Kurzgeschichte

Teil 1

Wir wohnten in einem Neubaugebiet, inmitten einer Ebene. Schulen und Geschäfte waren zwei Kilometer entfernt. Die Nachbarn sahen wir nur abends. Am Wochenende wuschen sie ihr Auto oder schraubten in der Garage Regale zusammen. Es war ein vager Ort, wo der Blick sich an nichts festhalten konnte und man den Eindruck hatte, ohne Gefühle und Gedanken im luftleeren Raum zu schweben.

Annie Ernaux: „Eine Frau“

Der Ort, eingekeilt zwischen einer mittelgroßen Stadt und einem Gewerbegebiet aus den Neunzigern, ist an Trostlosigkeit nicht zu überbieten. Kleine graue Häuser, porig verputzt, bilden den Ortskern. Dahinter wurden vor ein paar Jahren nach allen Seiten Neubaugebiete erschlossen, in denen sich Bungalows in unregelmäßigen Abständen mit Stadtvillen und Satteldach-Klassikern abwechseln. Ihre glasierten Dächer glänzen im nachmittäglichen Licht der Frühlingssonne, ja, ihre pastellfarbenen Fassaden lassen den gesamten Ort erstrahlen. Doch die Willkür, mit der sie erbaut worden sind – kein Stadtplaner hat je den Bleistift angesetzt, selbst das Bauordnungsamt scheint keinerlei Regeln aufgestellt zu haben – lassen keinen Zweifel daran, dass wir uns in der tiefsten Provinz befinden.

In einem dieser Areale wohnt sie, meine Schwester. Dem Navigationsgerät ist ihre Straße unbekannt. Für ein Update hätte ich es mit meinem Laptop verbinden müssen, was mir zu aufwendig erschien. Immerhin erinnere ich mich vage an meinen letzten Besuch vor etwa einem Jahr. Damals hatten wir uns auf dem Supermarktparkplatz getroffen. Sie fuhr voraus. Fünf Minuten später bogen wir in eine Sackgasse ein, an deren Ende sich das Haus meiner Schwester befand. Dahinter führte ein schmaler Feldweg zu einem winzigen Waldstück, das Nähe zur Natur suggerierte. Ich stapfte durch den Sand und betrat das Haus über eine Holzpalette, die man als Platzhalter für eine Treppenstufe vor die Eingangstür gelegt hatte.  

Nur ein Auto folgt mir und fährt immer dichter auf, weil ich auf Schrittgeschwindigkeit heruntergebremst habe. Die Nervosität des Fahrers (oder der Fahrerin?) überträgt sich unmittelbar auf mich. Statt auf die Straßennamen zu achten, blicke ich immer wieder in den Rückspiegel und frage mich, warum mein Verfolger im Slalom hinter mir herfährt, statt mich einfach zu überholen. Schließlich setze ich den Blinker und halte rechts am Straßenrand. Der Kleinwagen überholt endlich, die Frau am Steuer gibt mir per eindeutiger Gestik zu verstehen, was sie von mir hält. Ich hätte sie gerne nach dem Weg gefragt.
Etwas schneller setze ich nun meinen Weg durch den neuen Teil des Ortes fort, der immer größer und unübersichtlicher zu werden scheint, je tiefer ich in ihn eindringe. Autos stehen unter hölzernen Baumarkt-Carports, Menschen jedoch sind nicht zu sehen. Ein dumpfes Brummen meldet sich in meinem rechten Ohr, wird lauter und ebbt schließlich wieder ab. Ich frage mich, was mit mir los ist.

Jede Familie hat individuell gebaut. Kein Haus gleicht dem anderen und doch ähneln sie einander stark. Eine der wenigen Ausnahmen bildet das Haus am Ende der Sackgasse, das ich nun endlich erblicke. Ein Haus aus dem Katalog war nicht in Frage gekommen. Der Lebensgefährte meiner Schwester hat einen Architekten damit beauftragt, ein schlichtes Gebäude zu entwerfen, das auf den ersten Blick wie eine mit grauem Holz ummantelte Scheune aussieht. Das Dach scheint aus den Wänden herauszuwachsen und verleiht dem Haus den Eindruck, als wäre es aus einem Guss. Statt mehrerer Fenster besitzt es an der Hauptaußenwand lediglich ein einziges großes Panoramafenster, das außerdem als Schiebetür zur Terrasse dient. Ich mochte dieses Haus auf Anhieb, weil es Zurückhaltung ausstrahlt. All seine Finessen rücken erst auf den zweiten Blick ins Bewusstsein des Betrachters. Damit stellt es in der Siedlung tatsächlich eine Besonderheit dar. Auch jetzt verharre ich noch ein paar Sekunden in der Parkbucht, weil ich den Blick kaum von diesem schmucklosen und doch so anziehenden Objekt lösen kann.

Die Begrüßung ist herzlich. Sie umarmt mich und drückt mir einen trockenen Kuss auf die Wange, um mich gleich darauf hereinzubitten. Es riecht nach frischgebackenem Kuchen und kurz habe ich das Gefühl, ich würde nicht meine Schwester, sondern unsere Eltern besuchen. Trotz der vertrauten Erinnerung bleibe ich unschlüssig auf dem Fußabtreter stehen. Die Fliesen im Hausflur sind so unfassbar sauber, dass ich mich darin spiegeln kann. Es kommt mir anmaßend vor, sie mit meinen Schuhen zu betreten. Sogleich durchsucht meine Schwester ihre Garderobe nach einem Paar Gästehausschuhen, das sie mir entschuldigend vor die Füße stellt. Die Fußbodenheizung sei schließlich sehr träge und der Boden immer noch kalt. Ich vermute, sie hegt darüber hinaus den Verdacht, ich könne ihr Werk zerstören.

„Wie schön, dass du es einrichten konntest.“
Ich sehe sie fragend an: „Warum so förmlich?“
Sich lächelt verlegen und zuckt die Schultern. „Warum nicht?“
„Weil wir Familie sind. Darum.“
„Woher soll ich nach einem Jahr wissen, ob du noch die bist, die du damals warst? Möglicherweise bist du jetzt ganz anders.“ Sie verstummt abrupt, dann wirft sie den Kopf in den Nacken und lacht. „Sorry, ich wollte nicht abweisend wirken. Ich musste lediglich die erste… Befangenheit überwinden. Bescheuert, nicht wahr.“

Sie drückt mir zwei Gläser in die Hand und nimmt selbst eine Karaffe mit Wasser, in welchem Minzblätter und Eiswürfel schwimmen. Ich betrete hinter ihr die Terrasse und folge ihr über einen Kiesweg durch den quadratischen Garten, an dessen Ende eine Sitzecke eingerichtet ist. Genau wie damals als Kind trägt sie auch heute noch ihr langes glattes Haar streng zum Pferdeschwanz zurückgebunden. Ein Pony würde ihr sicherlich besser stehen, da er ihre hervortretenden Adern an der Stirn verdecken würde. Ich verkneife mir den Kommentar.

„Was machen die Mädchen?“
Sie seufzt gespielt. „Interessieren sich nur noch für ihre Handys und Tablets. Körperlich anwesend, aber geistig…“ Sie macht eine wegwerfende Handbewegung.
Ich nicke. Tatsächlich stimmt mich die Abwesenheit ihrer Töchter froh. Kinder machen mich nervös, insbesondere jene, mit denen ich verwandt bin. Ich darf sie nicht einfach ignorieren. Stattdessen muss ich so tun, als bestünde da eine Verbindung zwischen ihnen und mir. Zuneigung, vielleicht sogar Liebe. Aber ich spüre nichts.
Meine Nichten habe ich schüchtern und wortkarg in Erinnerung. Eigenschaften, die mein Unbehagen noch verstärken. Vermutlich bin ich den Kindern ebenso gleichgültig wie sie mir, doch in ihrer Gegenwart beschleicht mich immer wieder das paranoide Gefühl, als die wahrgenommen zu werden, die ich zu überspielen versuche. Bei einer unserer letzten Begegnung war es mir unmöglich, ein Gespräch mit ihnen in Gang zu bringen. Sie betrachteten mich nachdenklich, während ich ihnen die üblichen Erwachsenenfragen stellte – Wie geht es euch? Was macht die Schule? Spielt ihr immer noch Gitarre? – auf die sie keine vernünftigen Antworten hatten, bloß okay, hm und ja. Mein Vater erlöste mich damals, indem er den Mädchen anbot, mit ihm Uno zu spielen. Seitdem bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. Ich frage mich, ob meine Schwester sie deshalb nicht aus ihren Zimmern holt.

Auch sie sagt nicht viel, lächelt aber in einem Fort und sieht mich dabei erwartungsvoll an. Mit Sicherheit soll ich erzählen, wie es in Moskau war. Ich bin die Weitgereiste, Weltgewandte. Trotzig frage ich sie stattdessen nach ihren Ambitionen.
„Ambitionen?“ Sie lacht überrascht laut auf. „Befinden wir uns in einem Bewerbungsgespräch? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Wo in zehn?“ Vom Lachen erschöpft lehnt sie sich im Gartenstuhl zurück und blickt in den Himmel. „Ambitionen.“ Diesmal unterdrückt sie das Lachen, das in ihrer Kehle aufsteigt, doch ihre Schultern zucken verräterisch auf und ab, als hätte ich einen anzüglichen Witz gemacht. „Und du wirfst mir vor, förmlich zu sein!“ Sie schenkt uns beiden Wasser ein. „Ich bin angekommen. So wie es ist, kann es meinetwegen immer weitergehen.“
Abrupt steht sie auf und schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Ich habe doch einen Kuchen gebacken!“ Sie rennt zurück zum Haus und verschwindet in der Küche. Ich blicke zum Obergeschoss, wo die Kinderzimmer liegen müssten, aber im Fensterglas spiegeln sich lediglich ein paar Schäfchenwolken.

Meine Schwester trägt einen mit Puderzucker bestreuten Gugelhupf zum Gartentisch und beauftragt mich, noch die Kaffeekanne aus der Küche zu holen. Ich verstehe es als versteckte Aufforderung, meine Nichten zu begrüßen und ihnen zu sagen, dass es Essen gibt. Also begebe ich mich ins Haus, dessen weite Räume sich klösterlich still vor mir ausbreiten und steige die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Alle Türen sind verschlossen. Ich klopfe an die erste mit Einhornpostern beklebte Kinderzimmertür, doch ich werde nicht hereingebeten. Als ich mir trotzdem Zugang verschaffe und schließlich im spärlich beleuchteten Zimmer stehe, fällt es mir schwer, mich zu orientieren. „Was willst du?“, schallt es mir in vorwurfsvollem Ton aus einer Ecke des Zimmers entgegen. Da sehe ich meine jüngste Nichte bäuchlings auf ihrem Bett liegen, vor ihr ein Tablet, auf dem sie Youtube-Videos schaut. Sie blickt nicht auf.
„Hallo“, murmele ich. „Ich wollte mich nur bemerkbar machen.“
Erschrocken dreht sie sich um und sieht mich neugierig an. Bevor ich noch etwas sagen kann, widmet sie sich wieder ihren Videos. „Es gibt übrigens Kuchen“, füge ich beim Hinausgehen hinzu, doch ich erhalte keine Antwort. Die zweite Tür öffne ich erst gar nicht, sondern begebe mich gleich in die Küche, wo ich vergeblich nach der Kaffeekanne suche. Meine Schwester hat sie bereits nach draußen getragen.
„Ich glaube, die beiden wollen nicht runterkommen“, sage ich.
„Keine Sorge. Sie haben schon gegessen,“ antwortet sie leichthin. Dabei kommt der Kuchen gerade aus dem Ofen.
„Und Jörg?“
Sie sieht mich erstaunt an. „Was soll mit ihm sein?“
„Will er sich nicht zu uns setzen?“
„Ach so“, lacht sie und verstummt dann, als genüge dies als Antwort.
Obwohl ich neugierig bin, hake ich nicht nach. Er ist nicht zu Hause, also wird er wohl noch in der Praxis sein. Wahrscheinlich hat sie ihn gebeten, heute länger dort zu bleiben. Sie weiß, dass ich nicht viel von ihm halte. Mein schaupielerisches Talent hält sich in Grenzen.
Um sein Studium zu finanzieren, hat er als Kontrolleur gearbeitet. Dabei hat er sie beim Schwarzfahren erwischt, Namen und Adresse notiert und stand einen Tag später vor ihrer Wohnungstür, hat sie um ein Date gebeten. Ein zierlicher Mann mit eindringlichen blauen Augen, umrahmt von dichten dunklen Wimpern. Sie ließ sich gern von ihm umgarnen. Er schenkte ihr Schmuck. Nie zuvor hatte ihr jemand echten Schmuck geschenkt. Wer weiß, wie viele Schwarzfahrer er dafür hatte anzeigen müssen? Die Bezahlung erfolgte auf Provisionsbasis.
Seinen säuberlich getrimmten Zehntagebart pflegt er mit einem speziellen Öl, das er beim Barbier erwirbt, den er mindestens einmal im Monat aufsucht, denn auch sein Haar will akkurat geschnitten sein, die Augenbrauen in Form gezupft. Dass er – im Gegensatz zu seinen Altersgenossen – noch keinen Bauchansatz hat, verdankt er eiserner Disziplin: Er verzichtet auf Süßes und meidet auch Fettiges weitestgehend. Stattdessen viel Obst und Gemüse. Vor allem Letzteres, denn Obst enthält zu viel Fruchtzucker (die Ernährung ist das einzige Gesprächsthema, an dem wir uns länger festhalten können, er vertieft es bis in die Chemie). Fast täglich besucht er das Fitnessstudio, zumeist noch vor der Arbeit. Am Wochenende geht er schwimmen, oft nimmt er sogar die Mädchen mit. Er ist geizig. Urlaubskosten lässt er sich in der Regel zurückerstatten, zumindest teilweise. Verspätete Flüge, Hotels mit Baustellen in der Nähe. Er kennt sein Rechte und er macht sie geltend. Und dann freut er sich und prahlt: Dreitausend Euro habe ich letztens zurückbekommen, ha! Dafür gibt er umso mehr für Klamotten aus und Schuhe. In seinem eigenen Schuhschrank lagern um die fünfzig Paar Lederschuhe und limitierte Sneaker. Ich habe immer gehofft, sie würde einen anderen finden, einen, der besser zu ihr passt, aber dann kamen die Kinder.

Der Kuchen ist warm und weich, süß und fettig, einfach herrlich. Ich bringe es nicht über mich, sie zu loben, nehme mir jedoch noch ein zweites Stück. Wir schweigen und lauschen dem regelmäßigen Quietschen, das aus einem der Nachbargärten erklingt. Ein Kind springt dort auf seinem Trampolin auf und ab. Auf und ab. Schließlich ergreift sie das Wort:
„Wir sollten nachher spazieren gehen. Was meinst du, hast du Lust?“ Ich hole Luft, um zu bejahen, aber sie redet schon weiter. „Seitdem ich nicht mehr joggen gehe, ist das meine einzige Form der Bewegung. Ich spaziere durchs Dorf. Wie eine alte Oma.“ Sie lacht. „Und schau mich an, ich sehe auch schon ein bisschen so aus!“ Mit ihren Händen streicht sie über ihre breiten Hüften und tätschelt ihren Bauch, der unter ihrem in der Taille gerafften Kleid jedoch kaum zur Geltung kommt.
„Du joggst nicht mehr?“
„Letzten Sommer hatte ich einen Bänderriss am linken Fußknöchel. Ich hatte Pumps an, nicht einmal sonderlich hoch, und bin umgeknickt. Einfach so. Seitdem fühlt es sich an, als hätte ich keinen Halt mehr.“

In der Küche sehe ich zwei Schatten auf- und abwandern. Meine Nichten hat der Hunger aus ihren Zimmern getrieben. Sie öffnen sie Terrassentür und blicken mit traurigen Augen in den Garten, bleiben jedoch stumm. Meine Schwester folgt meinem Blick.
„Ich komme schon!“, ruft sie. Und die Mädchen werden wieder zu Schemen innerhalb des Hauses.
Ich folge ihr über den Rasen, vorbei an einem Kräuterbeet, in welchem Salbei dominiert. Ich bücke mich kurz und zupfe ein Blatt vom kleinen Strauch, zerreibe es zwischen den Fingern und atme sein herbes Aroma ein. Meine ältere Nichte beobachtet mich dabei. Ich lächle ihr zu, sie guckt schnell weg.
Die beiden Mädchen sitzen bereits am Esstisch und wirken verschämt angesichts meiner befremdlichen Gegenwart. Ihre Mutter schneidet zwei Äpfel in schmale Schnitze und mischt Sirup ins Leitungswasser. Die ältere Schwester bricht das Schweigen, indem sie mich fragt, ob ich ihr etwas mitgebracht hätte. Schließlich sei ich doch sehr lange im Urlaub gewesen. Ich tue überrascht und antworte, dass ich die Geschenke ich Kofferraum meines Autos vergessen hätte. Tatsächlich habe ich kein einziges Mal während meines sechsmonatigen Aufenthalts in Moskau an meine Nichten gedacht, erstrecht nicht an irgendwelche Mitbringsel. Trotzdem gehe ich zu meinem Auto, um das Theaterstück zu Ende zu spielen.
Mit traurigem Gesichtsausdruck erkläre ich schließlich, dass ich die Geschenke zu Hause liegengelassen hätte.
„Sie war schon immer schusselig“, kommt mir meine Schwester zu Hilfe.
„Aber ich besuche euch nun öfter“, sage ich. „Nächstes Mal bringe ich euch die Geschenke mit. Ihr könnt übrigens jederzeit nach Hamburg kommen. Wenn alles gut geht, kann ich am Ersten meine neue Wohnung beziehen. Ich habe sogar ein Kino um die Ecke!“
Die Mädchen lächeln und nicken. Zum ersten Mal wirken sie befriedigt. Als sie Kuchen und Obst verspeist haben, schaltet meine Schwester ihnen den Fernseher an und sucht ihre Lieblingsserie auf Netflix heraus. Danach zieht sie sich Halbschuhe und eine Regenjacke an und wartet vor der Eingangstür auf mich. Als ich in den Vorgarten trete, hat sie sich bereits eine Zigarette angezündet. Mir bietet sie keine an. Sie weiß nicht, dass ich in Moskau wieder mit dem Rauchen angefangen habe. Ich schwanke zwischen der Schmach eines Eingeständnisses und dem Verlangen nach beißendem Rauch in den Lungen.

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