Kurzgeschichte

Er macht keinen Hehl daraus, einen eigenen Instagram-Account zu pflegen. Ständig knipst er sich oder sein Motorrad und danach starrt er wie gebannt auf den Display seines iPhones, um zu checken, wie viele Likes er bekommen hat. Trotzdem hat es mich über eine Stunde gekostet, ihn auf Instagram zu finden, denn natürlich tritt er nicht unter seinem echten Namen auf. Und wenn ich versuchte, einen Blick auf sein Handy zu erhaschen, drehte er sich schnell weg. „Nur Bilder von Motorrädern, das interessiert dich eh nicht“, sagte er dann. Aber ich hab’s auch ohne seine Hilfe herausgekriegt.

Er nennt sich jetzt da_dark_knight72. Darunter sein Slogan: „The mysterious one rocks german roads“. Bildbeschreibungen und Hashtags verfasst er in Englisch, damit er mit seinem Zielpublikum, Amerikanern, besser ins Gespräch kommt. Aus Amerika kommt auch sein geliebtes Bike. In seinen Posts sitzt er stolz wie ein Indianerhäuptling darauf oder er steht breitbeinig davor mit der Hand zum Teufelshorn gereckt. Habe ich schon erwähnt, dass er sich – um den Look komplett zu machen – auch noch einen Vollbart stehen lassen hat? Jetzt, da ich mir seine Instagram-Fotos anschaue, frage ich mich allerdings, weshalb. Denn seinen Helm behält er auf, angeblich um das Mysteriöse zu unterstreichen. (In den Kommentaren wurde bereits danach gefragt und er hat es mit diesem Mystery-Ding beantwortet.) Seinen Körper hüllt er züchtig in eine schwarze Lederkluft, selbst bei sommerlicher Hitze. Niemand kann den Bauchansatz darunter erkennen, seine schlaffe Gesichtshaut unterm Helm erst recht nicht. Als könnten sich junge attraktive Männer so ein Bike leisten.

Er ist mein Mann und in letzter Zeit beschämt mich das ein wenig. Vor allem zu Beginn seiner Instagramphase, als ich mich erst noch an diese Bilder gewöhnen musste. Seine Bilder. Ein heldenhafter Konsument, Vorbild und Inspirationsquelle für so viele potentielle Kunden.
Als ich ihn kennenlernte, trug er noch keinen Weihnachtsmannbart. Seine Wangen waren weich wie ein Babypopo und er ist mangels Führerschein Fahrrad gefahren. Jetzt hat er einen ganzen Fuhrpark, den er auf Instagram und seit kurzem sogar auf YouTube vermarktet. Manchmal, wenn ich einen Blick aus dem Fenster werfe, sehe ich ihn im Vorgarten herumhampeln. Handy und Stativ in der Hand schiebt er sein Bike mal hier hin, mal dort hin, um den besten Background zu finden. Dann folgt die Fotosession.
Seitdem ich zu viele Fragen stelle, bittet er einen Freund, Fotos zu schießen, auf denen er zusammen mit seinem Bike zu sehen ist. Brandenburgrider wohnt nur ein paar Straßen weiter. Die beiden kennen sich schon seit Jahren. Freunde sind sie jedoch erst geworden, nachdem sie herausgefunden haben, dass sie die Leidenschaft fürs Motorradfahren teilen. Von meinem Mann hat sich Brandenburgrider zu einem eigenen Instagram-Profil inspirieren lassen. Auch er zeigt sein Gesicht nicht online, doch das konnte mich nicht daran hindern, seine Identität aufzudecken. Die beiden verlinken sich gegenseitig. Mittlerweile pflegen Brandenburgrider und da_dark_knight72 das Wochenendritual, zusammen über die Dörfer zu fahren und sich dabei zu filmen. Slow Motion, zur Faust geballte Hände, Siegerposen. Danach Fotos im Kornfeld, an verfallenen, mit dilettantischen Graffitis besprühten Bushaltestellenhäuschen oder einfach am Straßenrand vorm Sonnenuntergang. All ihre Fotos haben eines gemeinsam, es sind Bilder ohne Aussage. Sie ähneln einander so sehr, dass ich das Profil meines Mannes als langweilig bezeichnen würde. Aber ich bin auch kein Motorrad-Fan.
da_dark_knight72 kommt auf knapp 3000 Follower, die fleißig liken und kommentieren. Oft sammelt er über tausend Herzen für ein einziges Bild. Die Kommentare bestehen ausschließlich aus Lobeshymnen auf das Bike und seinen Fahrer. Zumeist zeigen sie Feuersymbole oder Hände mit abgespreiztem Zeigefinger und kleinem Finger. Unter den Kommentierenden befinden sich auch viele Damen. Ich habe ihre Profile eingehend studiert. Zumeist handelt es sich um ebenso behelmte Motorradfans wie meinen Mann. Nur dass sie in Hotpants auf ihren Bikes sitzen. Mein Mann verschickt gerne lächelnde und zwinkernde Emojis an seine weiblichen Fans mit der Aufforderung, doch mal zusammen zu riden. Die Antworten fallen stets positiv aus – zumeist in Form von Emojis mit Herzchen in den Augen. Es scheint eine ausgesprochen nette Community zu sein.

Ich kann schwer einschätzen, was meinem Mann lieber ist: sein Motorrad zu fahren oder es im Internet zu zeigen. Das eine scheint ohne das andere undenkbar geworden zu sein. Und so hat er seinen Tag jetzt eng getaktet: Arbeiten, Biken, Instagrammen.
Ich habe ihn selten so glücklich erlebt. Seitdem er das Motorrad gekauft hat, freut er sich morgens schon auf den späten Nachmittag, wenn er sich wieder auf sein Bike setzen kann. Selig lächelnd erzählt er mir von seiner Vorfreude. In ein paar Stunden ist es wieder soweit, yeah! Er ist ganz kribbelig. So muss sich das anfühlen, seinen Traum zu leben. Ein bisschen wie Kindsein. Oder Verliebtsein. Eigentlich müsste ich mich mit ihm freuen.

Als sein Bike noch ganz neu war und seine Euphorie am allergrößten, hat er mich auch einmal gefragt, ob ich ihn auf einer Tour begleite. Und so fuhren wir zu zweit eine kleine Runde von vielleicht zwanzig Kilometern. Da ich hinter ihm saß, musste ich meinen Kopf zur Seite drehen, um die Landschaft an mir vorbeiziehen zu sehen. Ich konzentrierte mich auf Objekte, die sich weiter weg befanden, einen Hügel zum Beispiel. Einmal meinte ich sogar, einen ganzen Schwarm Graureiher auf einem Acker rasten zu sehen, doch bevor ich die Vögel näher betrachten konnte, waren wir auch schon an ihnen vorbeigefahren. So richtig glücklich war ich erst, als wir anhielten und ich den Boden unter den Füßen spürte. Natürlich heuchelte ich trotzdem Gefallen an der Sache, ich wusste ja, dass es ihm viel bedeutete. Und er schlug doch tatsächlich vor, mir ein eigenes Motorrad zu kaufen. So wie andere Paare gemeinsam Gesellschaftstänze lernen oder Kochkurse belegen, hatte er sich anscheinend vorgestellt, dass wir ein Motorrad-Pärchen werden würden.
„Wäre doch ganz cool, oder? Du willst doch sowieso andauernd etwas unternehmen. Dann suchst du eben die Routen aus und wir fahren zusammen los. Ich meine, warum nicht?“
„Gott, ich weiß doch gar nicht, wie man so ein Ding fährt!“, rief ich etwas zu laut.
„Das lernst du schon. Ich zeig‘ es dir. Wir machen das gemeinsam.“
„Dafür brauche ich doch einen extra Führerschein, oder?“
„Easy. Mit ein paar Übungsstunden ist die Sache gegessen, ehrlich!“
„Und dann kaufe ich mir für ein Heidengeld erst ein Motorrad und dann auch noch das ganze Equipment dazu, ja?“
„Muss ja nicht dasselbe Bike sein, das ich habe.“
Einen Moment lang war ich sprachlos, er meinte das tatsächlich ernst. Und allein dass er an die Umsetzbarkeit dieser skurrilen Idee glaubte, an mich glaubte, machte die Sache für mich irgendwie denkbar. Doch ich konnte nicht anders, als diesen Gedanken sofort ins Lächerliche zu ziehen: Wir beide, wie wir in Lederkluft auf unseren Bikes sitzend von Dorf zu Dorf knatterten, dort übelriechenden Dunst hinterließen, der die Lebenserwartung der armseligen Geschöpfe, deren Schicksal es war, in jenen Siedlungen zu hausen, peu à peu reduzierte, um einen in der Szene bekannten und ausschließlich von echten Rockern besuchten Biergarten anzusteuern, in welchem wir uns niederließen und hungrig ein paar Bratwürste verschlangen.
Kopfschüttelnd gab ich ihm den Helm zurück. „Da müsste mir echt was fehlen.“
Ich meinte es nicht mal böse. Eigentlich wollte ich ihn nur necken. Doch er erwiderte nichts, und ich konnte förmlich hören, wie sich ein Türchen schloss. Jedenfalls fragte er kein zweites Mal, ob ich mit ihm kommen würde. Und ich bat ihn auch nicht darum. Warum auch.

Dafür fragte er immer mal jemand anders, je nachdem, wer gerade zu Besuch war. Einmal sogar seine Mutter, die seine Frage freudig bejahte, was mich angesichts ihres fortgeschrittenen Alters überraschte.
Im Frühsommer lud er seine Eltern zum Grillen ein. Da war das Bike zwar nicht mehr ganz frisch, aber weder Mutter noch Vater hatten es je zu Gesicht bekommen. Schließlich nutzten sie kein Instagram. Das gute Stück stand repräsentativ in unserer Einfahrt herum, damit jeder, der vorbeiging, es auch eingehend betrachten konnte. Seinen Eltern war es daher unmöglich, mit ihrem Auto auf unser Grundstück zu fahren und so parkten sie am Straßenrand. Ich schälte gerade Kartoffeln und empfand es als willkommene Abwechslung, sie dabei durchs Küchenfenster zu beobachten. Zunächst hielten sie einfach nur an, ein paar Minuten später stellten sie den Motor ab. Wieder vergingen fünf Minuten, bis sich die Beifahrer- und die Fahrertür öffneten und dann stiegen die beiden Herrschaften in Zeitlupe aus. Bis sie endlich in voller Größe neben ihrem Auto standen, die Türen waren noch geöffnet, und erwartungsvoll zu unserem Haus herüberspähten, als würde sich die Eingangstür schon deshalb öffnen, weil sie auf der Straße warteten. So schauten sie eine Weile und weil die Tür sich eben doch nicht wie von Wunderhand öffnete, wandten sie sich wieder ihrem Auto zu, aus dessen Kofferraum mein Schwiegervater nun Jacken für sich und seine Frau zauberte. Es glich einer Zeremonie, wie sie sich letztlich in ihre Jacken zwängten und langsamen Schrittes die Einfahrt hochliefen, wo sie das Motorrad von allen Seiten begutachteten und leise Bewunderungslaute von sich gaben.

Später stieg meine Schwiegermutter hinter ihrem Sohn aufs Bike. Sie war sichtlich vergnügt, machte aber gleichzeitig einen abgeklärten Eindruck. Offenbar saß sie nicht zum ersten Mal auf einem Motorrad. Bevor sie losfuhren, drückte mir da_dark_knight72 noch schnell sein iPhone in die Hand, damit ich die beiden fotografieren konnte. Ich fand das Foto abends auf Instagram wieder. Darunter der Satz: Today, I made my beloved mom happy by taking her on a tour. For forty (!!!) years she has not sat on a motorcycle. Wieder einmal erhielt er viel Applaus. Vor allem seine weiblichen Fans waren hingerissen.
Abends saß ich in einem unserer Schaukelstühle (da_dark_knight72 hat sie in den USA erstanden, was sie so viel origineller und gemütlicher macht als deutsche Gartenmöbel) auf der Terrasse und scrollte gelangweilt durch meine News-App, während meine Schwiegereltern in Erinnerung an frühere Ausflüge mit ihren Motorrädern schwelgten. da_dark_knight72 hatte sich längst wieder aus dem Staub gemacht. Es war schließlich immer noch hell und trocken draußen, das musste er einfach ausnutzen, um noch ein paar Kilometer zu schrubben. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, ihn umzubringen. Kein klassischer Mord mit Messer oder Schusswaffe, eher eine Art Unfall. Ein Unfall mit seinem geliebten Bike. Ich stellte mir vor, wie ich die Bremsschläuche seines Motorrads durchschnitt und er kurz darauf tödlich verunglückte. Er würde nicht sofort sterben, sondern noch ein paar Minuten in der sengenden Mittagshitze auf dem Asphalt liegen und seine schwarze Lederkluft verfluchen.
Ein Kollege, der früher als Rettungssanitäter gearbeitet hatte, unterhielt uns oft mit Schauergeschichten von verunfallten Motorradfahrern. Einmal hatte er stundenlang am Straßenrand nach einem Kopf suchen müssen, der zur Leiche eines Bikers gehörte. Der Ärmste hatte das Gleichgewicht verloren und war so unglücklich gegen die Leitplanke geprallt, dass diese ihn geköpft hatte. Man stelle sich ein solches Bild im Feed von da_dark_knight72 vor! Ein würdiger Abschluss dank eines unvergesslichen Fotos. #RIP
Ich spürte einen Anflug von Glückseligkeit, der sich wohl auffällig in meinem Gesicht niederschlug. Verstohlen blickte ich zu meinen Schwiegereltern und bemerkte, dass sie längst verstummt waren und mich nachdenklich musterten. Es wurde Zeit, die Grillkohle anzuzünden.

Natürlich bin ich keine Mörderin. Ich meine, ich wäre es gern, aber ich bin es eben nicht. Gott, wer kann schon morden? Und dann auch noch den eigenen Mann! Es waren nur Gedanken, sie kamen und gingen, aber immer, wenn ich sie dachte, entspannte ich mich und ein Wohlgefühl breitete sich in meinem Körper aus. Sie funktionierten wie eine Schmerztablette, wenn die Wirkung endlich einsetzte. Mein Herzschlag zog an und ich gab mich meinen zerstörerischen Tagträumen hin. Es waren Momente der Erleichterung und Dankbarkeit. Alles spielte sich nur in meinem Kopf ab, doch das allein genügte mir schon. Bis ich eines Tages in der Zeitung von Brandanschlägen auf Autos las. Komischerweise wurde im Artikel die Vorgehensweise genau beschrieben: Man platziere zwei, drei Grillanzünder brennend auf den Vorderreifen eines Autos – et voilà – zehn Minuten später steckt bereits der ganze Wagen in Brand.
Mich faszinierte das. Gleichzeitig konnte ich nicht glauben, dass es wirklich so einfach sein sollte. Ich hätte es gerne ausprobiert und schaute gleich im Keller nach: Die Packung mit den Grillanzündern war gerade mal angebrochen. Genug Testmaterial war also vorhanden. Wer würde schon mich verdächtigen, wenn sein Bike abfackelte? Neider lauern doch überall, auch wenn mein Mann allseits beliebt ist, einer, dem die Leute mit einem breiten Lächeln begegnen, wenn sie ihn sehen.
Ich strich über die Packung, legte sie dann aber wieder ins Regal zurück. Wozu das verdammte Motorrad anzünden? Seine Versicherung würde ohnehin für den Schaden aufkommen und da_dark_knight72 könnte sich ein neues Bike kaufen. Er würde die ganze Sache sogar gewinnbringend auf Instagram vermarkten, um noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Es machte nicht nur keinen Sinn, es war sogar kontraproduktiv. Trotzdem hing ich noch lange der Vorstellung nach, wie sein Motorrad lichterloh in Flammen stand. Wie ich es fotografierte. Und danach: ein qualmender Schrotthaufen. Auch diesen fotografierte ich aus allen erdenklichen Perspektiven. Meine Tagträume verschafften mir irgendwann kein Wohlgefühl mehr. Im Gegenteil, sie langweilten mich. Ich stellte mich wieder der Realität. Alles nur Spinnerei.

da_dark_knight72 fährt auch im Herbst noch mit seinem Motorrad herum, obwohl das Laub die Straßen rutschig macht und der Nebel die Sicht einschränkt. Er fährt nun allein, denn Brandenburgrider hat sein Bike bereits eingewintert. Seine Runden sind auch nicht mehr allzu groß, weil es zeitig dunkel wird. Manchmal kommen wir sogar zusammen nach Hause, ich vom Büro, er von einer seiner Touren. Während ich das Abendessen zubereite, verzieht er sich allerdings ins Schlafzimmer, um seine Bilder auszuwerten und das beste zu posten. Danach wartet er noch ein Weilchen auf Kommentare, die er gleich darauf beantwortet. Oft habe ich schon gegessen, wenn er die Küche betritt. Somit bin ich dazu übergegangen, nur noch für mich allein zu kochen. Er beschwert sich nicht, auch jetzt nicht, als er den Kühlschrank öffnet und lange reglos davor stehenbleibt. Dann wirft er die Tür schwungvoll zu, ohne etwas herausgenommen zu haben. Unsere Blicke treffen sich. Ich lächle gequält und er lächelt ausdruckslos zurück. Sein iPhone, das er mittlerweile wie eine Hundeleine um den Hals trägt, gibt ununterbrochen leise Klingeltöne von sich. Ich schließe die Küchentür hinter mir. An der Garderobe durchwühle ich meine Handtasche, bis ich mein Handy finde. da_dark_knight72 hat mich auf eine Idee gebracht, ein Gedanke, auf den ich schon viel früher hätte kommen sollen. Das Handy in meiner Hand betrete ich unser Schlafzimmer. Sein Tablet liegt auf den zerwühlten Laken. Ich lege mich dazu. Ich werde ihn portraitieren, denke ich, so wie ich ihn sehe. Nur er. Nackt. Ich eröffne einen neuen Instagram-Account und nenne ihn Fatna.ked.daddy, einfach weil er mir gefällt.

Wir haben keine Kinder, trotzdem berichte ich aus der Sicht seiner fiktiven Tochter, einer vernachlässigten Pubertierenden. Ich schätze, das kommt besser an als die Wahrheit. In meiner Profilbeschreibung steht: My daddy loves his bike but he gives a shit about me. Genau wie da_dark_knight72 entscheide ich mich für die englische Sprache, um mehr Leute auf mich aufmerksam zu machen. Ich will mich sonnen in ihrem Mitgefühl. In den folgenden Tagen sammle ich Bilder.  

Es kommen hunderte zusammen. Sie zeigen Ausschnitte seines nackten Körpers, den ich fotografiere, sobald er eingeschlafen ist. Schwarzes Brusthaar, das einen harten Kontrast zu seiner kalkweißen Haut bildet. Glatt liegt es auf seiner speckigen Brust. Sein schnarchender Mund, leicht geöffnete trockene Lippen, ein Bein, das unter der Bettdecke hervorlugt, schmutzige Fußsohlen, verschwitzte Armbeugen, lichter werdendes Haupthaar, Bauchfett, das sich übers Bettlaken ergießt. Ich zoome näher heran und erkenne, dass in seinem Bart bis zu drei Haare aus einer Wurzel sprießen. Auch diese Beobachtung halte ich fotografisch fest. Ebenso die Leberflecken auf seinen Schultern, die Operationsnarbe an seinem Rücken, die Haare, die aus seinen Ohren wachsen, einfach alles – bis auf den Schambereich, denn das verbieten die Instagram-Richtlinien. Ich schreibe jeweils nur einen (traurigen) Satz unter jedes Bild. Aufwendiger ist die Recherche nach passenden Hashtags, die noch einmal viele Stunden in Anspruch nimmt. Fatna.ked.daddy formt sich zu einem fleischfarbenen Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht.

Täglich wird ein Bild gepostet. Das übernimmt eine App, die ich installiert habe, damit die Regelmäßigkeit gewahrt bleibt – unabhängig von mir und meiner Unlust, Urlaub oder anderen Terminen. Ich brauche nur die Uhrzeit anzugeben, veröffentlicht wird automatisch. So bleiben meine Follower stets auf dem Laufenden. Es läuft zäh an, meine Fotos sind schließlich alles andere als ästhetisch. Und die Leute sind zu faul, um sich dem Gedanken hinter den Bildern zu widmen. Erst als ich immer wieder Leute verlinke, die ähnliche Bilder posten, ja ähnliche Probleme haben wie mein fiktives Ich, bringt das den Stein ins Rollen. Nach drei Monaten habe ich endlich so viele Follower wie da_dark_knight72, von denen einige fast jedes Foto kommentieren. Was für fauler Dad! Scheißegoist – und hässlich noch dazu! Man bietet mir Jobs und Wohnungen an oder einfach nur die Möglichkeit, mich auszuheulen. Es ist ein gutes Gefühl, Herzen zu zählen. XXL-Restaurants schicken mir Gutscheine, die ich zusammen mit da_dark_knight72 einlöse. Ich fotografiere, wie er herzhaft in einen riesigen Burger beißt. Auf Instagram ist lediglich sein Mund zu sehen mit dem Fleisch zwischen den Zähnen. A lot of meat and no vegetables, please, is what daddy says. Das ruft nicht nur Vegetarier auf den Plan. Fatna.ked.daddy wird zur Hassfigur.

Im Frühjahr holt da_dark_knight72 sein Bike aus der Garage. Als er sich daraufsetzt, drücke ich den Auslöser. Dann schneide ich das Foto so lange zurecht, bis nur noch seine Arschbacken zu sehen sind, wie sie über den Sitz seines Motorrads quillen. Auf Instagram schreibe ich: Bike Season starts and daddy’s gone again. Without me. Ein weinendes Emoji unterstreicht meine Worte. Ich erhalte so viele aufmunternde Kommentare wie nie zuvor. Mittlerweile habe ich 10.000 Follower. Ich gehe nur noch selten ohne mein Handy ins Bett. da_dark_knight72 versucht manchmal, auf meinen Display zu spähen, wenn ich fleißig Kommentare beantworte, doch dann drehe ich mich reflexartig weg. Dabei kann ich es kaum erwarten, ihm mein Geheimnis zu offenbaren. Er soll sie sehen, all die Bilder, die ohne ihn nicht existieren würden. Und dann soll sie aus seinem Gesicht weichen, die ewige Glückseligkeit, um einer Enttäuschung Platz zu machen, die er so noch nie erlebt hat.
Ich bringe den entscheidenden Schritt nicht in seiner Gegenwart über mich. Stattdessen warte ich noch einen Tag und opfere meine Mittagspause, um mich seinem Instagram-Profil zu widmen. Unter sein aktuelles Bild setze ich einen Kommentar: Great pic, man! Check out my profile to see my latest photos! Als keine Reaktion erfolgt, verlinke ich da_dark_knight72 in mehreren Beiträgen und nenne ihn in meiner Profilbeschreibung: Have you ever wondered what da_dark_knight72 looks like with clothes on? -Then check his 2nd account @da_dark_knight72 !

Mit rasendem Herzen schließe ich am späten Nachmittag die Tür zu unserem Haus auf. Ich höre, wie in der Küche ein Stuhl übers Parkett gezogen wird. Schwere Schritte, schließlich taucht er im Türrahmen auf und sieht mich durchdringend an. Ich kann seinem Blick nicht standhalten. Mehr noch, so drehe ich mich zur Garderobe um, als müsste ich etwas in meiner Jackentasche suchen. Er zieht den Reißverschluss seiner Lederkluft hoch und verlässt das Haus. Wenige Minuten später höre ich ihn auf seinem Bike davonfahren.
Meinen Kommentar hat er nicht beantwortet, kein Wort über Fatna.ked.daddy verloren. Als er abends nach Hause kommt, zieht er sich wie immer mit seinem Handy ins Schlafzimmer zurück. Lediglich das leise Klingeln seiner Push-Nachrichten durchbricht die Stille hin und wieder.