Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, Stunden, Tage, Wochen. Während ich im Bett lag und auf den Schlaf wartete, als ich auf dem Rad saß und zur Arbeit fuhr, durch den Wald joggte, im Garten arbeitete, Urlaub machte, aber mir fiel nichts ein.
Ich habe nichts mehr zu sagen.
Das ist natürlich bitter, wenn man als Content Producer sein Geld verdient. Es scheint, als habe ich mich über die Jahre leergeschrieben. Manchmal fielen mir so viele Themen ein, dass ich nicht wusste, mit welchem ich beginnen sollte. Doch nun ist alles gesagt. Ich fühle mich wie dieser Komponist, der resigniert feststellte, dass alle Melodien bereits gesungen wurden und er der Musikwelt nichts Neues hinzufügen kann.

Auch ich kann der Welt nichts mehr geben, worüber es sich lohnte nachzudenken. Ich habe nichts mehr zu sagen, nichts Relevantes zumindest.
Natürlich könnte ich immer noch über jene Dinge schreiben, die niemanden jucken. Wie zum Beispiel das Mädchen, das dieses Jahr zur Schule kommt. Es ist das niedlichste Kind, das ich kenne (meine eigenen sind natürlich außer Konkurrenz). Es ist zu klein für sein Alter, doch es strotzt vor Energie und Lebensfreude. Wenn seine Mutter ihm Dinge aufträgt (Putz dir die Zähne! Räum‘ dein Zimmer auf! etc.), antwortet es ganz selbstverständlich mit dem Satz: Du hast mir gar nichts zu sagen!, was regelmäßig zu Wutausbrüchen seitens der Eltern führt. Insbesondere seine Mutter neigt zu hysterischem Geschrei. Gestern erst saß ich mit meiner morgendlichen Tasse Kaffee im Arbeitszimmer, einem Zimmer im Übrigen, das dem nachbarlichen Haus abgewandt ist, als ich sie brüllen hörte. Minutenlang. Das Mädchen wollte sich offenbar nicht anziehen, sondern nackt zur Vorschule gehen, so viel konnte ich den Schallfetzen, die durch mein angekipptes Fenster wehten, entnehmen. Als Mutter kenne ich das Gefühl, wenn man von einer unbändigen Wut übermannt wird. Die ganze Zeit versucht man, sich zu beherrschen, rational zu argumentieren, lieb zu sein. Und dann schreist du doch. Und wenn du schon mal schreist, dann richtig. Nicht um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, sondern um das Kind dafür zu bestrafen, dass es dich überhaupt erst an diesen Punkt gebracht hat. Du willst mich schreien hören? -Oh, du wirst mich schreien hören – und wie!

Das Geschrei der Mutter steigerte sich also. Vorwürfe, Gemecker, weitere Vorwürfe und noch mehr Gemecker. Ihre Stimme überschlug sich schließlich und das Gezeter verebbte in einem heiseren Krächzen – dann war es still. Diese Stille war es, die mich aufhorchen ließ, denn ich war es gewohnt, danach die klare, helle, aber feste Stimme des Mädchens zu vernehmen, das es sich nicht nehmen ließ, zurückzuschreien.
An dieser Stelle muss ich wohl ein wenig näher auf das Mädchen eingehen. Zunächst sei gesagt, dass ich es gut leiden kann. Zwar frönt es dem Eigennutz, doch verschont es seine Altersgenossen immerhin mit Gemeinheiten. Verglichen mit anderen Freundinnen meiner Tochter ist es sogar ausgesprochen handzahm. Es erzählt für sein Leben gern, sein Mundwerk scheint nie stillzustehen. Da trifft es sich gut, dass ich gern zuhöre. Nur leider ist das Mädchen eine geborene Klugscheißerin. Es gehört zu den wenigen Kindern, das nie Fragen stellt, denn es weiß ja schon alles. Es erklärt mir regelmäßig Gott und die Welt und beendet seine Vorträge stets mit diesem augenrollenden Blick, den sie mit einem Schulterzucken paart, einer Geste, die nur eines bedeuten kann: dass sie mich für unsagbar dumm hält. Was im Grunde ja stimmt. Nun, da ich nichts mehr zu sagen habe, weil mir partout nichts einfallen will, halte ich mich mitunter auch für unsagbar dumm, aber ich lasse es mir ungern von einer Fünfjährigen unter die Nase reiben.
Egal für wie dumm sie mich hält, sie kommt gern in mein Haus, um mit meiner Tochter zu spielen. Ich denke, das liegt auch daran, dass ihr weder meine Tochter noch ich irgendwelche Bedingungen stellen. Sie verursacht zwar meistens ein unglaubliches Chaos in Haus und Garten, doch würden wir sie nie bitten, aufzuräumen. Es geht einfach schneller, selbst sauberzumachen, als uns ihre Ausreden anzuhören, weshalb sie gerade keine Zeit dafür findet. Sie ist ein ziemlicher Dickkopf und dass ich sie trotzdem ganz bezaubernd finde, lässt mich an meiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Noch ein Indiz für meinen zunehmenden geistigen Verfall, nehme ich an.
Ihre Eltern jedenfalls lassen sich nicht so leicht um den Finger wickeln. Der Vater des Mädchens formuliert im strengen Ton absurde Regeln (Geh Erdbeeren pflücken! Hilf mir beim Kuchenbacken! Stell das Stövchen auf den Tisch!) und ist fassungslos, wenn diese nicht befolgt werden. Die Mutter wird immer cholerischer.

Es herrschte also Stille nach dem großen Geschrei. Eine Viertelstunde später sah ich ihr Auto auf die Straße rollen und in Richtung Kita davonfahren. Dass das Mädchen aufgehört hatte, seinen Eltern Paroli zu bieten, betrübte mich. Es hatte keine Stimme mehr, obwohl ihm mit Sicherheit etwas auf der Zunge lag. Worte, die es nun herunterschlucken musste.
Ich kenne ihre Eltern. Sie sind Freunde. Vielleicht auch nur Bekannte. Wir pflegen jedenfalls ein zivilisiertes Miteinander, leihen uns den Rasenmäher, schenken uns gegenseitig selbstgekochte Marmelade, grüßen stets freundlich, feiern zusammen Einschulungen und Geburtstage, die runden zumindest. Ich weiß, dass sie ihr kleines Mädchen lieben und ihr alles Glück der Welt ermöglichen wollen. Und gedankt wird’s mit ewigem Trotz. Manchmal sehe ich sie niedergeschlagen durch ihren Garten wandern:

Hey, na, was ist los?, rufe ich ihnen dann betont fröhlich zu.
Und sie nehmen sich ein Herz und fragen traurig um Rat, wollen wissen, weshalb das Mädchen nicht auf sie hört. Was sollen wir denn noch machen?
Das wird schon, beteuere ich und lächle ihnen aufmunternd zu. Jede Phase hat ein Ende, nicht wahr!
Nichts als Geschwätz, aber was soll ich schon antworten?: Setzt euch verdammt noch mal zusammen und redet vernünftig miteinander. Ich bin es leid, eure Machtspiele mitanhören zu müssen!
Nein, das wäre nicht nett, also halte ich lieber die Klappe. Gleichzeitig stelle ich mir das Kind vor, wie es in zehn Jahren das erste Mal von zu Hause ausreißt, um in einem alternativen Wohnprojekt Zuflucht zu suchen. Blass und verpickelt läuft es durch die Straßen Berlins, seine schwarzgefärbten Locken hängen kraft- und glanzlos auf seine runden Schultern herab. Unter dem Vorhang aus fettigem Haar verbirgt sich nicht ihre einzige Freundin, doch immerhin jene, die am besten zuhören kann: die Ratte She-Ra-Princess-of-Power, die sie von nun an überall hin begleitet. Bei diesem Bild steigt ein grimmiges Lachen in meiner Kehle empor. Fünf Minuten später bin ich mit meinen Gedanken bereits woanders.
Denn es gibt Schlimmeres. Klar, das Gebrüll der Nachbarn lässt mich jedes Mal für einen Augenblick vor Angst erstarren, doch kaum ist der erste Schreck überwunden, wird mir klar, dass es nicht mich betrifft. Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das mit gesenktem Kopf und pochendem Herzen vor seiner wutschnaubenden Mutter steht, bereit, ihr um den Hals zu fallen und um Vergebung zu betteln. Ich bin da Gott sei Dank raus.

Man vergisst schnell, und das ist gut so, sonst würde man sich nur aufregen. Aufregen über Dinge, über die es sich nicht aufzuregen lohnt. Wie die Frauen aus dem Malkurs an der Volkshochschule, den ich seit einem Jahr besuche. Physisch begegnen wir uns einmal pro Woche, digital beinahe jeden Tag. Schließlich bilden wir auch auf WhatsApp eine Gruppe, offiziell um zu besprechen, wer wann kommt und was mitbringt oder wann Vernissagen und andere Kunst-Events stattfinden. Hin und wieder werden auch Glückwünsche ausgesprochen, wenn eine Frau ein Kind bekommen oder geheiratet hat. Zwei, drei Frauen wird auch zum Geburtstag gratuliert. Es beginnt mit einer harmlos wirkenden Nachricht, sagen wir:


Liebe Claudia, ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag 🎂 🍾 😄 !!! Lass dich heute ordentlich verwöhnen!

Diese Nachricht bringt allerdings alle anderen in Zugzwang. Also wird innerhalb von Minuten brav geantwortet:

Dem schließe ich mich an, herzlichen Glückwunsch, meine Süße! 🤗 🤩 💝

Auch von mir herzliche Glückwünsche zu deinem Geburtstag. Hab einen wunderschönen Tag mit deiner Familie. 🥂

Hey Claudi, alles Gute auch von mir! 👏🏻 Einen traumhaften Tag wünsche ich!!!

Liebe Claudia, happy Birthday und alles Gute auch von mir! Feiere schön, fühl dich umarmt und sei lieb gegrüßt! 🧁 🍰 🎂

Selbstverständlich spreche auch ich meine allerliebsten Geburtstagsglückwünsche aus und brüte minutenlang über der Liste mit Emojis, um ein passendes zu finden, das von den anderen Gruppenmitgliedern noch nicht verwendet wurde. Dabei koche ich innerlich, denn am liebsten würde ich schreiben:

Liebe Mädels und lieber Olaf,
ich möchte euch darauf hinweisen, dass in dieser Gruppe 14 Frauen und ein Mann versammelt sind. Komischerweise wird jedoch nur zwei, vielleicht auch drei Frauen im Jahr zum Geburtstag gratuliert. Was ist mit den anderen elf und Olaf? Okay, wahrscheinlich kennt ihr nicht alle Daten, aber rechtfertigt das diese beschränkte Auswahl? Bitte gratuliert euren Freundinnen doch persönlich, statt es innerhalb dieser Gruppe zu tun. Oder gratuliert einfach allen!
Also, ihr Lieben, wer hatte denn dieses Jahr schon Geburtstag? Meldet euch doch einfach, damit wir euch nachträglich gratulieren können. Übrigens hatte auch ich schon Geburtstag, und zwar vor zwei Wochen. Genau genommen am 20. Juni. Ich freue mich auf eure Glückwünsche!!!

Stattdessen habe ich die Gruppe stummgestellt und spiele mit dem Gedanken, das Malen aufzugeben. Es erfüllt mich mit Befremden, meine Zeit mit Menschen zu verbringen, denen ich nichts bedeute. Für sie bin ich kaum mehr wert als der Pinsel in ihrer Hand, ein Werkzeug, das die Einsamkeit vertreibt, die sie umgäbe, wenn sie zu Hause allein malen würden. Wir lachen viel, vergleichen unsere Bilder und Stile, sprechen Lob und Kritik aus und fahren danach wieder nach Hause, um einander schnellstmöglich zu vergessen. Aber was habe ich erwartet?

Wenn ich aus dem Fenster schaue, fällt mein Blick auf einen Container, der im Garten meiner Nachbarin steht. Sie vermietet ihn an eine Frau, die mehr Schatten als Mensch ist. Man sieht sie höchstens mal im Dämmerlicht zu ihrer Tür huschen. Die Rollos ihres Trailers sind stets heruntergelassen, morgens, mittags, abends – vom Frühling bis zum Winter. Sie scheint nie das Bedürfnis zu haben, herauszuschauen in den gepflegten Garten ihrer Vermieterin. Oder in den Himmel. Lediglich ihr Auto, ein alle paar Monate wechselndes Modell, das am Straßenrand parkt, verrät, dass sie dort wohnt – und das schon seit ein paar Jahren. Einmal bat mich meine Nachbarin, ihren Briefkasten zu leeren, während sie im Urlaub war. Also lief ich zwei-, dreimal die Woche die schmale Auffahrt hinunter zu ihrem Briefkasten. Dabei musste ich auch am Container vorbei, der nach hinten eine Tür in einen Vorgarten hat, den ich zuvor nie wahrgenommen hatte. Die Tür stand offen und die Stimme eines Kindes drang an mein Ohr. Und tatsächlich sah ich kurz ein Mädchen – vielleicht fünf Jahre alt – im Inneren der kleinen Behausung. Es mag wohl ihr Kind gewesen sein. Ich hörte es Mama sagen. Doch woher es kam und wohin es ging, bleibt ein Rätsel, denn seither habe ich es nie wiedergesehen. Stattdessen höre ich den Typen von schräg gegenüber, wie er seinem Vierjährigen zum wiederholten Male Halt endlich die Schnauze, du Vollpfosten! zuschreit, was mich dazu bewegt, das Fenster doch wieder zu schließen und die Vorhänge zuzuziehen. Da draußen gibt es wahrhaftig nichts zu sehen. Nichts, das es wert wäre, erzählt zu werden.

MM