Kurzgeschichte

Als mein Mann noch ein Kind war, kauften seine Eltern billig ein Grundstück mitten im Nirgendwo. Dort gab es nicht einmal Straßen. Die gibt es bis heute nicht. Lediglich von Schlaglöchern übersäte Feldwege, die durch eine seltsam verwilderte Gegend führen. Ich vermute, dass sie vor vielen Jahrzehnten von Wäldern dominiert war, bis die Bäume gefällt wurden, um Äckern zu weichen. Dann mussten die Wälder landwirtschaftlichen Flächen weichen. Vielleicht wurden Kartoffeln angebaut, vielleicht auch Weizen. Oder Kühe grasten auf saftigen Weiden. Wer weiß? Nun liegen die Felder schon lange brach, so lange, dass wieder Bäume darauf gewachsen sind. Mittelhohe Kiefern mit ausladenden Kronen. Ich bin kultiviertes Land gewohnt. Deshalb empfinde ich den Anblick dieser verstreuten Kiefern immer als ein wenig unzureichend. Ich erwarte ein paar Kirschbäume, die den Feldweg zum Haus säumen oder wenigstens Forsythienbüsche, ein paar Blumen hier und da. Doch außer den Kiefern und ein paar Gräser wächst nichts im Sand.

Hier hat mein Schwiegervater ein Haus gebaut und ich weiß bis heute nicht, was ich von dieser Entscheidung halten soll. Seine Frau wollte raus aus Berlin. Der Lärm hatte sie müde gemacht. Und diese Gegend war das ganze ersehnte Gegenteil davon. Sie sollte der Erholung dienen und zu Beginn wird sie diesen Zweck wohl erfüllt haben.

Meine Schwiegereltern waren jedoch nicht die einzigen, die die Abgeschiedenheit suchten. Innerhalb kürzester Zeit bauten dort gleich mehrere Familien Häuser. Das Grundstück neben dem meiner Schwiegereltern blieb lange frei, bis ein Ehepaar es kaufte und einen Trailer darauf abstellte. Dort feiern sie bis heute jeden Sommer wochenlang Partys, zusammen mit einem befreundeten Paar. Sie tanzen zu Schlagermusik und betrinken sich bis zur Besinnungslosigkeit. Dann quieken sie vor Vergnügen, grölen und lallen. Mich würde das stören, aber meine Schwiegereltern sagen, sie hören das gar nicht.

Doch ich wollte über das Haus sprechen, das mein Schwiegervater eigenhändig gebaut hat. Als ich es das erste Mal sah, war ich angetan: ein typisches Haus eben, quadratisch mit einem Spitzdach und einem riesigen Balkon auf der Garage. Es ist sehr geräumig, hat sechs Zimmer, Kammern und Bäder nicht miteingerechnet. Mein Schwiegervater hat sich am Entwurf beteiligt und dafür gesorgt, dass die Räume sehr hoch werden, ganze drei Meter nämlich. Sonst könne er nicht atmen, hat er mir anvertraut. Er brauche Luft, viel Luft. Niedrige Decken seien so klaustrophobisch, meinte er. In Wirklichkeit wollte er, dass sein Haus der Berliner Altbauwohnung in nichts nachsteht, und die hatte eben sehr hohe Decken. Vier Meter mindestens, aber das wollte ich ihm nicht unter die Nase reiben. Also nickte ich verständnisvoll.

Alles ist sehr offen in seinem Haus. Dort, wo Türen sein könnten, sind nur Aussparungen. Man kann fast überall hingehen, ohne sich die Mühe zu machen, eine Türklinke drücken zu müssen. Dadurch ist das Haus allerdings hellhörig. Man hört alles und jeden, überall. Den Fernseher, selbst wenn er auf einer anderen Etage steht, die Waschmaschine, den Wasserhahn, wenn sich jemand die Hände wäscht, Schritte auf der hölzernen Treppe zum Obergeschoss – auch sie ein Eigenkonstrukt meines Schwiegervaters: Weil er an Stufen gespart hat, sind die übrigen viel zu weit voneinander entfernt. Man kommt sich vor wie auf einer Rolltreppe, die stillsteht. Trotzdem mochte ich dieses Haus trotzdem lange Zeit. Es wirkte tatsächlich befreiend auf mich, wenn wir herausfuhren, um unseren Sommerurlaub im Nirgendwo zu verbringen. Mein Mann und ich bewohnten damals selbst nur eine winzige Wohnung in Berlin, umringt von mehrstöckigen Mietshäusern. Schaute ich aus dem Fenster, blieb mein Blick stets an einem riesigen Parkplatz hängen.

Gestern Nacht konnte mein Schwiegervater nicht schlafen und entschloss sich, den Kamin zu reinigen. Er warf seinen Staubsauger an und saugte die Asche weg. Ich schlief im Gästebett und schreckte hoch, weil ich dachte, der Staubsauger stünde direkt neben mir. Dabei hätte er kaum weiter entfernt sein können. Das Geräusch war trotzdem ohrenbetäubend und plötzlich störte ich mich diese Hellhörigkeit und all die anderen Mängel dieses Hauses, die ich vorher zwar gesehen, aber immer mit Leichtigkeit toleriert hatte.

Egal, welchen Raum ich betrete, ich halte es kaum aus. Mein Schwiegervater hat keine Heizung verbaut. Vielleicht dachte er, dass der Kamin schon reichen würde. Dass man sich ja immer unten aufhalten könnte, wenn es kalt würde. Er legt immer wieder Holz nach, so dass das Feuer nie erlischt. Im Wohnzimmer ersticke ich fast vor Hitze, doch wenn ich die Terrassentür öffne, wird sie von meinem Schwiegervater sofort wieder zugestoßen, damit die Wärme nicht entweicht. Er schwitzt, so wie wir alle, doch im Gegensatz zu uns schwitzt er gern. Gehe ich in unser Gästezimmer, friere ich wieder. Zumeist decke ich mich dann zu und schlafe früh ein, während die Männer am Kamin leicht bekleidet Gesellschaftsspiele spielen. Sie sitzen am Esstisch, daneben ein Baustrahler, den mein Schwiegervater aus der Garage geholt hat, damit er die Spielsteine und Farben besser erkennen kann. Vielleicht auch, um seine Mitspieler zu blenden.

An der Wand neben dem Esstisch hängen drei gerahmte Fotos, die wiederum drei sehr unterschiedliche Männer zeigen. Meine Schwiegermutter hat die Bilder dort prominent platziert, damit die drei Toten bei Familienfesten und Gesellschaftsspieleabenden stets dabeisein können. Meine Schwiegermutter macht es gerne allen recht, selbst denen, die nicht mehr leben.

Ganz oben hängt der früh verstorbene Vater meines Schwiegervaters. Ein kleines Schwarzweißfoto, das einen Mann mittleren Alters im Profil zeigt. Darunter Schwiegermutters Vater, der trotz Alkoholabhängigkeit bis zum 85. Lebensjahr durchgehalten hat. Das dritte Bild ist das größte und als einziges farbig: Es zeigt den Schwager meiner Schwiegermutter. Ein zurückhaltender Mann, selbst in Gemeinschaft seiner Leute einsam. Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen, zu Weihnachten und Ostern, wenn die ganze Familie zusammenkam. Weil meine Schwiegereltern damals die einzigen waren, die ein Haus besaßen, feierten wir immer bei ihnen. Und obwohl wir stets mehrere Tage dort zusammenhockten, kam ich nie ins Gespräch mit ihm. Wir ignorierten uns gegenseitig, so gut es ging.

Aus ihrer Verachtung ihrem Schwager gegenüber machte meine Schwiegermutter kein Geheimnis. Selbst ihre Schwester, schien ihn nicht recht zu mögen, obwohl sie doch mit ihm verheiratet war. Seine beiden Töchter gingen ihm aus dem Weg, wechselten kein Wort mit ihrem alten Herrn. Er saß oft allein im Garten und rauchte. Hin und wieder fotografierte er mit einer großen Spiegelreflexkamera, aber seine Fotos bekamen wir nie zu Gesicht. Mir sagte Schwiegermutter, dass es an seiner Fettleibigkeit liege. Er sei so fett, dass man ihn einfach nicht lieben könne. Sein aufgedunsenes Gesicht, die dicken Hände und wulstigen Lippen, das alles widerte sie an. Zudem sei er immer so streng gewesen zu den Kindern, als sie noch klein waren. Streng bis zur Ungerechtigkeit.

Diese ganze Familie – der dicke Schwager, die Schwester meiner Schwiegermutter und ihre beiden Töchter – waren mir von Anfang an unsympathisch, ohne dass ich genau sagen konnte, weshalb. Freundlich waren sie alle. Nicht immer trafen sie den richtigen Ton, doch sie zeigten sich sehr bemüht.

Vielleicht störte mich ja ihre Art, sich zu kleiden? Der Schwager selbst war zu dick, um mittels Kleidung noch irgendetwas zu repräsentieren. Seine Fettleibigkeit fiel ohnehin jedem ins Auge und konnte durch nichts kaschiert werden. Doch seine Frau – nun, wie soll ich sie beschreiben? – sie holte alles aus sich heraus, stöckelte in High Heels umher, trug teure Mäntel, ging jeden Monat zum Friseur, um sich die Haare blondieren zu lassen. Ich weiß nicht, was sie darstellen wollte: Die Frau von Welt? Sie arbeitete als Erzieherin in einem Kinderheim, und ich fragte mich, ob sie dort ein anderer Mensch war als im Haus meiner Schwiegereltern. Und dann ihre bildhübschen Töchter, ebenso sehr aufs Äußere bedacht wie ihre Mama. Ich sah sie nie ungeschminkt. An einem Wochenende präsentierten sie zehn verschiedene Outfits, eines eleganter als das anderen. Sie waren das ganze Gegenteil vom fetten Schwager, die pure Lebenslust, Gesundheit, Herrlichkeit. Mein Mann musste ihnen immer Gras mitbringen. Davon rauchten sie an einem Abend mehr als wir in einem ganzen Monat. Schnaps und Zigaretten besorgten sie sich selber. Offiziell waren sie natürlich clean. Zwei Engel, völlig unverdorben.

Diese Menschen waren bitterarm, lebten zu viert in einer Einzimmerwohnung mit Kakerlaken im Waschbecken. Eine Wohnung, deren Miete meine Schwiegermutter Monat für Monat überwies, weil das Gehalt ihrer Schwester selbst dafür nicht ausreichte. Ich war froh, wenn diese Feste vorüber waren und ich mir nicht mehr den Kopf über diese merkwürdige Familie zerbrechen musste.

Irgendwann rutschte es meiner Schwiegermutter heraus, so eine Andeutung. Sie hat die Angewohnheit, jedes noch so intime Geheimnis auszuplaudern. Ein Grund, weshalb ich nie persönliche Gespräche mit ihr führe. Ihr Schwager, er habe sich wohl an den Mädchen vergangen. An beiden? Sie wechselte schnell das Thema, doch kam ebenso schnell wieder darauf zurück. Auch wenn sie lieber an etwas Erfreulicheres gedacht hätte, kreisten ihre Gedanken doch zu oft um ihn, den Verhassten.

Einmal wollte der Schwager meiner Schwiegermutter aus seinem Auto aussteigen, als er sich beim Auftreten den Fuß brach. Hilflos hing er zwischen seinem Auto und dem Bürgersteig und wartete auf seine Frau, denn allein konnte er sich nicht hochstemmen. Er war einfach zu schwer. Er konnte auch nicht mehr im Liegen schlafen, weil sein Herz sonst aufgehört hätte zu schlagen. Er schlief die letzten Jahre also im Sessel. Da waren seine Töchter längst ausgezogen. Im Sessel ist er auch gestorben. Er war zu fett für einen bezahlbaren Sarg, also wurde er eingeäschert. Doch selbst fürs Krematorium war sein Leichnam beinahe zu groß. Es gab Vorgaben. Die Familie bangte. Nachdem ein paar Bestechungsgelder geflossen waren, ging es doch. Mein Mann und ich rätselten, wie das ist, wenn so viel Fett verbrennt. Steigt dann besonders viel Rauch auf, um sich danach auf Felder und Wälder, Häuser und Straßen niederzulegen? Und dann: Atmen wir den Toten ein?

Auf dem Bild überm Esstisch lächelt er auf die drei spielenden Männer herab, sehr wohlwollend, nett und freundlich wie alle in der Familie meines Gatten. Zu seiner Beerdigung sind mehr Leute erschienen als ich angenommen hatte. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Meine Schwiegermutter und ihre Schwester lagen sich in den Armen und weinten und klagten. Ich erinnere mich an den Anruf meiner Schwiegermutter, als sie uns mitteilte, dass er gestorben war. Auch da weinte sie und sprach mit tränenerstickter Stimme. Fast ein Flüstern. Nur die beiden Töchter wirkten sehr gefasst, nachdenklich, und ja, beinahe authentisch.

Wenn ich meinen Schwiegervater frage, warum das Bild seines Schwagers in seinem Haus an der Wand hängt, dann zuckt er nur mit den Schultern. Ich glaube, er selbst hat sich diese Frage nie gestellt.

MM