Kurzgeschichte

Mich überkommt manchmal Angst, wenn ich aus dem Fenster schaue auf die Grundstücke meiner Nachbarn. Mein Herz schlägt schneller, fast bis zum Hals spüre ich sein Pochen. Mir wird leicht übel. Ich weiß, dass ich eigentlich nichts zu befürchten habe. Dort leben keine Monster, keine Serienmörder, keine Psychopathen. Und trotzdem habe ich Angst vor ihnen. Die Angst ist so groß, dass ich mir angewöhnt habe, meine Rollos auch tagsüber unten zu lassen, damit ich sie nicht sehen muss, diese Nachbarn.

Gegenüber wohnt eine alleinerziehende Mutter. Ich glaube, sie hasste mich von Anfang an. Weshalb, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich einen Mann habe und mein Leben recht unkompliziert verläuft, verglichen mit ihrem jedenfalls. Alles ist okay bei uns, die Probleme halten sich in Grenzen.
Letzten Sommer waren wir in Griechenland. Als wir zurückkamen, waren einige unserer Pflanzen tot. Die alleinerziehende Mutter hatte sie mit einem Pflanzengift besprüht. Da war nichts mehr zu machen. Seitdem weiß ich, sie hasst mich so sehr, dass sie mir gern wehtut. Ja, ich glaube, wenn sie die Möglichkeit hätte, mich umzubringen und damit ungeschoren davonkäme, würde sie diese Chance ergreifen. Es stresst unheimlich, gehasst zu werden. Letzte Woche habe ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten, obwohl das Wetter wunderschön war. Ich hätte im Pool schwimmen oder gärtnern können. Stattdessen bin ich zum Friedhof gelaufen und habe mich dort auf eine Bank gesetzt und nachgedacht. Ich saß dort fast zwei Stunden und bin nur gegangen, weil die Holzbank so unbequem wurde, dass ich Rückenschmerzen bekam. Ansonsten war es herrlich dort, so still. Ich hörte die Vögel zwitschern, sonst nichts. Nichts!

Die anderen Nachbarn sind eigentlich harmlos. Vermutlich bin ich ihnen vollkommen gleichgültig. Das einzige, was ihnen am Herzen liegt, ist ihr Rasen. Den pflegen sie täglich, indem sie darauf herumrobben und den unerwünschten Klee herausziehen. Sie gehen mir nicht nur deshalb auf die Nerven. Er hat eine wahnsinnig laute Stimme, die selbst bei geschlossenen Fenstern und Rollos noch an mein Ohr dringt. Und er hört gern Techno. An und für sich ist auch das nichts, worüber man sich den Kopf zerbrechen müsste. Ich bekomme trotzdem Tinnitus, so sehr widert mich dieser Kerl an. Genau wie bei der alleinerziehenden Mutter überkommt mich Übelkeit, wenn ich ihn nur sehe. Es ist in etwa so, als würde ich an der Schlafzimmerwand plötzlich eine riesige schwarze Spinne entdecken. Ich würde erschrecken, mich dann ekeln und zuletzt ängstigen. Dennoch wäre ich unfähig, das Tier zu entfernen, meine Angst ließe das nicht zu.

Ich wünschte, ich könnte einfach wegziehen. Im Grunde weiß ich aber, dass ich mich nirgends richtig wohlfühlen würde. Der Wohnort ist zu meiner Achillesferse geworden. Egal, wo ich lebe, nach ein paar Jahren überkommen mich Wut und Angst und Ekel und stressen mich so sehr, dass ich fliehen muss. Man braucht sich nicht fragen, wie es weitergehen soll. Es geht ja ohnehin immer weiter. Ich frage mich jedoch, wie ich den weiteren Verlauf der Dinge überstehen soll. Ich stoße täglich an meine Grenzen.

Ich habe noch eine andere Nachbarin, eine ältere Frau, eine Witwe. Sie erzählt mir manchmal von ihren beiden Kindern, die weggezogen sind. Seitdem sie woanders wohnen – und das ist nun schon viele Jahre her -, haben sie ihre Mutter nicht ein einziges Mal besucht. Anfangs konnte ich dieses Verhalten überhaupt nicht verstehen und empfand tiefes Mitleid mit der alten Dame. Mittlerweile kann ich es jedoch nachvollziehen. Wenn ich die Möglichkeit bekäme, von hier fortzugehen, würde ich auch nicht mehr zurückkommen.

Einmal im Monat bekommen wir eine kostenlose Lokalzeitung zugestellt, so eine Art Amtsblatt. Darin stehen tabellarisch geordnet die Einwohnerzahlen der verschiedenen Ortschaften, die allesamt zu einer – unserer – Gemeinde zählen. Das einzige, was mich darin interessiert, ist die Anzahl der Wegzüge. Dort steht nie eine Null. Meistens lese ich eine Zahl zwischen eins und zehn. Und dann fange ich an, mir vorzustellen, wohin diese Leute gezogen sein könnten und warum. Vielleicht mochten sie unseren Ort genauso wenig wie ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wegmussten.

Aber es gibt keinen besseren Ort. Nicht für mich jedenfalls. Es sei denn, dieser Ort ist ein Kloster, denn ich liebe die Stille. Aber das Christentum würde mir früher oder später auf die Nerven gehen. Dann würden Angst und Wut wieder die Oberhand gewinnen. Letztlich würde mich auch das stressen. Der Stress ist in mir. Ich weiß es und kann doch nichts dagegen tun. Ein Umzug meiner psychischen Störung wäre wahrscheinlich hilfreich. Ab ins Nirvana mit dir! Dann hätte ich Platz für inneren Frieden.

Mir geht es wirklich gut. Ich lebe das bestmögliche Leben, denn ich bin gesund und meine Kinder sind gesund, mein Mann liebt mich. Wir denken über den Erwerb eines Kätzchens nach. Im Sommer soll mir mein Sohn außerdem einen Stall bauen für ein paar Wachteln. Ich mag diese kleinen eierlegenden Vögel. Mein Mann hätte gern einen Hund, und ich denke, dass auch dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird, nächstes Jahr vielleicht. Unser Garten ist grün, unser Haus solide gebaut. Wir können uns über nichts beschweren. Es ist, als würden wir in einer rosa Glitzerwolke der reinen Glückseligkeit schweben und ich weiß, dass ich rückblickend mit einem Lächeln an diese Zeit denken werde als die vermutlich schönste meines Lebens.

Komisch, dass ich sie im Moment nicht genießen kann. Immerhin habe ich Strategien entwickelt, meiner Angst zu entfliehen. So habe ich im Internet Beruhigungsmittel bestellt und die Terrasse in den Vorgarten verlegt. Zwar sitze ich dort im Schatten und blicke auf die Straße, meine Nachbarn jedoch muss ich nicht mehr sehen. Ich habe sie ausgeblendet. Und dann ist da ja noch der Friedhof, für Notfälle.

Gestern Abend saß ich zum ersten Mal in meiner neuen Sitzecke und freute mich über diesen geschützten Bereich, als mich irgendwas ins Bein biss, gleich oberhalb des Knöchels. Ich bemerkte den Schmerz sofort, ignorierte ihn jedoch zunächst, weil ich Wichtigeres zu tun hatte: Ich war mit der Planung der Einschulungsfeier beschäftigt. Als das Brennen nicht nachließ, warf ich doch mal einen Blick auf die Wunde. Sie sah aus wie ein winziger Vampirbiss. Ein wenig Blut quoll aus zwei kleinen Punkten. Nachdem ich ein Pflaster draufgeklebt hatte, vergaß ich das Ganze. Erst jetzt ist sie mir die Wunde wieder eingefallen. Ich habe das Pflaster abgenommen, die Wunde wirkt unspektakulär. Aber sie beschäftigt mich trotzdem. Ich frage mich, wer sie mir zugefügt hat. Eine Spinne vielleicht? In unserem Garten krabbeln recht große Exemplare davon herum. Oder eine Biene, die ich unabsichtlich in Bedrängnis gebracht habe? Vielleicht hat „es“ ein Gift abgesondert, das mich nun langsam tötet? Ich frage mich, ob das so bedauerlich wäre. Für mich, meine ich. Besser wird’s schließlich nicht, wenn man schon das beste Leben lebt.

MM


Titelbild: von Ghost Presenter from Pexels

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