Mehr oder minder durch Zufall sind wir am Samstag durch Borkwalde spaziert und haben dabei festgestellt, dass dieses Nest eine verblüffende Ähnlichkeit zu unserem Wohnort aufweist. Oder besser gesagt, das, was Fichtenwalde in den 90ern war, entsteht gerade in Borkwalde: Ein riesiges Neubaugebiet mit den unterschiedlichsten Häusern auf winzigen Grundstücken, labyrinthisch verbunden durch schmale, asphaltierte Straßen. Drumherum Kiefernwald oder je nach Blickwinkel -plantage. Zwischen Wald und Neubaugebiet befindet sich – ebenfalls wie bei uns – der kleine Streifen ursprünglicher Bebauung: DDR-Ferienbungalows wechseln sich mit selbstgebauten Häusern ab. In letzteren wohnen Menschen, die ganz bewusst einen Ort fernab der Zivilisation bezogen haben und nun wahrscheinlich im Strahl kotzen, dass ihr Refugium von jungen Familien heimgesucht wird. Schäferhunde keuchen und fletschen bedrohlich die Zähne hinter meterhohen Thujahecken. Man wird sofort depressiv bei diesem Anblick. 

Im Heimatort trifft man immerhin noch ein paar Leute, die mit ihren Hunden Gassi gehen. Dort befanden sich die Einwohner alle auf ihren noch unfertigen Grundstücken und werkelten herum. Rauch stieg aus Feuertonnen auf. Ein Grüppchen entkorkte gerade eine Flasche Sekt, um den Kaufabschluss zu feiern. Ihr Land war soeben vermessen worden, neonfarben leuchteten die kleinen Absteckhölzer aus der schwarzbraunen Erde. Ein junges Paar befand sich ganz in der Nähe, ebenfalls auf einem gänzlich unbebauten Flecken und schippte Erde. Die Frau sah mir lächelnd ins Gesicht und grüßte freundlich. Sie wirkte so frohen Mutes, ja voller Tatkraft ihrem beginnenden neuen Lebensabschnitt entgegenblickend, dass ich nicht umhin konnte, sie aus tiefstem Herzen zu bedauern. Vielleicht bemitleidete ich mich auch selbst, die ich mich in ihr wiedererkannte. Ich hoffte inständig, dass sie nicht aus Berlin kam, sondern aus der unmittelbaren Umgebung. Denn nur wer hier groß wird, liebt diese seelenlosen Gemeinden, über alle Zweifel erhaben. Ortschaften, die weder Stadt noch Dorf sind, sondern seltsame Konglomerate aus Einfamilienhäusern, ein jedes eine eigene Welt ohne Bezug zur jeweils angrenzenden, vereint lediglich im Konkurrenzkampf.

Wenn du Grenzen suchst, findest du sie hier. Grundstücksgrenzen, Soziale Grenzen, begrenzte Möglichkeiten. Früher oder später gerät jeder an seine Grenzen. Die Liebe verblüht im Land der Gewohnheit und die Kinder studieren… anderswo. Du bleibst, weil der Kredit noch nicht abbezahlt ist. Ohnehin kannst du es dir nicht mehr vorstellen, zu gehen, denn auch deiner Fantasie wurden längst Grenzen gesetzt, die so unüberwindbar sind wie die Thujahecken der Alteingesessenen.

Ich langweile mich zu Tode.