Als ich klein war, wohnten wir in einem für Ostdeutschland typischen Neubaugebiet. Sprich, ich wuchs in einer Platte auf. Das fand ich weder schlimm noch besonders, sondern ganz normal. Weil ich es für gegeben hielt, wünschte ich mir auch nie, irgendwo anders zu leben. Ich habe wirklich keine Ahnung, weshalb ich jetzt als Erwachsene so anspruchsvoll bin. Früher war ich da pragmatischer – ganz nach dem Motto: Was ich nicht ändern kann, berührt mich nicht.

 

Wie auch immer. Ich bin letztens seit vielen Jahren mal wieder durch das Neubaugebiet meiner Kindheit, den Zoberberg, geschlendert, einfach weil ich mir anschauen wollte, wie es sich verändert hat. Seit damals ist nämlich viel passiert: Straßenbahnschienen wurden verlegt, ein paar modernere Häuser gebaut, Altersheime sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Aber vor allem sind eine Menge Blocks abgerissen worden, weil niemand sie mehr braucht.

In meiner Kindheit erschien mir der Zoberberg riesig. Ich entdeckte fast täglich Neues. Vor allem war ich nie allein. Auf meinem Spaziergang hatte ich nach einer halben Stunde schon fast alles gesehen. Das einstige Labyrinth aus Plattenbauten hatte sich in einen flächigen Bereich verwandelt, auf dem Gras dominierte.

Lücken gelassen

Langweilig, aber immerhin grün.

Offenbar hatte man sich aus städtischer Sicht noch keinen Kopf darüber gemacht, was anstelle der rückgebauten Blocks kommen könnte. Also ließ man es brachliegen. Das alles machte zwar keinen trostlosen, aber doch einen ziemlich langweiligen Eindruck. Wo früher fast ununterbrochen Kinderlärm zu hören war, herrschte nun Stille und gähnende Leere. Nur sehr vereinzelt sah ich Menschen. Entweder Senioren oder jene, die man zum Bodensatz der Gesellschaft zählt.

Das Viertel, so wie ich es gekannt hatte, existiert gar nicht mehr. Ich bin kein sentimentaler Mensch. Daher ließ es mich kalt. So wie sich Menschen ändern, ändern sich eben auch Städte. Was eigentlich ein Grund zur Freude ist.

zoberberg

Links vom Weg war mal ein Parkplatz, rechts vom Weg eine Platte.

In Berlin Marzahn

Ganz anders war es vor einem viertel Jahr in Marzahn. Auch dort bin ich spazieren gegangen, allerdings nicht um in Kindheitserinnerungen zu schwelgen, sondern um Zeit totzuschlagen. Dort war von Rückbau nichts zu spüren. Im Gegenteil, der Stadtteil wirkte auf mich sehr lebendig. Keine einzige Wohnung schien leer.

Fotos habe ich nicht gemacht, das war mir zu heikel. Schließlich waren dort trotz später Stunde noch viele Leute unterwegs. Ich wäre mir wie ein Voyeur vorgekommen.

Was die gärtnerische Gestaltung vor und zwischen den Plattenbauten angeht, so sei euch versichert, dass sie sehr ordentlich aussah, ja fast schon spießig. Gepflegte Buchsbaumhecken erwarte ich irgendwie ausschließlich in Reihenhaussiedlungen. In Marzahn rührte mich ihr Anblick.

Es grüßt euch
eure MISS MINZE

Fußabdrücke im Beton – findest du wahrscheinlich in jedem Neubaugebiet.

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