Sie nimmt in der vordersten Reihe Platz und wundert sich schon beim Hinsetzen, wie schmal die Bank ist. Höchstens einen halben Meter. Fallen die Schulbücher da nicht vom Tisch im Eifer des Gefechts?, fragt sie sich, als sie darauf wartet, dass die Lehrerin das Gespräch beginnt. Die scheint auf dem Lehrerpult nach etwas zu suchen. Jetzt zieht sie einen Zettel unter einem Stapel Heftern hervor, den sie ihr flugs überreicht. Zeit, ihn zu lesen, lässt sie ihr nicht. Schon nimmt sie direkt vor ihr Platz und fixiert sie mit ihrem Blick, der beängstigend starr ausfällt. 50 Zentimeter liegen zwischen ihrem Gesicht und dem der Lehrerin – und das trotz Corona. Sie würde am liebsten zurückweichen, will aber auch nicht ängstlich wirken. Also bewegt sie sich keinen Zentimeter. Ist das ein Spiel?, denkt sie. Wer zuerst wegschaut, hat verloren?
Sie verliert. Die Lehrerin entspannt sich, lächelt und legt los. Allerdings verwirft sie das ungeschriebene Gesetz, erst einmal mit dem Positiven zu beginnen. Sie kommt gleich zur Sache: 
„Elli vergisst in letzter Zeit ständig ihre Hausaufgaben, das muss besser werden!“, schallt es ihr entgegen.
Sie zuckt mit den Schultern: „Bin Schlimmeres gewohnt. Das Hausaufgabenheft meines Sohns war stets gepflastert mit grünen Stempeln.“
„Für Sie mag das okay sein. Für mich nicht.“ Die Lehrerin begibt sich wieder zu ihrem Pult, was ihr eine kleine Verschnaufpause vom Starrduell verschafft. Dort blättert sie in einem Ordner, in welchem sie offenbar die Namen der Kinder notiert hat und dahinter die Anzahl der vergessenen Hausaufgaben, vergessenen Unterschriften und vergessenen Zettel, die eigentlich hätten zurückgegeben werden müssen. 
„Zehn Einträge zähle ich bei Elli“, sagt sie, während sie sich wieder zu ihr umdreht. „Zehn. Das ist eindeutig zu viel.“
„Das entspricht etwa einem Eintrag pro Woche“, antwortet sie und sieht die Lehrerin dabei zweifelnd an.
„Elli  muss strukturierter arbeiten. Die Hausaufgaben sind wichtig, um den Unterrichtsstoff zu festigen.“
„Aber sie macht ihre Hausaufgaben doch“, hält sie dagegen. „Und sie erledigt sie ganz allein. Ich muss sie nicht einmal daran erinnern. Ich finde, das ist ein Grund, stolz zu sein. Ja, ich bin stolz darauf, wie selbstständig sie schon ist.“
Die Lehrerin bleibt unnachgiebig. Ihr Blickwinkel ist ein anderer, das versteht sie, aber warum er so anders ist, das versteht sie nicht. Ist es die Vergesslichkeit des Kindes, die sie frustriert, oder unterstellt sie ihm Gleichgültigkeit, Faulheit, Provokation? Sie hat keine Ahnung, aber auch keine Lust mehr, dem auf den Grund zu gehen. Sie werde in Zukunft besser kontrollieren, verspricht sie, ob Elli ihre Hausaufgaben gemacht hat. Wenn ich es selber nicht vergesse, fügt sie in Gedanken hinzu.   

Es geht weiter mit dem Zettel, der immer noch ungelesen vor ihrer Nase auf der schmalen Bank liegt. Die Lehrerin erklärt in ihren Worten, was darauf geschrieben steht. Da sie sie immer noch mit den Augen fixiert, schafft sie es nicht einmal, den Text zu überfliegen. Trotzdem soll sie unterschreiben-
„-und zwar hier.“ Die Lehrerin reicht ihr den Kugelschreiber, doch sie zückt ihren eigenen. Es handelt sich um eine Einverständniserklärung. Sie soll der Lehrerin erlauben, Elli im Fach Deutsch benoten zu dürfen. Bei einem Kind mit Förderbedarf obliegt es den Eltern, darüber zu entscheiden. Davon wusste sie bislang nichts. Sie hält inne. Was spricht dafür, was dagegen? Sie ist unschlüssig. Entscheidungen fällt sie ungern aus dem Bauch heraus. Und doch ist sie jetzt gefordert, jetzt gleich. Wahrscheinlich ist es nur ein weiterer Zettel, den Elli vergessen hat, ihr zu zeigen, der aber längst abgehakt und abgeheftet werden sollte.
„Eigentlich bin ich ganz generell gegen die Benotung in der Schule“, sagt sie schließlich und lässt den Kugelschreiber sinken. Doch sie sagt es ohne Überzeugung, mit leiser Stimme und dazu noch lächelnd. So als würde sie sich für ihre Ansichten schämen. Noch ein Duell, das sie von vornherein verloren hat.
Es entsteht eine Pause, die jedoch nur kurz ausfällt. Offenbar kennt die Lehrerin alle wesentlichen Argumente, die gegen eine Benotung sprechen. Sie habe sogar Verständnis, sagt sie, doch ihr wird nicht recht klar, wem dieses Verständnis gilt, denn sogleich beginnt sie aufzuzählen, welche immensen negativen Auswirkungen es habe, wenn Kinder nicht benotet würden, die Mitschüler hingegen schon. Nichts davon klingt in ihren Ohren plausibel oder gar überzeugend, aber angesichts der Vehemenz ihrer Fürsprache ist sie gewillt, einzulenken. Sie sehnt sich geradezu danach, aufzugeben. Alles, nur kein Streit. Sie würde am liebsten aufstehen und nach Hause fahren, um schnellstmöglich alles zu vergessen, was besprochen wurde. Sie wird einlenken. Natürlich wird sie einlenken. Scheiß drauf, denkt sie. Scheiß doch drauf. Scheiß auf alles. Und dann unterschreibt sie. 

„Die Schüler – auch Elli – wissen gern, wo sie stehen“, hört sie die Lehrerin sagen. Sie nimmt den Zettel an sich, steht auf und legt ihn auf ihr Pult. „Sie brauchen diese Art der Orientierung, denn schauen Sie“, und nun zieht sie ein anderes Blatt Papier aus irgendeiner Mappe, „wenn man ein solches Diktat sieht“, und sie zeigt ihr ein von Elli geschriebenes Diktat, das erstaunlich wenige rote Markierungen aufweist, „denkt man doch, dass es sich hier um eine gute Leistung handelt, nicht wahr? Sechs Fehler. Das klingt erstmal nicht viel.“
Sie nickt, zählt sogar noch mal die markierten Fehler zusammen. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Das Wort “Diktart” ist gnädigerweise noch nicht einmal mitgezählt worden, weil es nicht zum bewerteten Text gehört.
„Aber weder Schüler noch Eltern wissen, in welchem Verhältnis die Fehler zur Anzahl der Wörter stehen“, fährt die Lehrerin fort. „Sechs Fehler ziehen in diesem Diktat bereits die Note Fünf nach sich. Wenn ich jedoch keine Fünf darunter schreiben würde, könnte der Schüler meinen, er hätte ein gutes Diktat geschrieben.“
„Der Schüler soll wissen, dass seine Leistung schlecht ist, auch wenn sie ihm gut vorkommt.“
„Ich würde es anders formulieren, aber ja, im Grunde haben Sie recht“, fährt die Lehrerin in ernstem Ton fort. „Sonst würde er sich ja Illusionen hingeben. Und wer kann das wollen?” Die Lehrerin räuspert sich. „Wenn Elli bald auf eine andere Schule wechselt, wird es dort ganz sicher keine Lehrer geben, die ihr Illusionen machen. Dort wird auch ihre Schwäche nicht berücksichtigt. Darauf möchte ich sie vorbereiten.“
Indem Sie ihr Noten geben, resümiert sie, ohne die Lehrerin anzusehen. Sie kann sich noch gut an die erste Elternversammlung mit ihr erinnern. Vor ungefähr anderthalb Jahren kam sie neu an diese Schule und ersetzte die gerade in Elternzeit gegangene Klassenlehrerin ihrer Tochter. Schon wie sie auf ihrem Stuhl am Lehrerpult lümmelte und ironische Bemerkungen machte, zeigte allen, wie jung sie war und wie verdammt lässig. Mit ihr würde ein frischer Wind ins Klassenzimmer wehen und den Kindern Flügel verleihen. Und am Anfang war es auch so: Elli war in ihrer gesamten Schullaufbahn noch nie so motiviert gewesen. Sie ging gut gelaunt zur Schule! Und wenn sie nach Hause kam, gab sie die zumeist lustigen Erlebnisse wider, die sie an diesem Tag in der Schule gesammelt hatte. Obwohl die Lehrerin gerade denselben oder einen sehr ähnlichen Hoodie trägt und die Festivalbändchen des vergangenen Sommers noch immer ihre Handgelenke zieren, ist ihre Coolness passé. Ihre Kajal umrandeten Augen wirken müde, die Wangen unnatürlich rot, als habe sie zu viel Rouge aufgetragen – oder sich in Rage geredet. In Ihrem starren Blick liegt etwas Desillusioniertes. Die Lehrerin ist kein schlechter Mensch, denkt sie. Sie ist… nur ein Mensch.
Sie erhebt sich von ihrem Stuhl, streift sich die Jacke über und schlingt ihre Tasche um die Schulter. Nicht ohne ein paar kleine Scherze über Elli und ihre Mädchen-Clique zu machen, gehen sie langsam zur Tür. Beiden steht die Freude darüber, dieses Gespräch hinter sich gebracht zu haben, ins Gesicht geschrieben. „Auf Wiedersehen“, sagen sie beinahe unisono und lachen. Die Hände reichen sie sich indes nicht.

Als sie die Einfahrt zu ihrem Haus hinaufrollt, überfällt sie eine grenzenlose Traurigkeit. Sie fühlt sich so schwer, dass sie erst einmal im Auto sitzen bleibt. Eine Minute, zwei, drei,… Selbst als ihr kalt wird, kann sie sich nicht überwinden, aufzustehen. Die Außenbeleuchtung geht an. In Hausschuhen kommt ihr Mann aufs Auto zugelaufen. Schnell öffnet sie die Tür und springt heraus, als wäre sie gerade erst angekommen.
„Alles in Ordnung?“, fragt er und sieht sie forschend an.
„Klar doch. Alles in Ordnung.“
So kann das nicht weitergehen, denkt sie, als sie weitergeht – durch die Tür in den Flur. Es riecht nach Essen. Ihr Mann hantiert in der Küche mit Töpfen und Pfannen. Froh darüber, dass er wieder einen Gesprächspartner hat, redet er über alles, was ihm in den Sinn kommt: die Arbeit, seine Kollegen, den Inhalt eines Gesprächs mit seinem Vorgesetzten, sogar die Schlagzeilen, die er heute online gelesen hat, zitiert er, um gleich darauf seinen Senf dazuzugeben. Sie lässt sich auf die Couch fallen und starrt auf den schwarzen Fernsehbildschirm, sehnt sich nach Stille und Einsamkeit. 
„Wie war das Elterngespräch?“, fragt er schließlich. Als sie nicht antwortet, wendet er sich beleidigt ab. Zu hören sind jetzt nur noch die Zwiebeln, die im Fett brutzeln.

Sie war eine gute Schülerin, brachte nur Einsen und Zweien nach Hause. Die Schule fiel ihr leicht, sie lernte gern und ohne Anstrengung. Im Gegensatz zu Elli ging sie gern zur Schule, was vor allem an ihrer Klassenlehrerin lag. Frau Engel. Aus einem Grund, der ihr heute partout nicht mehr einfallen will, liebte sie Frau Engel. Jedenfalls hätte sie gern die Lehrerin zur Mutter gehabt. Sie beneidete Frau Engels Tochter, die in dieselbe Schule ging, aber zwei Klassen unter ihr von einer anderen Lehrerin unterrichtet wurde. Manchmal begegnete sie ihr auf dem Schulhof oder betrachtete sie eingehend aus der Ferne. Sie wollte nicht ihre Schwester sein, das nicht. Nein, sie hätte gern mit ihr getauscht, sie ihren eigenen Eltern untergejubelt, um Frau Engel ganz für sich allein zu haben. 
Auf dem Gymnasium bekam sie erstmals schlechte Noten, was ihre Eltern auf die Palme brachte. “Wie kann man das nicht verstehen?” rief ihr Vater. “Das ist doch kinderleicht”, meinte die Mutter. Sie kam sich dumm vor. In Chemie hagelte es Vieren und Fünfen, egal wie sehr sie sich anstrengte, in anderen Fächern lief es nicht viel besser. Frau Engel gehörte der Vergangenheit an. Ihre Eltern hingegen waren immer noch da, enttäuscht und wütend wie eh und je.

Ellis Lehrerin kommt ihr wieder in den Sinn. Der Schüler möchte wissen, wo er steht. Er braucht den Vergleich. 
„Ich wage zu bezweifeln, dass er das wissen will“, flüstert sie. „Und wenn er das wirklich wissen will, dann wurde ihm dieses Bedürfnis anerzogen.“ Sie dreht ihren Kopf in Richtung Küche und begegnet dem fragenden Blick ihres Mannes.
„Ich geh’ duschen“, sagt sie mit fester Stimme, steht auf und verlässt die Wohnküche. 
„Zeigen Sie mir das Kind, dem bei einer schlechten Note nicht das Herz in die Hose rutscht!“, flüstert sie erneut in die Dunkelheit des Flurs, den sie mit schnellen Schritten durchschreitet. „Zeigen Sie mir das Kind, das nicht den Glauben an sich selbst verliert, wenn es wieder und wieder schlecht benotet wird!“ Sie schlüpft in ihre Halbschuhe und sucht nach den Autoschlüsseln. In der Ecke sieht sie Ellis Schulranzen stehen. Sie wirft einen Blick in ihr Hausaufgabenheft und findet in dieser Woche zwei grüne Stempelabdrücke vor, die noch nicht unterschrieben wurden. HA vergessen! AB vergessen! Sie schlägt das Heft wieder zu und packt es zurück in den Ranzen. Danach wird sie keinen Blick mehr riskieren. 
Die Sonne ist gerade untergegangen, als sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt, aber der Himmel strahlt noch bonbonfarben. Am Auto bleibt sie kurz stehen, um den Anblick in sich aufzunehmen, als könne er sie stärken. Dann steigt sie ein und fährt zurück. Zur Schule.