Kurzgeschichte

Sie steht vor mir, hält aber einen Sicherheitsabstand von zwei Armlängen. Abschätzig sieht sie mich an, wartet auf eine Antwort, doch ich habe keine Worte mehr. Ein paar Sekunden vergehen, und daran, wie sie ihren Kopf leicht zur Seite dreht und Luft holt, merke ich, dass sie mich aufgegeben hat. Da hole ich aus, um sie zu ohrfeigen. Reflexartig zuckt sie zurück, so dass ich nicht ihre Wange treffe, sondern ihre Nase. Noch einmal hole ich aus, diesmal mit der anderen Hand, bekomme jedoch nur ihre langen Haare zu fassen. Meine Finger verheddern sich darin und je verzweifelter ich versuche, mich zu befreien, desto stärker ziehe ich an ihren Haarsträhnen, bis sie schrill schreiend zu Boden geht – und ich mit ihr. Markus stürzt sich auf mich. Er ruft immer wieder meinen Namen, seine Stimme klingt watteweich.

Lars Lars Lars – Was machst du denn bloß? Hör doch auf, Lars! Lass sie los! Jetzt lass sie endlich los, Lars!

Wenn ich nur könnte. Wenn ich doch nur meine Hand öffnen könnte! Aber meine Finger haben sich unlösbar in ihren Haaren verkrampft. Mit der anderen Hand wehre ich ihre ruderartigen Verteidigungsbewegungen ab. Andere Kollegen springen auf und kommen zu uns gelaufen, versuchen, ihr zu helfen, indem sie meine Finger aufbiegen und mich zurückstoßen.

Lars? Was… was hast du dir dabei nur gedacht?

Zwei Kolleginnen begleiten sie zur Damentoilette. Schützend legen sie die Arme um ihre zuckenden Schultern. Ich hingegen werde nur angestarrt, wie ich mühsam aufstehe und mein T-Shirt glattstreiche, das beim Kampf hochgerutscht ist.

Ich habe euch gesagt, dass das passieren würde, japse ich. Es musste einfach passieren. Und ihr wusstet es!

Niemand antwortet. Keuchend lasse ich mich auf meinen Bürosessel sinken und lege meinen Kopf auf die Tastatur meines Laptops. Ich spüre das Blut hinter meinen Schläfen pulsieren, meine Wangen glühen. Sobald ich meine Augen schließe, sehe ich sie vor mir. Wie erschrocken sie mich ansah, wie ängstlich und verzweifelt. Und das ist der schlimmste Moment dieses katastrophalen Vormittags: Mitleid zu verspüren für diese ekelhafte Frau.

Den Rest des Tages werde ich freigestellt. Mein Chef legt mir nahe, mich krankschreiben zu lassen, bis eine Lösung gefunden sei. Ob es überhaupt eine andere Lösung als die Kündigung gäbe, frage ich ihn zurück. Er seufzt. Ich will dieses Büro nie wieder betreten, nie wieder einem von ihnen in die Augen sehen.

Mit dem leeren Mittagszug fahre ich nach Hause. Ich schaue auf meine Hände und sie sehen aus wie immer. Ich schaue aus dem Fenster und auch draußen sieht alles aus wie immer. Die Geräusche, die der Zug von sich gibt, wenn er über die Schienen gleitet, klingen wie immer. Nichts hat sich verändert. Eigentlich habe ich mir nichts vorzuwerfen, außer einer einzigen Sekunde, in der ich mich nicht unter Kontrolle hatte. Was ist schon eine Sekunde im Vergleich zu all den Jahren, in denen ich stillgehalten habe?
Jetzt, wo die Anspannung weicht, ist mir nach Weinen zumute, doch diesem Impuls möchte ich nicht nachgeben. Stattdessen lege ich meine Hände aufs Gesicht, damit ich nichts mehr sehen muss. Aber dann sehe ich ihre Augen und es bricht mir das Herz.

Der Zug hält schon zu lange. Ich nehme meine Hände vom Gesicht und spähe aus dem Fenster, um zu erkennen, wo wir sind. Doch der von einem Metallzaun eingegrenzte steinerne Bahnsteig könnte zu jedem beliebigen Dorfbahnhof gehören. Ein Schild mit dem Namen der Ortschaft kann ich nirgends sehen. Stattdessen erblicke ich mein Spiegelbild im Fenster und zucke zusammen. Jemand anders schaut mich unverwandt an, seine Augen sind kaum zu erkennen unter den überlappenden Lidern. Ruckartig drehe ich mich um, aber da ist niemand. Nur ich. Es muss mein eingefallenes Gesicht sein, das ich nun mit beiden Händen betaste. Ich schnappe nach Luft, weil ich das Gefühl habe, gleich zu ersticken.

Der Lautsprecher knackt kurz: Wegen eines Polizeieinsatzes verzögert sich die Weiterfahrt um wenige Minuten.

Noch einmal betrachte ich mein Gesicht, das sich schemenhaft im Fenster abzeichnet. Noch immer ist es das Gesicht eines fremden alten Mannes. Mein Atem geht immer schneller und trotzdem scheint nie genug Luft in meine Lungen zu dringen. Ich muss raus hier. Beim Aufstehen stoße ich mir den Kopf an der Wandschräge des Zugabteils und schwanke wie ein Betrunkener durch den Gang. Schließlich erreiche ich die Tür, die sich fast geräuschlos öffnet, und trete nach draußen. Es ist bereits dunkel geworden. Dabei kann es nicht später als eins sein. Bin ich nicht mittags in den Zug gestiegen? In meinen Jackentaschen suche ich nach meinem Handy, doch alles, was ich finde, sind ein paar Münzen. Da bemerke ich, dass mir auch die Kleidung, die ich trage, unbekannt ist. Ein Trainingsanzug. Rote Sweatjacke und schwarze Stoffhose. Meine Beine zittern. Verzweifelt suche ich nach einer Bank, auf die ich mich setzen kann, um zu verschnaufen. Da kommen zwei Gestalten auf mich zu. Ich bemerke sie erst, als sie nur noch wenige Schritte von mir entfernt sind. Ihre Gesichter sind verschattet, doch ich kann ihre Uniformen erkennen. Polizisten.

Lars Hannemann? Sind Sie das?

Ich will bejahen, aber nur ein Keuchen entweicht meiner Kehle.

Ihren Ausweis, bitte!

Ich schaue zum hell erleuchteten Zugabteil. Mein Rucksack liegt noch drinnen. Ich will ihn holen.

Bleiben Sie hier!

Einer der Männer betritt den Zug, um meinen Rucksack zu suchen. Der andere sieht mich ernst an.

Sie wissen, warum wir hier sind, nicht wahr?

Als ich den Kopf schüttle, fährt er fort: Nun, wir bringen Sie zurück.

Zurück? Mein Herz setzt für einen Moment aus. Aber ich kann nicht zurück. Ich… ich will nicht.

Das kann ich mir denken. Sonst wären Sie ja nicht geflohen, oder? Er lächelt milde. Aber Sie werden schon vermisst, mein Freund! Er berührt meinen Oberarm, greift dann kräftiger zu. In der Ferne leuchtet das Blaulicht eines Krankenwagens. Sein Kollege packt meinen anderen Arm und gemeinsam zerren sie mich in Richtung Straße.

Als der Zug bremst, kippe ich vornüber und kann mich gerade noch an der Stuhllehne des Vordersitzes festhalten, um nicht zu Boden zu gehen. Ich schnappe nach Luft und sehe mich um. Mittlerweile hat sich das Abteil gefüllt. Vor lauter Menschen kann ich den Bildschirm mit dem Fahrtverlauf nicht mehr ausfindig machen. Also schnappe ich mir meinen Rucksack und drängele mich zur Tür, die bereits offensteht. Reckhun steht am Bahnhofshäuschen. Ich bin bereits zu weit gefahren und steige schnell aus dem Zug.

Aus meinem Rucksack hole ich eine kleine Wasserflasche und trinke sie aus. Ich bin immer noch durstig, doch ich suche vergebens nach einem Kiosk. Hier steht nicht mal ein Automat. Der Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Immerhin finde ich eine Abfahrtstafel: In einer Stunde fährt der nächste Zug zurück zu meinem Wohnort. Ein paar Minuten stehe ich unschlüssig auf dem leeren Bahnsteig herum, dann entschließe ich mich, nach Hause zu laufen. An den Gleisen entlang führt ein Weg.

Schon zehn Minuten später fühle ich mich weniger matt, obwohl mein Magen knurrt und meine Beine kribbeln. Sie kommt mir wieder in den Sinn. Ihre Augen. Auch wenn es nur für den Bruchteil einer Sekunde war, so lag darin doch der mir ach so bekannte Schmerz. Ein Schmerz, den ich ihr stets gewünscht habe, und nun, da ich ihn ihr endlich zufügte, bestürzt bin über mich selbst.

Dabei mochte ich sie eigentlich. Sie kam als Elternzeitvertretung für eine Kollegin zu uns ins Team. Ich arbeitete sie ein und wurde ihr Mentor. Sie lernte all unsere Programme kennen, die Prozesse und Abläufe, allerdings schien sie sie nicht zu begreifen. Also schrieb ich Anleitungen, in denen sie das Wesentlichste nachlesen konnte. Doch statt zu lesen, unterhielt sie sich lieber den halben Tag lang mit einer geschwätzigen Kollegin. Ihre Aufgaben erledigte sie im Schneckentempo, während Markus und ich den Großteil ihrer Arbeit übernahmen. Zusätzlich korrigierten wir ihre Ergebnisse, die vor Fehlern nur so strotzten. In der Buchhaltung muss man korrekt sein, ja beinahe akribisch, aber die einzige Akribie, die sie an den Tag legte, war frühmorgens beim Zusammenstellen ihrer Garderobe. Täglich trug sie andere Kleider und Blusen. Letztere waren in der Regel transparent, so dass man stets ihren BH durchschimmern sah. Und es freute sie, wenn mein Blick – generell der Blick der Kollegen – von ihrem Gesicht nach unten glitt, um genau dort hängenzubleiben. Hatte sie eine Frage, was oft vorkam, so rollte sie mit ihrem Stuhl ganz dicht an meinen, lehnte sich schräg auf meinen Schreibtisch und hörte sich an, was ich zu sagen hatte. Zumindest wirkte es, als würde sie zuhören. Dabei strich sie sich hin und wieder durch ihr langes blondes Haar und manchmal sogar über meinen Handrücken, um sich für meine Antwort zu bedanken. Sie mochte nicht die Hellste sein, doch immerhin sorgte sie für etwas Spannung im drögen Büroalltag. Vielleicht ließen wir sie deshalb so lange gewähren.
Bis wir selbst Fehler machten, weil wir uns zu viel aufgebürdet hatten – und uns vor Steffen, unserem Vorgesetzten, rechtfertigen mussten. Etwa zeitgleich begann sie eine Affäre mit ihm. Steffen stritt es vehement ab, aber es war für jeden im Büro offensichtlich. Nach der Arbeit sah ich sie oft noch zusammenstehen, leise reden und lachen. Dabei legte sie ihm die Hand auf seine Schulter und lehnte ihren Kopf an seinen Oberarm. Er strich ihr übers Haar.
Bald schon gingen mir ihre Fragen nur noch auf die Nerven. Ihre Fehler zermürbten mich. Konnte man wirklich so dumm sein oder arbeitete sie absichtlich fehlerhaft, damit ich ihre Aufgaben übernahm? Wenn sie mir zwischen den Bildschirmen hindurch zulächelte, senkte ich den Blick. Stellte sie mir Fragen, stopfte ich mir Kopfhörer in die Ohren. Ich versuchte sie auszublenden, doch ihre Arbeit blieb an mir hängen. Sie widerte mich an und da ich sie jeden Tag sehen musste, ihr acht Stunden lang gegenübersaß, konnte ich dieses Gefühl auch nicht abschütteln.

In einem Jahr ist sie weg, beruhigte mich Markus. Es hätte schlimmer kommen können. Steffen hätte sie auch unbefristet eingestellt, so nötig wie wir Mitarbeiter brauchen. Aber sie hat nur einen befristeten Vertrag gekriegt.

Ein Jahr, das hältst du durch, Lars.

Die Sohlen meiner Stoffschuhe sind viel zu dünn. Sie sind nicht fürs Laufen in der Natur vorgesehen. Nur für den Gang zum Drucker auf dem Flur. Ich spüre jeden noch so kleinen Stein unter den Füßen. Noch schlimmer schmerzt mein blutiger Hacken. Ich bin schon lange nicht mehr gelaufen, meine Beine haben es verlernt. Ich komme mir steif und ungelenk vor. Schon seit Minuten halte ich nach einer Sitzgelegenheit Ausschau, einem Baumstumpf vielleicht oder einem größeren Feldstein, aber um mich herum stehen nur Kiefern, die schnurgerade in den Himmel ragen. Kurz denke ich darüber nach, mich einfach auf die Gleise zu setzen, doch die tierischen Skelette ringsum halten mich davon ab. Stattdessen lasse ich mich einfach auf der Erde nieder und ziehe meine Schuhe aus. Ameisen krabbeln über meine Füße. Erst eine, dann ein paar mehr. Anfangs stören sie mich und ich versuche, sie abzuschütteln. Später lasse ich sie gewähren, lehne mich zurück und starre in die Baumkronen hinauf. Kein Zweig bewegt sich, alles ist still. So still, dass ich mein Herz hören kann, das viel zu schnell schlägt, weil ich schon wieder an ihre Augen denke.

Barfuß laufe ich weiter. Stunden später erkenne ich, wo ich bin. Das Ortseingangsschild ist nicht mehr weit, bald schon habe ich es passiert. Die kleine Stadt zieht sich. Ich begegne immer mehr Leuten, die mich grüßen, obwohl wir uns nicht kennen. Einige sprechen mich auf meine nackten Füße an, die so kalt sind, dass ich keinen Schmerz mehr spüre:

Na aber… so warm haben wir es doch gar nicht! Einige grinsen mich an, andere schütteln die Köpfe.

Mit schweren Beinen laufe ich weiter, bis ich endlich vor meinem Haus stehe. Am Zaun bleibe ich stehen und blicke in die dunklen Fenster, die lediglich das Nachbarhaus spiegeln. Aus meiner Hosentasche hole ich den Schlüssel, doch ich kann mich nicht überwinden, ihn ins Schloss zu stecken. Schließlich gleitet er mir aus der Hand und landet mit einem leisen Klirren auf den Pflastersteinen. Dann drehe ich um und laufe langsam weiter.

MM