Kurzgeschichte

Wir waren Zuzügler wie so viele andere auch, die in den vergangenen Jahren nach Z. zogen. Für die Einwohner waren wir gesichtslose Aliens, die ihren beschaulichen Ort einnahmen, ihre Bäume fällten, mit unseren Baumaschinen ihre Ruhe störten, wenn wir wieder neue Häuser aus dem Boden stampften, und mit unserem Nachwuchs ihre Kindergärten und Schulen sprengten. Niemand hier hatte uns gewollt und niemand hier konnte etwas mit uns anfangen.

Eine Zeitlang sind wir oft umgezogen, von Ort zu Ort. Mal wegen des Studiums, mal wegen der Arbeit, dann wieder um mehr Platz zu haben für uns und die Kinder. Um am neuen Wohnort schnell Anschluss zu finden, entwickelte ich eine Strategie, die darin bestand, einem Verein beizutreten. Meistens einem Sportverein. Manchmal meldete ich mich auch bei einem Nähkurs an oder ging zur Volkshochschule. Ich besuchte regelmäßig Kurse und Trainings und lernte so die unterschiedlichsten Leute kennen. Wenig später entwickelten sich daraus Freundschaften, so dass ich mich nie allein fühlte. Ich war beschäftigt und ich gehörte dazu. Alles in allem war ich zufrieden.

Es lief also gut, bis wir nach Z. zogen. Meine Strategie ging hier nicht auf, weil ich keinen passenden Verein fand. Ein Jahr verging und ich lernte niemanden außer meinen Nachbarn kennen, die wie ich zum Heer der Zuzügler gehörten. Ich glaube, sie fühlten sich genauso fremd wie ich. Wir luden uns gegenseitig zum Kaffee ein und grillten im Sommer zusammen im Garten. Sie waren überaus freundlich, aber Freunde wurden wir trotzdem nicht. Wir blieben einfach Nachbarn, die sich gut verstehen.
Auch die anderen Leute in Z. waren nett. Wenn ich meine Tochter vom Kindergarten abholte, lächelten sie mir zu und grüßten immer sehr höflich. Doch niemand richtete das Wort an mich, nicht einmal die Erzieherinnen, die das „Du“, das ich ihnen anbot, rigoros ablehnten.

Schließlich war ich so verzweifelt, dass ich willkürlich einige Mütter ansprach, die ich aus dem Kindergarten kannte. Sie reagierten wie erwartet: nett und unverbindlich. Natürlich können wir uns mal treffen, sagten sie, gerne kommen wir zum Kaffee vorbei! Aber wir trafen uns nie und wechselten auch keine weiteren Worte miteinander.

Meine Tage in Z. waren geprägt von einer mir bis dahin völlig unbekannten Ereignislosigkeit. Die Zeit dehnte sich. Es fühlte sich an wie der letzte Tag eines langen Urlaubs, wenn man voll froher Erwartung ans Heimkommen denkt. Bloß dass ich schon zu Hause war und nicht mehr weg konnte.
Um nicht gänzlich vor Langeweile zu sterben, fuhr ich weite Strecken zu meinen alten Freunden. Oft fand ich sie dort, wo ich sie zurückgelassen hatte. Einige aber waren – genau wie ich – umgezogen und hatten offenbar erfolgreicher als ich ein neues Leben angefangen. Es ging herzlich zu, wenn wir zusammensaßen und redeten. Wir schwelgten in Erinnerung an die guten alten Zeiten, so als läge das Beste bereits hinter uns. Manchmal fragte allerdings doch jemand:
„Und, seid ihr denn angekommen in Z.? Fühlt ihr euch wohl?“
Ich weiß nicht, warum ich nie ehrlich auf diese Frage antwortete. Warum ich immer nur sagte:
„Ach, es ist fantastisch. Ihr müsst euch unseren Garten anschauen, wenn ihr mich mal besucht! Wie groß er ist. So viel Platz zum Spielen. Mehr kann man sich nicht wünschen.“
Ich kam mir wenig überzeugend vor und vermutlich durchschauten sie meine Lüge, aber sie beglückwünschten mich. Dann wechselten sie das Thema. Wir sprachen über Urlaube und Geburtstagsfeiern, die bevorstanden, über Schwangerschaften und Geburten, über andere Leute und deren Marotten, doch wir vermieden es tunlichst, näher auf das Hier und Jetzt einzugehen.

Auch meine Tochter fand keinen Anschluss.
„Mit wem spielst du denn so?“, fragte ich sie. „Lass uns doch mal deine Freunde einladen!“
„Ich spiele allein“, sagte sie.
„Immer?“
Sie nickte.
Und tatsächlich sah ich sie nie mit anderen Kindern zusammensitzen, wenn ich sie aus dem Kindergarten abholte. Sie wurde nicht auf Kindergeburtstage eingeladen und auch nicht zum Spielen. Es war, als existiere sie gar nicht.
Ich fragte ihre Erzieherin, ob meine Tochter denn wirklich keine Freunde hätte.
„Nein“, antwortete die knapp. „Aber sie scheint gern allein zu sein.“

Nachmittags gingen wir oft noch zum Spielplatz, der auf dem Nachhauseweg lag und den wir nur selten mit jemandem teilen mussten. Oder wir setzten uns in das einzige Café im Ort, auch dieses bis auf die Verkäuferin zumeist menschenleer, und schauten aus dem Fenster auf die vorbeifahrenden Autos. Hin und wieder klingelte das Glöckchen an der Tür, jemand betrat die Bäckerei, kaufte ein Brot oder Kuchen und ging dann wieder. Sie kamen mir vor wie Gespenster, die Einwohner von Z. Entweder verbargen sie sich in ihren Häusern oder sie fuhren in ihren Autos, blitzten kurz auf und verschwanden sofort wieder. Lediglich die Kinder schienen echt, wie sie beladen mit ihren übergroßen Schultaschen zur Bushaltestelle trotteten, einander schubsten und schrien.
Meine Tochter aß konzentriert ihren Eisbecher und wischte sich hinterher ihren braun umrandeten Mund mit dem Ärmel sauber. Sie war satt und zufrieden. Vielleicht war ihr nicht einmal bewusst, dass sie einsam war. Jedenfalls nahm sie es als etwas Gegebenes hin. Mir hingegen brach es das Herz, sie so gleichgültig zu sehen. Irgendwie musste es doch möglich sein, die Mauer zu durchbrechen, die Z. umgab, und die uns davon abhielt, Teil dieser Welt zu sein.
„Können wir gehen?“, fragte sie und war schon aufgestanden
„Wohin denn?“
„Nach Hause.“
Mir war nicht danach zumute, den Heimweg anzutreten, aber mir fiel keine Alternative ein. Nachdenklich blickte ich zu Boden, als wir nach Hause liefen. Wenn ich den Blick doch einmal hob, fiel er auf die Häuser links und rechts vom Weg, hinter deren Fenstern ich nichts Menschliches erspähen konnte. Nur die Hunde hinter den Gartenzäunen zeugten von Leben, wenn sie uns ankläfften, um uns zu verjagen. Ich war mit meinem Latein am Ende.


Fortsetzung folgt

MM