Über eine scheinbar banale Begebenheit im Freibad

Die wenigsten von uns hören gerne Kinder weinen und schreien. Man fühlt sich dann gleich irgendwie unwohl und hält Ausschau nach den Eltern.

Doch genau das ist gestern im Schwimmbad passiert: Ein kleiner Junge stand mit heruntergelassener Badehose vor den Herrentoiletten und schrie nach seiner Mutter. Er sei jetzt fertig, sie könne kommen, um ihm den Po abzuwischen. So weit, so banal.

Doch seine Mutter kam nicht. Der Junge schrie minutenlang in alle Richtungen Mama-Mama-Mama und er schrie wirklich wahnsinnig laut. Ich bin mir zu 100% sicher, dass jeder im Freibad mitbekommen hatte, dass da ein kleiner Junge vor den Klos stand und nach seiner Mutter rief.

Niemand würdigte ihn eines Blickes. Ist nicht unsere Sache, dachten sie wahrscheinlich. Seine Mutter wird schon kommen. Geben wir ihr noch etwas Zeit. Vielleicht sitzt sie gerade selbst auf dem Klo und kommt nicht so schnell hoch. Wer weiß?
Derweil rief der Junge weiter: Mama-Mama-Mama!!! Immer noch laut, aber schon deutlich verzweifelter. Ich konnte mich nicht mehr aufs Lesen konzentrieren und schaute mich um: Wo blieb seine Mutter denn nur? Sie war nirgends auszumachen.

Irgendwann zeigten ein paar Mädchen mit dem Finger auf den kleinen Jungen und lachten: Guckt mal, der Junge schreit nach seiner Mutter, hehehehe.
Als der Kleine das bemerkte, verstummte er sofort und zog sich in die Herrentoilette zurück. Dort fing er an, bitterlich zu weinen. Er schrie nicht mehr, aber sein Schluchzen war immer noch deutlich zu hören. Wieder schaute ich mich um: Niemand reagierte.

Irgendwann riss mir der Geduldsfaden und ich ging zu den Herrentoiletten, um den Jungen zu fragen, wo ich seine Mutter denn finde, damit ich sie zu ihm bringen konnte. Auf der Raucherinsel, antwortete er, und ich machte mich auf den Weg. Da ich nicht wusste, wo sich die Raucherinsel befand, fragte ich die Rettungsschwimmerin und erzählte ihr zudem von dem kleinen Jungen, der sich auf dem Männerklo verbarg. Die Raucherinsel war leer und so ging die Rettungsschwimmerin zu dem kleinen Jungen. Und siehe da: Seine Mutter tauchte auch plötzlich auf! Der soziale Druck hatte sie offenbar aus ihrem Versteck genötigt.

Hier soll es jedoch nicht (nur) um die Mutter gehen, sondern um die Frage, weshalb niemand reagiert hat. Der kleine Junge war allein, hilflos und verzweifelt, aber keiner war bereit, ihm zu helfen.

Plädoyer für mehr (Mit-)Menschlichkeit

Rein rational betrachtet, kostete es nichts, sich dem Jungen zuzuwenden. Man hätte sich dadurch nicht in Gefahr gebracht. Aufwendig wäre es auch nicht gewesen. Warum wir trotzdem nicht helfen, beantwortet das Buch „Der Verrat am Selbst“, das die menschliche Seele nach den Gründen für ihr fehlendes Mitleid durchleuchtet. Letztlich habe ich auch nur deshalb reagiert, weil ich zuvor dieses Buch gelesen habe. Insofern ist es das Verdienst der Lektüre, den Menschen ein klein wenig besser zu machen. Schon allein deshalb sollte es – meiner Meinung nach – jeder lesen.

Warum so wenige auf ihr Herz hören

Wir alle waren mal so wie der Junge vor der Herrentoilette: klein, hilflos und schwach. Die geborenen Opfer. Wir waren auf unsere Eltern angewiesen, damit unsere Bedürfnisse gestillt wurden. Reagierten sie nicht auf unsere Hilflosigkeit (zum Beispiel unser Schreien), wurde das Gefühl der Hilflosigkeit mit Schmerz assoziiert, einem so unerträglichen Schmerz, dass wir fortan versuchen, ihn (und die Hilflosigkeit) zu verdrängen. Das kann dazu führen, dass wir unseren eigenen Schmerz nicht mehr fühlen – aber auch nicht den Schmerz der anderen.

Und so lernten wir, von der Erfahrung der Hilflosigkeit davonzulaufen. Wenn wir es nicht tun, werden wir zu „Versagern“. Und so träumen wir fast alle von Erfolg, von Eroberungen, von mächtigen Taten, um unseren Gefühlen der Hilflosigkeit, der Angst und Verzweiflung zu entrinnen.

Arno Gruen: Der Verrat am Selbst

Wir sind ohne (echtes!) Mitgefühl. Natürlich wissen wir trotzdem, in welchen Situationen Mitleid angemessen ist und heucheln es (ohne zu wissen, dass wir nur spielen – für uns fühlt sich das Spiel echt an!). Hin und wieder aber bricht unser wahres Wesen aus uns heraus – in der Flüchtlingskrise zum Beispiel. Statt das Leid und den Schmerz der Geflüchteten, sahen wir nur unsere eigene Überforderung. Und verweigerten unsere Hilfe.*

Oder kennt ihr den Spruch: Deine Armut kotzt mich an!? Das vermeintliche Versagen des Armen weckt in uns Wut und Ekel. Statt zu helfen, soll die Armut (in Form von Obdachlosen zum Beispiel) aus dem öffentlichen Raum verbannt werden, damit wir sie nicht mehr sehen müssen.

Solche Menschen prägten übrigens auch die Auffassung, dass Selbstmitleid nur etwas für Jammerlappen sei. Aber warum soll man sich eigentlich nicht selbst bedauern dürfen? Was ist falsch daran, Mitgefühl für sich selbst zu empfinden?, fragt Gruen.

Erfolgreich angepasst, aber gefühlskalt

Weil man sich nicht eingestehen darf, dass man hilflos und schwach ist, auch als Erwachsener noch.

Grundlegend für das Verhalten des Mannes in unserer Kultur ist die Angst vor Hilflosigkeit, Schwäche und Verwundbarkeit. Er kann sie sich aber nicht eingestehen, da seine Metaphysik des Seins auf Heldentum zielt. Sogar wenn er Heldentum für sich selbst nicht für möglich hält, bleibt es immer noch sein Wertmaßstab. Seine Selbstachtung ruht deswegen auf dem Image seiner Wichtigkeit, also wirklicher oder auch nur eingebildeter Macht, für deren Bestätigung er Bewunderung benötigt. Und dazu dient ihm die Abstraktion der Frau, die in ihrer behaupteten „Minderwertigkeit“ oder zumindest „Unterlegenheit“ die Chance erhält, durch die Anerkennung seiner „Kraft“ und „Überlegenheit“ dieses Image aufzubauen und zu stabilisieren.

Arno Gruen: Der Verrat am Selbst

Gruen geht insgesamt mit Männern härter ins Gericht als mit Frauen, doch an der Auffassung, Frauen seien mitfühlender, habe ich meine Zweifel. Wie das oben erwähnte Beispiel zeigt, waren es gerade Mädchen, die den kleinen Jungen auslachten, und eine Mutter, die ihr Kind ignorierte. Statt Mitleid legten sie nur Verachtung an den Tag.

Diese „HeldInnen“ funktionieren in unserer Gesellschaft ausgesprochen gut. Sie haben gelernt, sich den Regeln zu unterwerfen, die beruflichen Erfolg und die Liebe/Zuneigung ihrer Mitmenschen gewährleisten.

Wozu bedarf es dann eigentlich noch des Mitgefühls, wenn es einem erfolgreichen Leben doch im Wege steht, mag man sich fragen. Darauf Gruen:

Ich spreche von der Freude, die auf Mitgefühl beruht: die Freude an der Entwicklung, des Wachsens eines anderen, sogar einer Pflanze; das Miterleben von Freude und Leid. Und: Es ist diese Art des Erlebens, die zu der Kraft führt, die nicht auf ständige Selbstbestätigung angewiesen ist. Diese ist ja nur ein Spiegelbild der Furcht, ein Versager zu sein!

Arno Gruen: Der Verrat am Selbst

Und weiter:

In dem Ausmaß, in dem wir andere zu unseren Bewunderern machen, geben wir ihnen Macht über uns.

Arno Gruen: Der Verrat am Selbst

Eine ganz perfide Macht übrigens. Sie verpflichtet uns, auf ewig im Hamsterrad zu rotieren, denn wir werden ja nicht um unseres Selbst willen geliebt, sondern nur auf Grund unseres Erfolgs bzw. des Images, das wir selbst aufgebaut haben.

MM


Arno Gruen: Der Verrat am Selbst, DTV Verlagsgesellschaft, 1986

*Es gab glücklicherweise auch viele Befürworter der Flüchtlingshilfe und wahnsinnig viele, die aktiv mithalfen!