen. Dabei wachsen insbesondere Owen Cooper, der Jamie spielt, und sein Serienvater (Stephen Graham) über sich hinaus. Kaum zu glauben, was diese Schauspieler draufhaben.
Einziger Wermutstropfen: Obwohl die Serie belegen will, dass dem Mord ein „komplexes gesellschaftliches Problem“ zu Grunde liegt, bekommt man mehr und mehr den Eindruck, dass allein Jamie für die Tat verantwortlich gemacht – und entsprechend bewertet und bestraft – wird.
Adolenscence (2025) läuft auf Netflix
Unverstellte Introspektive: Beef
Ebenfalls hochemotional geht es in Beef zu, wenngleich auf eine schwarzhumorige Art und Weise. Deshalb wirkt die Serie auf den ersten Blick eher wie seichte Unterhaltung, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen…
Beef erzählt von zwei Fremden, deren Beinahe-Zusammenstoß auf dem Parkplatz eines Baumarktes in eine immer weiter eskalierende Feindschaft ausartet. Dabei steht „Beef“ nicht für Rindfleisch, sondern sinnbildlich für den anhaltenden Streit zwischen den beiden Hauptfiguren, der zunehmend ihr gesamtes Leben bestimmt. In zehn Episoden wird gezeigt, wie sich ihre gegenseitige Besessenheit auf Beziehungen, Beruf und Selbstbild auswirkt.
Die Story fördert dabei Erstaunliches zutage: Erst durch die Eskalation erkennen die beiden Protagonisten, wer sie wirklich sind. Ihre Wut und Verzweiflung hat nicht nur einen Grund, sondern auch einen Zweck: Lernen durch Schmerzen.
Hält einem sehr eindrücklich vor Augen: Actions have consequences. Überleg dir zweimal, wem du den Stinkefinger zeigst… 😉
Beef (2023) läuft auf Netflix
Vom geläuterten Pferd: BoJack Horseman
Von den hier von mir aufgezählten Serien ist ausgerechnet BoJack Horseman diejenige mit den meisten Episoden: Über fünf Staffeln erstreckt sich die anspruchsvolle Zeichentrickserie, in der ein Pferd die Hauptrolle spielt. Dabei ist BoJack gar kein klassischer Held, im Gegenteil, er wird von zahlreichen psychischen Störungen geplagt, die ihn mehr und mehr von einstigen Weggefährten entfernen und seine bestehenden Freundschaften strapazieren.
In den 90ern war BoJack ein Sitcom-Star. Nun kämpft er mit seiner Vergangenheit, Selbstzweifeln und destruktiven Verhaltensmustern, während er versucht, ein Comeback in Hollywood zu schaffen. Dabei beleuchtet die Serie auf zugleich witzige und düstere Weise Themen wie Depression, Sucht, Einsamkeit und die Suche nach Sinn.
Neben BoJack spielen auch seine Freunde und Wegbegleiter eine wichtige Rolle, die jeweils eigene Probleme und Entwicklungen durchmachen. Insgesamt ist die Serie eine Mischung aus Satire auf die Unterhaltungsindustrie und tiefgründigem Charakterdrama.
Man sollte sich allerdings Zeit nehmen für BoJack Horseman. Der Funke springt erst nach ein paar Folgen über, eben weil die Hauptfigur alles andere als sympathisch ist. Dafür wird die Serie von Staffel zu Staffel tiefgründiger, während sie ihren Helden immer weiter an den Rand des Abgrunds manövriert.
BoJack Horseman (2014-2020) läuft auf Netflix
Philosophisch: Pluribus
Die Story der Sci-Fi-Serie Pluribus klingt wahnsinnig interessant, was auch der Grund war, aus welchem ich sie mir unbedingt anschauen wollte:
Wissenschaftler empfangen ein Alien-Signal aus dem All, entschlüsseln es voller Vorfreude, und ehe sie sich’s versehen, ist die komplette Menschheit gleichgeschaltet. Ein hamonisches und gutmütiges Kollektiv, das jedwedes von Menschen errungenes Wissen miteinander teilt: Jeder kann einen Jumbojet steuern, eine neue Herzklappe einsetzen, alle Sprachen sprechen, die Waschmaschine reparieren oder ein Gemälde von Picasso malen). Die Menschheit ist sozusagen zu einem superintelligenten Organismus vergeschmolzen, zumindest auf geistiger Ebene.
Alle bis auf eine Handvoll Personen, die aus unerfindlichen Gründen immun gegen das Signal sind. Carol Sturka ist eine von ihnen – und erlebt die scheinbar perfekte Welt deshalb als unheimliche Bedrohung. Während die „vereinte“ Menschheit sie gern assimilieren würde, versucht sie verzweifelt, ihre Individualität zu bewahren und einen Weg zu finden, den Prozess rückgängig zu machen.
Das alles vollzieht sich in typischer Arthouse-Manier sehr, sehr langsam. So langsam, dass ich zwischenzeitlich oft den Impuls verspürte, einfach abzuschalten. Nein, wirklich unterhaltsam ist Pluribus nicht.
Aber die Serie regt zum Nachdenken an. Tatsächlich war ich immer wieder hin- und hergerissen, ob eine individualistische Welt, wie Carol (und wir) sie gewohnt sind, der kollektivistischen der Aliens nicht doch nachsteht. Denn seitdem die Aliens übernommen haben, gibt es keine Kriege mehr, kein Leid, keine Boshaftigkeit – und der ökologische Fußabdruck jedes einzelnen Menschen beträgt nur noch einen Bruchteil von unserem jetzigen. Dafür gibt es aber auch keine Freiheit, keine Widerrede, keine echten Gefühle und natürlich auch keine Individualität. Wer Teil des Kollektivs ist, gibt sich selbst auf.
Pluribus (2025) läuft auf Apple TV+
MM
Beitragsbild von Jonathan Cosens Photography
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