Man stellt sie ja selten in Frage, die Verhältnisse, in denen man lebt. Es ist halt, wie es ist – als sei es immer schon so gewesen.

Dieses Selbstverständnis gibt man an seine Kinder weiter: Geht brav zur Schule und lernt fleißig, damit ihr später einmal einen gut bezahlten Job kriegt. Oder empfehlt ihr euren Kindern, einfach in die Welt hinauszuziehen und zum Beispiel als Selbstversorger ihr Glück zu versuchen?

Doch kürzlich bin ich über einen kurzen Artikel gestolpert, der von den Anfängen des Kaffeeanbaus in El Salvador berichtete. Und plötzlich fiel es mir wieder auf: Einer Erwerbsarbeit nachzugehen, um Geld/Nahrung zu verdienen, ist nicht immer Teil der menschlichen Normalität gewesen…

Die Farmer, viele von ihnen eingewanderte Europäer, suchten damals dringend Arbeiter, um den Kaffee anzubauen. Allerdings waren die Einheimischen nicht besonders interessiert daran, dort zu arbeiten. Die indigene Bevölkerung betrachtete Nahrungspflanzen als Gemeingut – für Essen musste man nicht arbeiten, denn es war für alle verfügbar. Daraufhin privatisierten die Farmer das Land, wurden selbst zu Plantagenbesitzern – und gewannen die Hoheit über Nahrungsmittel.

So brachten sie die Menschen auf die Plantagen, doch damit nicht genug, sie wollten besonders effiziente Arbeiter. In der perfiden Logik der Großbauern waren die Avocados, Mangos und Feigen, die auf den Plantagen so üppig wuchsen, ein Problem: Die Arbeiter sollten sich nicht daran bedienen, sondern hungrig bleiben. Sie sollten nicht essen, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu essen.

brand eins, Heft 06/2020

MM