Kurzgeschichte

Teil 2

„Vielleicht schaffe ich mir einen Hund an.“
„Klar, die Kinder würden das sicher mögen.“
„Ja, die auch. Vor allem aber brauche ich einen Vorwand, um rauszugehen. Die Leute gucken blöd, wenn ich allein durchs Dorf laufe.“
„Welche Leute?“ Ich drehe demonstrativ den Kopf hin und her. Sie lacht.
„Ja. Welche Leute“, sagt sie.
„Warum nimmst du nicht Jörg mit?“
„Weil er nie da ist.“ Sie blickt zu Boden, während sie weiterspricht: „Er bringt die Mädchen halb acht zur Schule und dann sehe ich ihn vor acht Uhr abends nicht wieder.“
„Kaum zu glauben, dass sich Jörg zum Arbeitstier entwickelt hat! Was ist passiert? Findet er keinen Dienstleister mehr, den er per Gerichtsverfahren um seinen Lohn prellen kann?“
„Nein, er ist ganz fokussiert auf seine Arbeit, seitdem er seine eigene Praxis führt“, antwortet sie trocken. Gedankenversunken betrachtet sie die Häuser links und rechts der Straße. Die meisten Fenster sind dunkel, einige wenige auch verspiegelt. Ich fühle mich beobachtet, obwohl ich niemanden sehen kann. Es wäre mir lieber, wir würden übers Feld laufen, aber die Pfade enden abrupt vor den Äckern, die wiederum von Landstraßen eingerahmt werden, die nur für den Autoverkehr vorgesehen sind. Es führt kein Weg hinaus, nicht zu Fuß jedenfalls.
„Hier wohnt man halt. Sonst nichts“, sagt sie, als hätte sie meine Gedanken erraten. Ich nicke und will noch etwas Nettes hinzufügen, so etwas wie: Aber ihr habt es doch sehr idyllisch hier!, bin mir jedoch sicher, dass sie die Lüge heraushört, und schweige deshalb lieber.
„Vielleicht sollten wir doch einfach querfeldein laufen“, schlage ich nach einer Weile vor.
„Habe ich längst probiert. Hinterm Acker ist nichts.“
„Hier ist doch auch nichts.“
„Hier gibt es immerhin einen Supermarkt. Das ist unser Ziel.“
„Ich habe nicht mal Geld mitgenommen.“
„Wer sagt denn, dass du was kaufen musst?“

Letztlich legt sie eine Flasche Wein aufs Band, mittelpreisig, trocken, aus der Region. Sie habe keinen Alkohol im Haus, aber Lust mit mir anzustoßen, meint sie. Mich überkommt eine tiefe Trauer um den Freigeist, der nun auf geebneten Wegen zum Supermarkt spaziert, statt mit wachem Blick durch Felder und Wälder zu laufen. Damals hat sie sich nie dafür gerechtfertigt, keinen Begleiter zu haben. Sie brauchte keinen Hund und auch keine Schwester. Sie war den ganzen Tag draußen unterwegs und kam erst nach Anbruch der Dunkelheit wieder heim. Wo sie war, konnte oder wollte sie nicht sagen. Sie redete ungern, schon gar nicht mit mir. Ich löcherte sie trotzdem mit Fragen, so lange, bis sie die Nerven verlor, mich mit hartem Griff am Nacken packte und so fest an sich drückte, bis ich Todesangst bekam. Ich kannte niemanden, der egoistischer was als sie.

Vor uns ein älteres Paar, das die EC-Karte immer wieder falschherum in das Lesegerät steckt. Hinter uns ein Opa, der mir seinen Einkaufswagen gegen den Oberschenkel stößt. Als er den Widerstand spürt, rollt er den Wagen langsam ein paar Zentimeter zurück, wie um Anlauf zu holen für den nächsten Angriff. Ich blicke demonstrativ nach vorn, lasse mir meine Wut nicht anmerken. Er ist wahnsinnig alt, sollte mir leidtun. Als er seine Waren aufs Band hinter unsere Flasche Wein legt, bemerke ich seine dicken Brillengläser. Er atmet asthmatisch-röchelnd ein und aus, langsam und geräuschvoll. Wieder spüre ich seinen Einkaufswagen, diesmal allerdings an meinem Hintern. Ich drehe mich um, packe den Wagen und – werde von meiner Schwester festgehalten. Mein Impuls, dem alten Mann seinen Wagen mit voller Kraft in den Leib zu rammen, versiegt unmittelbar, doch mein Herz überschlägt sich fast und das dumpfe Geräusch in meinem Ohr kehrt zurück. Auf dem Parkplatz öffnet sie den Drehverschluss und gibt mir die Flasche.
„Das darfst du nicht persönlich nehmen“, sagt sie. „Die Leute sind so, wie sie sind. Das hat nichts mit dir oder mir zu tun.“
Ich nehme einen Schluck, dann einen zweiten. Auf dem Rückweg knufft sie mir in den Arm und lacht vergnügt: „Irgendwann sind wir es, die ihre Einkaufswagen irgendeinem Fremden in die Hacken schieben!“
Ich sehe sie von der Seite an und das Grauen packt mich.

Ich soll meinen Nichten eine Gutenachtgeschichte vorlesen. In der Zwischenzeit bezieht sie die Gästebettwäsche, damit ich auf der ausklappbaren Couch im Wohnzimmer die Nacht verbringen kann. So war es von Anfang an ausgemacht. Ich füge mich in mein Schicksal, obwohl ich lieber nach Hamburg zurückfahren würde, um bei meiner Freundin zu schlafen.
Die Ältere bringt mir ein Märchenbuch, in dem ein Lesezeichen steckt. Ich schlage es auf und beginne zu lesen, doch schon nach wenigen Minuten erlischt das Interesse der Mädchen und sie spielen mit kleinen Plastikpüppchen. Ich lausche ihrem Rollenspiel, das sie mit hohen Stimmen vortragen, bis sie merken, dass ich sie beobachte.
„Willst du mitspielen?“, fragt das jüngere der beiden Mädchen. Widerwillig nehme ich von ihr einen kleinen rosa Pinguin entgegen und stelle kurz darauf beruhigt fest, dass nichts falsch machen kann. Einer Souffleuse gleich sagt mir die ältere Nichte jeden Satz vor. Ich brauche nur noch nachzusprechen. Ihre Geschichte ist bereits in sich abgeschlossen und erfordert keinerlei kreative Einwände meinerseits.

Später begleite ich meine Nichten ins Badezimmer, um zu überwachen, ob sie sich auch wirklich die Zähne putzen. Sie haben ihre Scheu verloren und plappern nun ohne Unterlass. Mir fällt auf, wie niedlich sie aussehen. Ich habe das starke Bedürfnis, sie in ihre pummeligen Wangen zu kneifen.
„Können wir noch Papa Gute Nacht sagen?“, fragen mich beide und noch bevor ich meinen Einwand vorbringen kann (Er ist doch noch auf der Arbeit!), rennen sie zum elterlichen Schlafzimmer. Zögerlich folge ich ihnen und luge durch die halb geöffnete Tür ins Dunkel. Eines der beiden Mädchen liegt auf dem Bett und schmiegt sich an den Vater, das andere steht daneben und beugt sich zu ihm herunter, gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Ich trete ein Stück näher heran, obwohl mich der säuerliche Geruch, der mir entgegenströmt, abstößt. Und wirklich, es ist Jörg, der dort mit halbgeöffneten Augen im Bett liegt.
„Jörg?“, flüstere ich.
Er guckt kurz in meine Richtung, schickt die Mädchen dann hinaus und dreht sich selbst auf die Seite.
„Jörg? -Ich bin’s!“
Plötzlich fühle ich eine kühle Hand auf meinem Rücken. Meine Schwester steht hinter mir und bedeutet mir, von der Tür zurückzutreten, die sie schnell hinter mir zuzieht.
„Ist er etwa schon den ganzen Tag-?“
„Ihm geht’s nicht gut“, unterbricht sie mich. Sie gibt sich die größte Mühe, neutral zu klingen, doch ich höre den Vorwurf deutlich heraus. Angespannt presst sie die Lippen aufeinander und wirft mir einen hasserfüllten Blick zu. Dann bringt sie ihre Töchter ins Bett. Ich bleibe wie angewurzelt im Flur stehen, bis sie mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen gibt, wieder nach unten ins Wohnzimmer zu gehen.

„Ist er krank?“ Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen. „Wenn er krank ist, hättest du es mir doch sagen können. Dann wäre ich ein anderes Mal zu Besuch gekommen.“
„Er ist nicht krank.“ Sie atmet tief ein und langsam aus, um die Anspannung loszuwerden, die von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen hat. Es gelingt ihr nicht. „Nur ein bisschen seltsam drauf zurzeit.“ Ein falsches Lächeln liegt auf ihrem Gesicht, es soll wohl aufmunternd wirken. „Wahrscheinlich ist er einfach nur übermüdet, weil er zu viel arbeitet.“ Sie stemmt sich aus dem Sessel hoch. „Und um ehrlich zu sein, bin ich auch ganz schön erledigt. Sei mir nicht böse, aber ich lege mich jetzt schlafen.“
Ich bleibe noch lange so sitzen, wie sie mich verlassen hat. Gedankenverloren streiche ich über ein mit Samtstoff bezogenes Sofakissen. Ich bin hellwach.

Im Halbschlaf höre ich das Klappen der Haustür. Als ich die Augen aufschlage, dringt gerade das fahle Licht der Morgendämmerung durchs Fenster. Ich wanke zur Tür und öffne sie einen Spalt. Jörgs Auto rollt die Auffahrt hinunter, stoppt vorm automatisch öffnenden Gartentor und fährt dann davon. Mein Herz pocht im Hals. Ich muss den Drang unterdrücken, die Treppe hinaufzugehen und im Schlafzimmer nachzusehen, ob es wirklich Jörg war, der weggefahren ist – oder meine Schwester. Ich lausche in die Stille hinein und schleiche zurück zu meinem Platz auf der Couch, wo ich ausharre, bis ich im oberen Stockwerk das dumpfe Geräusch von Schritten wahrnehme. Ich begreife es als Zeichen, meinen Kulturbeutel zu nehmen und im Gästebad zu verschwinden, wo ich lange unter der heißen Dusche stehe. Als ich fertig bin und in die Küche gehe, deckt meine Schwester bereits den Frühstückstisch. Es duftet nach frischen Brötchen. Meine Nichten hantieren am Eierkocher. Als sie mich sehen, rennen sie auf mich zu und drücken ihre Gesichter in mein Kleid. Ich streiche ihnen übers Haar. Meine Schwester lächelt gönnerhaft.
„Jörg ist schon weg. Er musste noch mal in die Praxis“, sagt sie, um meiner Frage zuvorzukommen.
„Am Samstag?“
„Er arbeitet seit ein paar Monaten auch an den Wochenenden. Und ich darf die Mädels allein bespaßen.“ Sie legt die Stirn in Falten. „Langsam gehen mir die Ideen aus.“
Ich nicke und versuche, mitleidig zu gucken. Das Denken fällt mir schwer, die Schlaflosigkeit macht mir zu schaffen. Emotionen dominieren, doch sie lassen sich schwer in Worte fassen. Stumm lausche ich den Erzählungen meiner Nichten von Freundinnen, die ich nicht kenne, Begebenheiten, die ich nicht nachvollziehen kann. Nach dem Frühstück drücken sie mir Stifte in die Hand. Ich soll malen. Einhörner, Meerjungfrauen, Drachen. Das Resultat bringt sie zum Lachen. Kein Vergleich zu den Werken ihres Vaters, der schon immer gern in seiner Freizeit malte. Ein paar Grafiken und Aquarelle hängen im Flur und in der Küche. Es sind kleine, reduzierte Bilder. Man kann sie lange betrachten, ohne dass sie je langweilig werden.

„Wann kommt er zurück?“ Wir stehen auf der Terrasse, diesmal rauche ich mit.
„Spät.“ Sie sieht mich an, doch ich erwidere ihren Blick nicht. Ein tonloses Lachen entweicht ihrer Kehle. „Am liebsten kommt er heim, wenn alle anderen längst schlafen.“
„Hat er etwa eine Affäre?“
Sie kichert. Der Gedanke scheint sie zu belustigen.
Die übrigen Häuser in der Straße sind zum Leben erwacht. Aus allen Richtungen dringen verzerrte Stimmen an mein Ohr. Lachen, Eltern, die lautstark ihre Kinder zurechtweisen, Kindergeschrei, Hundegebell. Auf dem Nachbargrundstück steht eine Gruppe von fünf Männern im Kreis zusammen. Sie tragen Arbeitskleidung. Jeder hat eine Flasche Bier in der Hand, dabei ist die Sonne gerade erst aufgegangen. Ein paar schauen verstohlen zu uns herüber. Einer rülpst, die anderen lachen. Wieder rülpst jemand, diesmal lauter, ausgedehnter. Es scheint ein Wettkampf zu sein.
„Nette Nachbarn habt ihr.“
Sie geht nicht darauf ein. Diesmal schlägt sie nicht vor, uns in den Garten zu setzen. Ich bleibe trotzdem noch eine Weile draußen stehen, nachdem sie ins Haus gegangen ist, und beobachte unverwandt die Männergruppe. Mittlerweile haben sie am Gartentisch Platz genommen und öffnen weitere Bierflaschen. Einer zündet bereits die Grillkohle an. Ein anderer wirft Holz und Pappkartons in eine rostige Tonne. Immer mehr Müll schleppt er in den Garten. Am Ende kippt er Spiritus darüber. Sie tun so, als bemerkten sie mich nicht, und das kann mir nur recht sein. Ihr Lachen wird immer lauter. Sie reden nicht miteinander, sie brüllen einander Kommentare zu. Ein paar Kinder kommen nun aus dem Haus, wenden sich an ihre Väter(?), die sie weitestgehend ignorieren, schreien dann ebenfalls, werden wiederum niedergeschrien, laufen unschlüssig auf der Terrasse hin und her, entdecken dann einen Ball und spielen Fußball auf dem sorgfältig getrimmten Rasen. Ekel überkommt mich so heftig, dass es mir den Atem verschlägt. Bevor mir schwarz vor Augen wird, taumele ich ins Haus und lasse mich auf einen Stuhl sinken. Ich kann es kaum erwarten, den Heimweg anzutreten.

„So gut wie hier habe ich den Sternenhimmel noch nie gesehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das funkelt nachts. Es ist wunderschön.“
Fragend sehe ich sie an.
„Wenn du noch eine Nacht bleibst, kannst du dich selbst davon überzeugen“, lächelt sie. „Natürlich weiß ich, dass das nicht geht.“ Sie sieht mich – noch immer lächelnd – an. Nachdenklich fährt sie fort:
„Jörg hat keinen Blick dafür. Die Sterne sind ihm egal. Der tolle Garten ist ihm egal, ja selbst das Haus! Er sieht es nicht.“ Sie steht auf und geht unruhig auf und ab. „Er sieht einfach nicht, wie gut wir es hier haben!“ Ihre Stimme wird lauter. „Im Gegenteil, er findet überall Makel. Dies ist doof und das ist blöd und jenes geht ja gar nicht. Gottverdammtescheiße, der Mann ist nie zufrieden! Also verkriecht er sich in seiner Praxis.“ Sie streicht sich über die Stirn. „Wenn du mich fragst, sollte er sich selbst in Therapie begeben.“
„Meine Rede.“ Ich lache aufmunternd. Zuvor hatte ich stets gegen Psychologen gewettert, einfach weil ich Jörg nicht ausstehen konnte. Nun jedoch verspüre ich einen Anflug von Mitleid für meinen Schwager. „Was genau stört ihn denn?“
„Die Leute sind ihm zuwider. Er ist Gott und die anderen sind Abschaum. Seine Denke.“ Sie schnaubt verächtlich und setzt sich wieder.
„Die?“ Ich gehe zur verschlossenen Terrassentür und werfe einen Blick hinaus. Aus der rostigen Tonne lodern Flammen. Auch durch das dreifachverglaste Panoramafenster sind die Stimmen der Nachbarn noch deutlich zu hören. Zum ersten Mal kann ich Jörg verstehen.
„Die und alle anderen“, antwortet sie.
Ich räuspere mich: „Nun, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie anders sind als Jörg. Das ist nicht seine Welt.“
„Er hat sie doch noch gar nicht richtig kennen gelernt. Seine Sicht ist von Vourteilen geprägt.“
„Und was soll er deiner Meinung nach tun? -Sich zu ihnen setzen, mit ihnen zusammen Müll verbrennen, ihren Fäkalwitzen lauschen und vorgeben, sie lustig zu finden?“ Diesmal bin ich es, die ihre Stimme erhebt. „Und wozu? Um sich einmal mehr bewusst zu werden, dass er nicht dazugehört?“
„Man nennt es Anpassung.“ Sie seufzt. „Nein, er braucht sich nicht zu ihnen zu gesellen. Es reicht, sie zu ignorieren. Doch nicht einmal dazu ist er imstande.“ Sie hebt die Arme und deutet in Richtung der umliegenden Häuser. „Das ist doch nicht jeden Tag so. Normalerweise sind die Leute hier sogar sehr nett.“
Ich kehre den Nachbarn den Rücken zu und blicke meiner Schwester in die Augen. „Jeder ist nett, oberflächlich betrachtet. „Jörg-“ Ich muss kurz innehalten, denn es kommt mir noch immer irreal vor, dass ich für diesen Mann Partei ergreife. „Er hat sich bestimmt etwas anderes erhofft, als ihr an diesen Ort gezogen seid.“
„Wir wollten ein Haus für uns allein und das haben wir nun. Mission accomplished.“ Sie setzt sich an den großen runden Küchentisch und stützt den Kopf in die linke Hand wie eine gelangweilte Schülerin. Ich kann kaum glauben, dass sie sich wirklich so schlecht in ihren eigenen Mann versetzen kann. Am liebsten würde ich sie an den Schultern packen und zur Terrassentür schubsen, damit sie noch einmal einen klaren Blick auf ihre Nachbarn werfen kann. Stattdessen bricht sich ein Lachen Bahn, das tief in mir geschlummert haben muss. Es ärgert mich, dass ich es nicht einfach abstellen kann, denn viel lieber würde ich wüten und schreien.
„Dann ist ja alles bestens“, gluckse ich endlich. „Wenn ein Haus alles ist, was der Mensch braucht, dann bist du wohl auf die Glücksformel gestoßen.“
Sie wirft mir einen misstrauischen Blick zu. Ich atme die letzte Aufwallung eines Lachens weg und sehe sie wieder ernst an. „Und jetzt hockt ihr also hier zwischen Leuten, mit denen ihr Nettigkeiten austauscht, denn zu mehr sind sie rein intellektuell vermutlich gar nicht fähig.“ Ich halte inne.
„Mein Gott, wie kann man nur so herablassend sein?“ Meine Schwester starrt mich fassungslos an. „Gerade du, die immer Toleranz predigst!“ Langsam erhebt sie sich, unschlüssig, was sie machen soll, begibt sich dann zur Spülmaschine und fängt an, sie geräuschvoll auszuräumen.
„Arroganz liegt mir fern, das weißt du. Ich meine es ja nicht so… Es ist nur, du magst die Sterne sehen, aber Jörg blickt in den Abgrund, der zwischen eurem Haus und den anderen liegt.“
„Wir sind alle gleich!“, ruft sie mir hinterher, als ich in den Flur gehe, um mir meine Schuhe anzuziehen. Die Haustür steht offen und ich kann meine Nichten auf der Straße spielen sehen. Sie tragen Rollschuhe. Als ich vors Haus trete, winken sie mir freudig zu und wollen mir unbedingt zeigen, wie gut sie rückwärtsfahren können. Doch Qualm legt sich wie ein Nebelschleier zwischen uns und mir steigen Tränen in die Augen, so dass ich die beiden Mädchen nur noch verschwommen sehen kann. Meine Schwester rollt meinen Koffer aus dem Haus. Wir umarmen uns kurz, ich spüre ihren Widerwillen, mich anzufassen.
„Grüß‘ Jörg von mir“, sage ich und starte den Motor, wohlwissend, dass dies nicht mein Zuhause ist. Nichts zwingt mich, je zurückzukehren.

MM