Zweimal im Jahr werden wir Eltern zum Elterngespräch in die Schule genötigt. Meine Wenigkeit sogar noch öfter, weil sich mein Kind nicht so recht ins schulische Korsett pressen lässt. Die Nächte vor solchen Gesprächen verbringe ich in der Regel schlaflos oder von Albträumen zermartert. Da die Sprechzeiten auf den Nachmittag gelegt werden, muss ich nämlich mit den Lehrerinnen reden (es sind mindestens zwei, einmal saßen mir sogar drei gegenüber – eine angenehmere Verhörsituation kann man sich kaum vorstellen). Mein Mann kommt immer erst abends nach Hause, er ist aus dem Schneider.

Dabei könnte er die Ladys charmant um den Finger wickeln, statt nur stumm am Tisch zu hocken und den ganzen Mist abzunicken. Da ich ein sehr laaangsam denkender Mensch bin, fallen mir die passenden Antworten immer erst ein paar Stunden nach dem Gespräch ein, seufz.


„Kaufen Sie ihrem Kind doch mal ein paar schöne Stifte!“ – Vorschlag Nummer 1 zum Thema Lernmotivation wecken.

„Kaufen Sie Ihrem Kind doch mal ein paar schöne Bücher. Und lassen Sie sie selbst aussuchen!“ Vorschlag Nummer 2 zum Thema Lernmotivation wecken

„Kinder lieben es, wenn sie sich selbst einen Füller kaufen dürfen.“ Vorschlag Nummer 3 zum selben Thema.


Sie liest nicht gern, sie schreibt nicht gern, sie rechnet nicht gern, sie geht nicht gern zur Schule. Wenn sie die Augen frühmorgens aufschlägt, formuliert sie stets dieselben Fragen: Muss ich heute zur Schule? Kannst du mich nicht krankmelden?

Und das obwohl sich gleich drei Lehrerinnen an ihr abarbeiten mit vielen gut gemeinten Ratschlägen und jeder Menge zusätzlicher Übungen. Üben soll ich dann auch noch zu Hause mit ihr. Ich bin zur Hausaufgaben-Mutti mutiert und ich hasse mich dafür.

Denn natürlich bringt es nicht das Geringste, mit ihr zu lernen. Ohne Motivation ist alles nichts. Wer keinen Sinn in den Lehrinhalten erkennt, wird sich ihnen nicht freiwillig – und schon gar nicht mit Neugier – zuwenden. Das Kind erachtet den Schulstoff als lästige Pflicht, dem ich ebenso wenig Sinn einhauchen kann wie ihre Lehrerinnen. Es fehlt der praktische Bezug. Keine Experimente, keine Projekte, keine Ausflüge, keine Exkursionen – es wird nichts durchgeführt, was das Wissen praktisch erlebbar und vor allem anwendbar macht. Der kindliche Wissensdurst wird somit systematisch im Keim erstickt.

Vielen Kindern reicht der Unterricht so wie er ist. Sie lernen trotzdem gern. Sie machen Fortschritte und erzielen Erfolge. Das allein erachten sie bereits als motivierend. Aber es gibt eben auch Kinder, denen diese Form des Belehrtwerdens nichts bringt außer Tränen und Selbstzweifeln.

Die Schule ist ein Ort – das muss man ganz deutlich sagen –, in den man gehen muss, und das ist, zumal wenn man das in großen Gruppen erlebt und mit wenig sensiblen Lehrern, angesichts von Themen, die einen nicht interessieren, schon eine starke Zumutung, und man muss ganz viel tun, damit Schule erträglich wird.

Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth im DLF-Interview

Doch was ist, wenn sie unerträglich bleibt? Theoretisch muss ich als Mutter dann die Reißleine ziehen und mein Kind da rausholen. Ich müsste.

Alternativen gibt es in der Provinz natürlich nicht. Eine einzige Waldorfschule mit ellenlanger Warteliste befindet sich im Umkreis von 30 Kilometern. Für jene, die der Waldorfpädagogik kritisch gegenüberstehen, ist die Situation tatsächlich alternativlos.

„Ich habe nie zugelassen, dass die Schule meiner Bildung in die Quere kommt“, schrieb Mark Twain einst. Doch der Schriftsteller hatte auch eine Wahl, denn in den USA gibt es – anders als in Deutschland – keine Schulpflicht.

Mein Kind hat keine Wahl. Deshalb lautete unser Credo bislang: „Augen zu und durch!“, was witzig klingen mag. Doch in Wirklichkeit bedaure ich es zutiefst, mein Kind täglich diesem Schulsystem ausliefern zu müssen, denn: Was dich nicht umbringt, verursacht Traumata. Wir stecken bereits mittendrin und können nicht auf Besserung hoffen. Das Perfide an einem Trauma ist schließlich seine Langlebigkeit. Es begleitet dich noch lange nach deiner Schulzeit und endet erst mit deinem Tod.

Doch ich möchte nicht derart negativ schließen. Immerhin eines hat mich meine eigene verhasste Schulzeit gelehrt: Die Freiheit zu schätzen. Ein Grund, weshalb ich mich für die Freiberuflichkeit entschieden habe. Ich muss mich keinem System und keinem Menschen mehr unterordnen. Wenn man die Schulzeit einmal überstanden hat, ist das ein verdammt befriedigendes Gefühl.

MM