Kurzgeschichte

Es gibt Momente im Leben, da überrascht man sich noch selbst. Ich war wirklich erstaunt, als ich den Kater am Schwanz packte und ihn gegen die Wand schleuderte. Tatsächlich empfand ich sogar ein wenig Angst vor mir selbst. In der nächsten Sekunde jagte ich ihm wieder hinterher, denn er hatte scheinbar keine Verletzung davongetragen. So ging es treppauf, treppab. Der Kater voran, ich hinterdrein. Es muss lustig ausgesehen haben. Ich war ein Witz. Als ich ein Brennen in der Lunge spürte, gab ich auf.

Seit drei oder vier Monaten hatten wir einen noch nicht ganz ausgewachsenen Kater, der uns von einer Bekannten geschenkt worden war. Sie selbst hatte sich darauf spezialisiert, streunende Katzen bei sich zu Hause aufzupäppeln, um sie später an wertschätzende Familien zu verschenken. Wir hatten uns auf Karli gefreut, ihm ein Körbchen, Spielzeug und ein Katzenklo besorgt. Er sollte unsere Familie nicht nur ergänzen, sondern bereichern. Wir würden ihn wahnsinnig wertschätzen, da war ich mir ganz sicher, denn schon als kleines Mädchen hatte ich nichts lieber getan, als mit den Katzenbabys auf dem Bauernhof meiner Großeltern zu spielen. Karli enttäuschte uns nicht. Er war ein ausgesprochen schönes Tier mit bernsteinfarbenen Augen. Ebenso bernsteinfarben war sein seidig weiches Fell. Er ließ sich gerne von meinem Mann und mir streicheln. Oft sprang er sogar ungefragt auf unseren Schoß, um dort zu schlafen. Nur vor den Kindern lief er davon, so gern sie ihn auch hatten. Leider war er ein sehr ängstlicher Kater, überdies ausgesprochen dumm. Um nicht mehrmals täglich sein Katzenklo säubern zu müssen, wollte ich ihn daran gewöhnen, sich tagsüber draußen aufzuhalten. Karli weigerte sich allerdings, rauszugehen. Schon wenn ich die Eingangstür öffnete, verzog er sich ins Obergeschoss und versteckte sich in einem der Kinderzimmer. Um ihn dennoch nach draußen zu manövrieren, musste ich schnell und trickreich agieren. Erst lockte ich ihn mit seinem Fressnapf, schnappte ihn dann und warf ihn buchstäblich im hohen Bogen hinaus. Das funktionierte zwei, drei Mal, danach wurde Karli zusehends skeptischer, wenn es um seine Fütterung ging. Irgendwann verzichtete er eben auf seine Mahlzeiten zugunsten eines warmen Plätzchens mit Fußbodenheizung. Von diesem Moment an war es mit meiner Liebe zu Kater Karli vorbei.

Einmal bügelte ich im Obergeschoss bei geöffnetem Fenster die Wäsche, als Kater Karli auf leisen Tatzen das Zimmer betrat und leichtfüßig auf das Fensterbrett sprang. Neugierig betrachtete er den Garten, verfolgte die Vögel mit wachem Blick. Währenddessen stellte ich das Bügeleisen ab und malte mir aus, den Kater mit einer schnellen Wischbewegung vom Fensterbrett zu stoßen. Es wäre so leicht, dachte ich, aber man kann sich nicht sichersein, dass er auch stirbt. Vielleicht überlebt er schwerverletzt und ich muss dann horrende Summen für seine Operation bezahlen. Seufzend bügelte ich weiter. Ich musste mich wohl oder übel mit dem Kater arrangieren, bis mir etwas Besseres einfiel.
Er kann ja nichts dafür, dass er bei uns gelandet ist, sagte mein Mann immer, aber das tröstete mich nicht. Im Gegenteil, aus meiner Abneigung gegen Karli wurde blanker Hass. Nachdem ich wieder einmal vergebens versucht hatte, ihn nach draußen zu locken, wusste ich, dass ich ihn endgültig loswerden musste. Soll er doch im Wald weiterleben, dachte ich.

Auf Google Maps hatte ich mir einen Weg herausgesucht, der tief in den Wald führte, für Autos aber trotzdem noch befahrbar war, weil es dort draußen offenbar immer noch ein paar Häuser gab. Seit dem großen Waldbrand im Sommer hatte der Forst die meisten Waldwege gesperrt. Es war nun unter Strafe gestellt, sie zu befahren. Der Drei-Eichen-Weg aber schien frei zu sein, eine schmale von Schlaglöchern übersäte Straße, aus der dank des unablässigen Regens der vergangenen Tage eine einzige Pfütze geworden war. Mittlerweile schneite es. Der Wind peitschte die kleinen Flocken gegen meine Windschutzscheibe, wo sie noch schmolzen, bevor der Scheibenwischer sie zur Seite schob. Als ich einen Maschendrahtzaun am Straßenrand bemerkte, schaltete ich die Scheinwerfer aus. Ich wollte nicht auffallen bei meinem Vorhaben, mich des Katers zu entledigen. Die Umzäunung schien kein Ende zu nehmen, ohne dass Häuser oder irgendeine andere Bebauung sichtbar geworden wären. Schließlich wurde der Zaun sogar um eine etwa drei Meter hohe Hecke ergänzt, bis doch noch ein Eingangsportal zum Vorschein kam. Aber auch dort hatte ich keine Möglichkeit, einen Blick auf das Grundstück zu werfen, denn der Besitzer hatte seine Hecke hier so geschickt versetzt gepflanzt, dass lediglich ein paar Dächer in der Ferne zu erkennen waren.

Ich ließ das geheimnisvolle Anwesen hinter mir und fuhr noch so lange weiter, bis ich mich unbeobachtet wähnte. Dann hielt ich einfach mitten auf dem Weg und stieg aus. Die Autobahn war deutlich zu hören, ein unermüdliches intensives Rauschen von Fahrzeugmotoren. Ich musste an einen Artikel denken, der neulich im Gemeindeblatt stand. Er beschrieb, wie der Kiefernwald den Schall noch verstärkte, statt ihn zu dämpfen. Man verglich ihn mit einem Kirchenschiff, in welchem jeder Laut nachhallte. Tatsächlich wirkte er schon immer leer auf mich, dieser Wald voller Stämme ohne Wiesen, ohne Unterholz. Wie tot. Nun, immerhin die Autobahn erinnerte mich daran, dass ich nicht allein hier war und nie sein würde. Im Stillen spottete ich über den oder die Bewohner des Waldgrundstücks, die in absoluter Einsamkeit wohnten und dennoch diesen Lärm ertragen mussten. Tag und Nacht. Jahr um Jahr.

Ich öffnete den Kofferraum und hob die Transportbox mit Karli an, schleppte sie ein paar Meter und ließ sie auf eine bemooste Stelle am Wegesrand sinken. Der Kater schnellte heraus, sobald ich das Gitter entfernt hatte. Er trippelte ein paar Meter in den Wald, blieb dann stehen und schaute mich an. Meinen Impuls, „Tschüss“ zu sagen, unterdrückte ich. Womöglich hätte es das dumme Tier noch als Aufforderung verstanden, zurückzukommen.

Er wird wohl verhungern, dachte ich mir angesichts der Ödnis um mich herum, doch was kümmerte es mich. Lediglich meine Gleichgültigkeit ließ mich kurz aufhorchen und verursachte so etwas wie den Anflug eines schlechten Gewissens. Viel mehr beschäftigte mich das Grundstück, an dem ich gerade vorbeigefahren war. Da ich ein furchtbar neugieriger Mensch bin, wollte ich es mir zu Fuß noch einmal genauer ansehen. Ich lief also zurück, bis mich wieder der Maschendrahtzaun empfing. Alle paar Meter warnte ein gelbes Schild „Vorsicht Elektrisch“. Oben hatte man den Zaun noch mit Stacheldraht verstärkt – und das über Kilometer. Das Grundstück musste mehrere Hektar groß sein. Größtenteils hatte man die Kiefern einfach stehengelassen, so dass es sich kaum von der Umgebung unterschied. Lediglich der Eingangsbereich war bis auf die riesige Hecke baumlos. Mehrere Kameras waren auf die Pforte und die Zufahrt gerichtet. Mitten auf dem Gelände standen hohe Pfosten mit Flutlichtern. Ein Briefkasten zeugte davon, dass die Post wohl auch bis in den Wald lieferte. Am Kasten selbst jedoch waren keine Namen zu erkennen. Ich wanderte am Zaun entlang und fand schließlich eine Stelle, an der ich durch die Hecke blinzeln konnte. Ich zählte die Dächer von vier Häusern, allesamt recht alt, einige nur mit Dachpappe versehen. Ein einziges war dreistöckig und stellte wohl das Hauptgebäude dar. Es wirkte jedoch so abweisend, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass jemand darin wohnte. Seine Erdgeschossfenster waren vergittert. Die oberen starrten schwarz auf mich herunter. Wenn kein Rauch aus einem der kleineren Häuser aufgestiegen wäre, hätte ich vermutet, dass das Anwesen völlig verwaist war. Ich erschauderte und lief schnellen Schrittes zu meinem Auto zurück.

Dort hockte Karli vorm Kofferraum. Mein Unbehagen wich zugunsten einer unbändigen Wut. Am liebsten hätte ich den Kater überrollt. „Hau endlich ab!“, rief ich, doch der Kater blickte mich nur erwartungsvoll an. Als ich näherkam, lief er sogar auf mich zu, um mir um die Beine zu streichen. Nach all dem, was ich ihm angetan hatte, wollte er immer noch von mir gestreichelt werden. Ich trat nach ihm, so dass er mir ausweichen musste. „Verpiss dich!“, zischte ich. „Dort hinten findest du vielleicht ein neues Zuhause. Platz haben sie ja ohne Ende.“ Dann stieg ich ins Auto und startete den Motor, wendete umständlich, schließlich wollte ich den Kater nicht wirklich überfahren. Ich hatte keine Lust, auch noch seine Fellreste von den Reifen kratzen zu müssen.

Wieder fuhr ich am umzäunten Anwesen vorbei, doch diesmal schaute ich nicht auf. Ich konzentrierte mich auf den schlammigen Weg, der es mir unmöglich machte, schneller als Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Als ich endlich die ersten Häuser des Dorfs erblickte, entspannte ich mich merklich. Lächelnd blickte ich in den Rückspiegel. Etwas Helles, Gelbliches war etwa 50 Meter hinter mir. Karli hatte mich verfolgt. Mein Lächeln erstarb. Ich hielt am Wegesrand, blieb jedoch unschlüssig ein paar Minuten im Auto sitzen. Schließlich stieg ich aus, ging an Karli vorbei und öffnete den Kofferraum. Der Kater wartete reglos neben mir. Vermutlich hätte ich ein paar Worte an ihn richten sollen, doch der Hass schnürte mir die Kehle zu. Schließlich packte ich ihn und schleuderte ihn in den Kofferraum. Er mauzte, dann schlug ich die Tür zu.

Zu Hause angekommen, verzog sich Karli erst einmal aufs Katzenklo. Ich klappte den Laptop auf und erstellte eine Verkaufsanzeige auf ebay.