Abgesehen vom Zirpen der Zikaden war es wunderbar still in der Toskana. Wir hatten aber auch Glück mit unserer dritten Unterkunft dort: Das ehemalige Weingut lag abseits jedweder Städte und Dörfer. Die einzige Nachbarin war eine deutsche Rentnerin, die ein paar Kilometer weiter in einem Olivenhain wohnte, ihr Ferienhaus für die kühleren Monate.
Tatsächlich waren keinerlei menschengemachte Geräusche zu hören. Selbst Flugzeuge sah man selten am Himmel. Nur Stille.
So erholsam fand ich zuletzt nur unser Airbnb in Maine, das ebenfalls weitab vom Schuss lag. Merkwürdig, dass ich erst so richtig abschalten kann, wenn ich mich fern der Zivilisation befinde. Wenn wir nichts geplant hatten, setzte ich mich in einen klapprigen Liegestuhl auf unserer überdachten Terrasse und träumte einfach nur vor mich hin. Manchmal schlief ich auch ganz ein.
Die Stille hatte aber auch ihren Preis: Erreichbar war das aus Feldsteinen erbaute Haus nur über einen steilen und leider völlig ausgewaschenen Schotterweg, für den man ein geländetaugliches Fahrzeug benötigte. Glücklicherweise hatte mein Mann diesmal (anders als auf Jamaika) auf einen SUV bestanden. Ich hätte ja standesgemäß einen Fiat Panda gemietet, konnte mich aber nicht durchsetzen.

Unser Vermieter, ein alleinstehender älterer Herr, wohnte gleich nebenan. Obwohl die Mauern des Hauses meterdick waren, war es drinnen ziemlich warm. Ein Phänomen, das uns an fast allen unseren Stationen in der Toskana begegnete: Egal wie massiv die Mauern oder wie schattig die Gassen waren, ohne Klimaanlage war es in den Innenräumen zumeist unerträglich warm. Selbst in den Kirchen und Kathedralen konnte man sich vor der Hitze nicht in Sicherheit bringen.
Auch in den Apuanischen Alpen – immerhin bis zu 1900 Meter hoch – fiel die Temperatur nicht unter 30 Grad. Wir versuchten uns dennoch an einer Wanderung, kamen aber nicht weit, weil die Hitze uns so schlauchte.


In Pisa dachten wir, dass wir vor der Mittagshitze in ein Museum flüchten könnten. Doch Pustekuchen, auch dort zeigte das Thermometer 32 Grad an! Immerhin im angrenzenden Botanischen Garten ließ es sich im Schatten der Pflanzen aushalten. Was für ein bezaubernder Ort!



Irgendwann gewöhnten wir uns daran, unsere Ausflüge in den Vormittag und die Abendstunden zu verlegen. Abkühlung im Meer suchten wir jedenfalls nicht. Tatsächlich waren wir nur ein einziges Mal am Strand, verspürten aber nicht den Drang, ins Wasser zu gehen. Fünf Minuten glotzten wir auf die Wellen, dann zogen wir wieder ab.
Dafür hält die Toskana erstaunlich viele kristallklare Bäche, Flüsse und Thermalquellen bereit, in denen man baden kann. Diese liegen zumeist in den Wäldern, wo es dank des Schattens relativ kühl ist.

Strategien gegen den Massentourismus
Um ehrlich zu sein, hatte ich ein kleines bisschen Angst vor diesem Urlaub. Stets und ständig hört man ja vom Overtourism und wie er die Einwohner der jeweiligen Urlaubsländer erzürnt. In der Hauptsaison nach Italien zu fliegen, erschien mir daher ziemlich verrückt. Unserer Tochter zuliebe („Ich will endlich mal in ein richtiges Ulraubsland!!!“) wagten wir das Experiment – und wurden belohnt.

Denn wirklich überlaufen waren nur die altbekannten Touristen-Hotspots wie der Schiefe Turm von Pisa oder die Uffizien in Florenz (haben wir uns natürlich trotzdem angeschaut, das volle Programm halt). Generell war in den bekannten Städten natürlich viel los, aber ich hatte nie das Gefühl, dass es zu viel war. Man wurde nicht durch die Gassen geschoben, wie ich es einmal in Kroatien erlebt habe (man hatte wirklich keine Chance, stehenzubleiben). Vor den Eiscafés mussten wir nie länger als 10 Minuten warten. Freie Tische in den Restaurants waren stets ohne Reservierung zu bekommen.
Last but not least schienen die Italiener nie genervt von uns Touris zu sein. Sie blieben stets freundlich und höflich – oder (vermutlich) schicksalsergeben. Selbst mit dem Auto kamen wir gut voran: kein Gehupe (wie befürchtet), keine Staus, keine Aggressionen.
Allerdings beschränkt sich das hohe Touristenaufkommen auf die bekanntesten Städte und Strände der Region. Man braucht bloß ein paar Kilometer weiter zu fahren und schon entflieht man den Menschenmassen.
In die oben bereits angesprochenen Apuanischen Alpen verirrte sich so gut wie niemand. Sinnbildlich dafür steht ein Freizeitpark (Vagli Park), der vor nicht allzu langer Zeit gebaut und kurz darauf schon wieder pleitegegangen sein muss. Im Reiseführer wurde er noch empfohlen, als wir dort ankamen, sah es so aus:


Ein seltsamer, aber wirklich glücklicher Umstand, dass sich die Touristenströme offenbar stets in denselben Bahnen bewegen. Für die umliegenden Ortschaften und Regionen ist dies natürlich ein zweischneidiges Schwert, können sie ja nicht vom Tourismus als Wirtschaftsfaktor profitieren.
Ebenfalls merkwürdig war das Nichtvorhandensein von Armut wie ich sie von meinen Berlinbesuchen (und unserem Urlaub im Goldenen Westen) gewohnt bin: Bettler, Junkies oder Obdachlose waren nirgends zu sehen. Nach einer kurzen Internetrecherche wurde klar, dass Armut durchaus auch in der Toskana exisitert, die Behörden sie jedoch vor den Touristen verstecken:
In Italien gibt es ein Sicherheitsgesetz, das sogenannte Daspo urbano. Ursprünglich für gewalttätige Fußballfans gedacht, erlaubt es Städten wie Florenz, Menschen, die das „urbane Dekorum“ (die städtische Schönheit) stören, Platzverweise und Aufenthaltsverbote für bestimmte Zonen zu erteilen. Wer dort bettelt oder lagert, fliegt raus.
Città di Firenze
Die repressive Politik der Städte sorgt also für eine saubere, „armutsfreie“ Ästhetik, schützt Touristen jedoch nicht vor der unsichtbaren Kleinkriminalität. Taschendiebe gibt es (laut Warnhinweisen im Internet) wohl auch in Florenz.
Leben wie Gott in Italien
Meine Befürchtung, unser Toskana-Urlaub könnte nervenaufreibend werden, hat sich also nicht bewahrheitet. Dank der schier unendlich vielen Ausflugsziele und der nicht enden wollenden Hitze war die Toskana zwar anstrengender als unsere Urlaube zuvor, doch es gab genug Möglichkeiten, Ruhe und Entspannung zu finden.
Ich habe selten so viel Schönheit und Vielseitigkeit in einer einzigen Region gesehen wie in diesem italienischen Landstrich. Tatsächlich scheinen die Bilder, die von der Toskana kursieren, nicht geschönt: Die Landschaft mit ihren sanften Hügeln, den Weinreben und Olivenplantagen sieht wirklich so aus. Im Vergleich zu dieser Ästhetik können andere Mittelmeerländer wie Griechenland oder Portugal nur den Kürzeren ziehen. Wenn man dann auch noch die Kulinarik Italiens in die Rechnung mitaufnimmt, liegt dieses Land unerreichbar weit vorn.

MM

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