Seit meiner letzten Rezension ist schon ein halbes Jahr vergangen. Dabei habe ich zwischenzeitlich so viele Serien geschaut. Die waren allesamt recht unterhaltsam, doch nur einige wenige wirklich beeindruckend. So wie die folgenden drei, welche die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle widerspiegeln:

Yellowjackets: Wenn der Kampf nie endet

Begeistert war ich nicht, als mein Mann mir die Serie Yellowjackets vorschlug: Eine Serie über die Französischen Gelbwesten? -Ach nein, Yellowjackets ist lediglich der Name der Mädchen-Fußballmannschaft, die mit dem Flugzeug abstürzt und dann in der kanadischen Wildnis überleben muss! Dieses Thema ist – aus filmgeschichtlicher Sicht – weit weniger originell.

Einfallsreichtum haben die Macher der Serie trotzdem bewiesen, denn sie zeigen eben nicht nur die ums Überleben kämpfenden Teenager. Sie spulen immer wieder ins 25 Jahre spätere 2021 vor und zeigen die mittlerweile erwachsenen Frauen (zumindest jene, die es zurück in die Zivilisation geschafft haben).

Der Kampf ist nur der Anfang. Und auch wenn er gewonnen ist, wird danach nichts mehr richtig gut. Das gilt insbesondere für die Protagonistinnen Misty, Taissa, Shauna und Natalie, die weiterhin Tag für Tag kämpfen müssen – gegen ihre jeweils ganz eigenen Dämonen. 

Yellowjackets wagt einen Blick hinter die Fassade der traumatisierten Frauen, die einfach nicht von ihrer Vergangenheit loskommen. Wie auch?: Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, das Trauma nicht abschütteln. Nur eine von ihnen, Taissa, hat ihre Zukunftswünsche umgesetzt und feilt nun an einer politischen Karriere, gibt allerdings zu, dass sich keiner ihrer Erfolge jemals echt angefühlt habe. Glücklich ist keine der Überlebenden geworden.

Das mag deprimierend klingen, gestaltet sich jedoch erstaunlich unterhaltsam und, ja, tatsächlich witzig. Nehmen wir die vom Schicksal gebeutelte Natalie, gespielt von Juliette Lewis, die immer kurz vorm Selbstmord zu stehen scheint. Trotz ihrer Verzweiflung ist sie nie um einen sarkastischen Spruch verlegen.

Einseitigkeit kann man dem zu Grunde liegenden Drehbuch absolut nicht vorwerfen – und das liebe ich an dieser Serie: Sie weiß immer wieder zu überraschen. Auf den Horror folgt der banale Alltag, der wiederum von Psychosen geprägt, aber von der Normalität überdeckt wird. Dazwischen eine Detektivgeschichte, die die Frauen wieder zusammenführt, Erpressung, Mord, Übersinnliches… Mein Gott, was für ein Schmarrn! Doch hier zeigt sich, wie brillant Yellowjackets ist, denn dieser Schmarrn kommt ausgesprochen glaubwürdig rüber. Ich konnte nicht aufhören, mit den Hauptdarstellerinnen mitzufiebern, was sicherlich auch am Cast liegt: Sowohl die Mädchen als auch die Frauen spielen wahnsinnig überzeugend. Hinzu kommt, dass die Rollen der Fortysomethings tatsächlich von über vierzigjährigen Schauspielerinnen besetzt wurden. Ich habe lange keine so mitreißende Serie mehr gesehen. 


Yellowjackets, 1. Staffel, kann derzeit auf Sky gestreamt werden. Eine zweite Staffel wird gerade produziert.


Olive Kitteridge: Eine Durchschnittschnittsexistenz

Obwohl die einzelnen Folgen der in sich geschlossenen Miniserie Olive Kitteridge wie Kurzgeschichten wirken, die nur lose aufeinander aufbauen, hätte ich sie am liebsten durchgesuchtet. Und das obwohl der Serie das gleichnamige Buch von Elizabeth Strout zu Grunde liegt, einer Autorin, mit der ich bislang auf dem Kriegsfuß stand…

Erzählt wird vom Alltag der völlig durchschnittlichen Einwohner einer Kleinstadt an der US-amerikanischen Ostküste. Niemand ist besonders schön, kriminell oder begabt – und trotzdem verfolgt man ihr Schicksal mit Spannung. Wie ist das möglich? -Ich habe keine Ahnung, aber es muss eine Kunst sein. So erklärt sich auch, dass die Serie mit Auszeichnungen überhäuft wurde. 

Ich habe lange darüber nachgedacht, weshalb ausgerechnet die misanthropische Mathelehrerin Olive, gespielt von der wie immer herausragenden Frances McDormand, zur Titelheldin der Serie ernannt wurde. -Vermutlich weil sie sich dank ihrer schroffen Art von der Durchschnittlichkeit ihrer Mitmenschen abhebt. Natürlich verbirgt sich auch unter ihrer harten Schale ein weicher Kern, aber dieser schimmert nur selten durch. Selbst ihrem Mann gegenüber verhält sie sich kalt und abweisend.

Die Figur der Olive Kitteridge erinnert mich stark an eine Frau, die ich mal kannte: die Lebensgefährtin meines Opas. Nach dem Tod meiner Oma wandte sich mein Opa an eine Partnervermittlung, dank derer er seine zweite Liebe kennenlernte, Rosemarie. Beide gingen auf die 80 zu und waren wahnsinnig verliebt ineinander. Dabei verkörperte Rosemarie so ziemlich alles, was meine Oma nicht gewesen ist. Rosemarie war exzentrisch, laut, intellektuell, aber vor allem war sie brutal ehrlich. Ich fürchtete mich vor ihr! Ich glaube, bis auf meinen Opa fürchtete sich jeder in unserer Familie vor ihren Worten. Denn sie pflegte immer das zu sagen, was sie dachte – und das war in der Regel nichts Nettes. Ihre Liebe hielt übrigens nur zwei Jahre. Dann sind beide bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen, vielleicht ein gemeinsamer Suizid? Rosemarie hätte ich jedenfalls alles zugetraut… 

Doch Menschen wie Rosemarie – und Olive Kitteridge – zeigen uns, wie furchtbar selten wir auszusprechen wagen, was uns auf der Zunge liegt. Schließlich wollen wir niemanden verletzen. Im Gegenteil, wir lechzen nach der Gunst unserer Mitmenschen. Also verbergen wir unsere Gedanken hinter einstudierten Floskeln. Dass Olive den Zuschauer mit ihrer unkonventionellen Art so sehr begeistert, muss wohl daran liegen, dass wir uns insgeheim nach ihrer Chuzpe, ihrer Freiheit sehnen.   

Seltsamerweise beschränkt sich Olive Kitteridges Freiheit auf das Aussprechen unschöner Wahrheiten. Ihrer heimlichen Liebe gibt sie nicht nach, bleibt ihrem Mann treu – genau wie er ihr nie von der Seite weicht, obwohl auch ihn die Sehnsucht nach einer anderen Frau plagt. Sie werden gemeinsam älter, erkranken, sterben. Vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Prinzip. Obwohl der Tod in dieser Serie viel Raum einnimmt, steckt sie dennoch voller Humor. Einfach liebenswert.


Olive Kitteridge läuft auf verschiedenen Streaming-Portalen, ist aber auch auf DVD verfügbar.


Station Eleven: Alles auf Neu

Ich habe mir erst vier Folgen der Serie angeschaut, mehr sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht verfügbar. Aber das, was ich bislang gesehen habe, hat mich bereits zum Nachdenken angeregt.

Zum Geschehen: Ein grippeähnliches Virus rafft einen Großteil der Menschheit dahin, so dass das Leben, wie wir es kennen, zum Erliegen kommt. Die vornehmlich jungen Überlebenden können folglich nicht mehr auf moderne Technologien zurückgreifen und führen ein primitives Leben. Ohne Computer, ohne Internet, ohne Autos, ohne Komfort – und zunächst ohne Eltern, denn die meisten Erwachsenen sind ja gestorben.

Wie eng unser persönliches Schicksal mit unserer Kultur und unserem Wirtschaftssystem verwoben ist, zeigt sich besonders einprägsam anhand einer kleinen Gruppe Reisender, die auf einem Flughafen festsitzt, als das Virus ausbricht. Von Ferne müssen sie mitansehen, wie ihr gewohntes Leben aufhört zu existieren, um am Ende festzustellen, dass sie nun keine Termine mehr haben, keine Ziele, kein Zuhause, keine Jobs. Alles, was ihrem Leben einst Sinn gab, hat sich in Luft aufgelöst. Was für ein brutaler Neustart!

Wie die Menschen damit umgehen, wird anhand einzelner Portraits gezeigt. Was dem Leben Sinn gibt und welchen Einfluss Kunst und Kultur dabei spielen, wird von Station Eleven wirklich interessant aufbereitet.  Ich bin gespannt, wie es weitergeht!


Station Eleven kann momentan auf Amazon Prime Video gestreamt werden.


MM