Eine Schreibübung

Im Gegensatz zu seiner Tochter war Herr R. nicht sonderlich gesprächig am Morgen. Er versteckte sich hinter seiner Kaffeetasse und starrte müde ins Leere, während sie über eine Verschiebung der wöchentlichen Arbeitszeit von fünf auf zwei Tage nachsann, was den Schulbesuch natürlich miteinschloss. Mehr als zwei Tage zur Schule zu gehen, hielt sie für nicht mehr zeitgemäß, um nicht zu sagen unerträglich. Besser noch wäre ein einziger Tag, doch sie wusste, dass es vermessen war, gleich nach den Sternen zu greifen. Zwei Tage also, und um Entgegenkommen zu signalisieren, sogar zwei lange Tage: fünf Unterrichtsstunden, vielleicht auch sechs. Und während sie ihre Cornflakes in sich hineinschaufelte, phantasierte sie ihre Traumwelt herbei, die Herr R. ab und zu mit einem bestätigenden Nicken absegnete, um zu suggerieren, dass er zuhörte.

-Kannst du schielen, Papa?

Herr R. nahm einen letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse und sah seine Tochter nachdenklich an. Ihre Worte drangen nur langsam zu ihm durch.

Kannst du schielen oder nicht? Langsam wurde sie ungeduldig.

Herr R. räusperte sich. Natürlich kann ich schielen, aber ich tu’s nicht.

Ich kann nicht schielen, sagte seine Tochter bedauernd. Hab’s schon probiert, aber ich krieg’s nicht hin. Rita aus meiner Klasse kann total gut schielen. Ich frage mich, wie sie das macht.

Das geht doch ganz einfach! Und Herr R. schielte seine Tochter so überzeugend an, dass ihr beim Lachen ein paar aufgeweichte Cornflakes aus dem Mund fielen. Dann probierte sie selbst, zu schielen, aber sie verdrehte nur wenig überzeugend die Augen.

Sei froh, dass du nicht schielst, meinte Herr R. Die anderen Kinder würden sich über dich lustig machen.

Das wäre doch witzig. Jeder, der mich sieht, müsste lachen!

-Probier’s lieber nicht aus, riet Herr R. seiner Tochter, sonst bleiben deine Augen so stehen und du musst für immer schielen. Das wäre gar nicht witzig.

Seine Tochter kicherte und sah ihn zweifelnd an: Aber deine Augen sind doch auch nicht so stehengeblieben, nachdem du geschielt hast.

Ich hatte eben Glück.

Herr R. stand auf. Er räumte seine Tasse und die Müslischale seiner Tochter in die Spülmaschine. Dann brachte er seine Tochter zur Schule, denn sie lag auf dem Weg zu seinem Büro. Schon zu Hause hatte er Lust bekommen, seine Kollegen heute schielend zu irritieren, ja, einfach den ganzen Tag lang zu schielen. Im Auto schließlich reifte die Idee zum Entschluss. Sein Bauch kribbelte vor Nervosität. Wie würden seine Kollegen wohl reagieren? Herr R. malte sich ihre verlegenen Gesichter aus und lachte schallend.

Schielend begrüßte er die beiden Damen am Empfang, die ihn freundlich zurückgrüßten. Im Meeting ergriff er wie üblich das Wort und schielte in die Runde. Viele seiner Kollegen senkten daraufhin den Blick, musterten scheinbar interessiert ihre Unterlagen. Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, nickten alle zustimmend. Niemand stellte Fragen oder wollte etwas ergänzen. Zufrieden begab sich Herr R. an seinen Schreibtisch und schaltete den Computer an, doch weil er seine Augen immer noch verdrehte, konnte er so gut wie nichts auf dem Bildschirm erkennen. Im Gegenteil, sein Bild auf die Welt verschwamm immer mehr. Zudem pochte plötzlich ein Schmerz erbarmungslos hinter seinen Augen und strahlte von dort bis in die Stirn. Statt die täglichen eMails zu beantworten, begab sich Herr R. also in die kleine Büroküche und durchsuchte die Schubladen nach Schmerztabletten. Erfolglos. Er sah keinen anderen Ausweg, als seiner Kollegin Karolina an deren Schreibtisch einen Besuch abzustatten, um sie nach einer Tablette fragen. Schielend beugte er sich zu ihr herunter und formulierte seine Frage. Kaum hatte er den Mund aufgemacht, wühlte sie schon in ihrer Handtasche und reichte ihm eine ganze Packung Ibuprofen, ohne ihn dabei auch nur einmal anzusehen. Herr R. wollte sich eine Tablette herausdrücken, doch Karolina schob ihn ungeduldig beiseite: Nimm sie ruhig alle!, sagte sie und wandte sich dabei schon wieder ihrem Bildschirm zu.

Herr R. ließ sich schielend in seinen Bürosessel sinken und wartete darauf, dass Roland oder Miro zu ihm kommen und ihn fragen würden, weshalb er ihre Skype-Nachrichten nicht beantwortete, aber die beiden Kollegen ließen sich nicht blicken. Dann und wann führte Herr R. ein Telefonat, aber im Grunde langweilte er sich tödlich und sehnte die Mittagspause herbei.
Zusammen mit Karolina, Roland und seinem Vorgesetzten steuerte Herr R. um zwölf endlich die Kantine an. Er entschied sich für eine Nudelsuppe.
Nanu? Fragend reichte ihm die Küchenhilfe den tiefen Teller über die Theke, doch Herr R. vermochte nicht recht zu sagen, ob die Bemerkung seinen schielenden Augen galt oder der Wahl seiner Mahlzeit (er aß ansonsten stets Fleischgerichte).
Am Tisch durchbrach schließlich Karolina das Schweigen der Essenden, indem sie – begleitet von ihrem entzückenden russischen Akzent – von den Gewohnheiten ihrer beiden Katzen Max und Moritz erzählte. Damit die Kollegen sich bildlich vorstellen konnten, wovon sie sprach, zeigte sie ein paar Handy-Fotos in die Runde, die mit einvernehmlichen Sympathiebekundungen quittiert wurden. Das Handy-Display vor der Nase scrollte sie selbst noch einmal durch ihre Bilder, jedoch nicht, um ein paar hübsche Schnappschüsse für ihre Kollegen herauszusuchen, sondern weil sie gerne in Erinnerungen schwelgte. Herr R. hatte weder ihre Katzenbilder betrachten noch das stille Lächeln bemerken können, das sich nun auf Karolinas Gesicht zeigte. Die alleinstehende Frau tat ihm schon lange leid.

Danach hörte er nur noch das regelmäßige Kratzen des Bestecks auf den Keramiktellern, das das Ende der Mittagspause einläutete. Die letzten Happen wurden in den Mund befördert, Teller übereinandergestapelt. Als die Kollegen sich zum Aufbruch bereitmachten, war Herrn R., als habe sein Vorgesetzter den Kopf leicht zu ihm gebeugt, möglicherweise um ihm etwas zu sagen. Erwartungsvoll blickte er ihn an, so gut es schielend eben ging, aber sein vermeintlicher Gesprächspartner schob schnell seinen Stuhl zurück und stand auf. Herr R. lief ihm nach bis zum Büro, doch dort verschwand sein Chef auf der Toilette. Unschlüssig verharrte er einen Moment im Flur, bis er der Überwachungskamera gewahr wurde. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich schweigend an seinen Arbeitsplatz zu setzen und auf das Klingeln des Telefons zu warten. Kurz überlegte er, das Schielen aufzugeben. Bis auf Kopfschmerzen hatte es ihm nichts gebracht. Er strich sich über die Stirn und rieb sich die Augenlider, als er ein Räuspern vernahm.

-Alles in Ordnung bei dir?, fragte sein Vorgesetzter, der sich vorsichtig R.‘s Schreibtisch näherte.

-Tja, leichte Kopfschmerzen. Herr R. lächelte entschuldigend – und schielte.

-Du siehst heute irgendwie… ein bisschen… nun, etwas blass aus.

-Wirklich? Herr R. schaute überrascht auf und vergaß dabei fast das Schielen. Schnell fasste er sich wieder: Nun, müde fühle ich mich auch ein wenig. Wenn ich nur wüsste, was mit mir los ist.

-Da ist wohl was im Anmarsch. Nimm doch den Rest des Tages frei und erhole dich!, schlug sein Chef vor. Und noch ehe Herr R. antworten konnte, hatte sich sein Vorgesetzter schon umgedreht und lief schnell den Gang herunter.

Noch einmal rieb sich Herr R. die Augenlider, gab das Schielen auf und fuhr seinen Computer herunter. Ein warmes Gefühl der Freude breitete sich in seinem Bauch aus, fast musste er Lachen. Er hielt es für später zurück, wenn er draußen war und zum Parkplatz lief.