Eines Tages – mittlerweile waren fast zwei Jahre in Z. um – erzählte mir Nele, dass es nun doch ein Mädchen in ihrer Gruppe gab, das sich nicht scheute, neben ihr Platz zu nehmen und sogar mit ihr zu sprechen. Dieses Mädchen hieß Jana, und wie sich später herausstellte, war Jana kurz zuvor von ihrer besten Freundin durch ein anderes Kind ersetzt worden. Weil Jana das Alleinsein nicht ertrug, wandte sie sich an Nele, die sie mit offenen Armen empfing. Ich glorifizierte die kleine Zweckgemeinschaft als Anbeginn einer wunderbaren Freundschaft, stellte mir sogar vor, beide Mädchen wären geistesverwandt. Vielleicht habe ich als Kind zu viele Disneyfilme geschaut. Egal. Ich war glücklich, für einen Moment sogar regelrecht euphorisch. Und der Druck hinter meiner Stirn ließ endlich nach.

Nele war keine Außenseiterin mehr. Sie gehörte dazu.
Ich war so erleichtert darüber, dass ich gleich die Mutter des Mädchens ausfindig machte, sie anrief und ihr vorschlug, etwas gemeinsam zu unternehmen. Auch sie, Cornelia, reagierte nett und unverbindlich, doch diesmal ließ ich nicht locker, bis wir uns auf einen konkreten Termin geeinigt hatten. Wir wollten erst einmal nur mit den Kindern zusammen auf den Spielplatz gehen, weiter nichts. Doch selbst diese kleine Aktivität bedurfte vorheriger Planung. Wir mussten einen Nachmittag finden, der noch frei war von Musik- und Reitunterricht, und an dem wir möglichst gleichzeitig in der Kita aufschlugen. Als es endlich soweit war, wartete ich trotzdem eine halbe Ewigkeit in der Garderobe des Kindergartens auf Cornelia. Mit Nele auf dem Schoß saß ich auf einer der kleinen Bänke und beobachtete die Eltern, die ein- und ausgingen. Nele quengelte, während ich mein Handy im Minutentakt checkte, ob ich auch ja keine Nachricht verpasst hatte.
Der Nachmittag neigte sich schon dem Ende entgegen, als Cornelia schließlich doch noch in den Kindergarten gehetzt kam. Sie grüßte nur kurz und kehrte mir dann den Rücken zu. Ihre Lust, jetzt auch noch zum Spielplatz zu gehen, hielt sich in Grenzen, aber die Mädchen rannten schon vor. Gegen den Enthusiasmus der Kinder konnte sie nichts ausrichten.

Wir Mütter liefen hinterher. Ich kannte Cornelia vom Sehen. Ein paar Elternversammlungen lagen schließlich schon hinter uns. Um ehrlich zu sein, ist mir der Schrecken durch alle Glieder gefahren, als mein Blick das erste Mal auf ihr merkwürdiges Gesicht gefallen war.
Ihre Haut war grau und hing in tiefen Furchen schlaff an ihren Mundwinkeln herab. Ich fragte mich, welch einen Horror diese Frau erlitten haben musste, um so viel älter auszusehen als die 45 Jahre, die sie auf dem Buckel hatte. Und dann diese riesigen Augen, die so tief in den Höhlen lagen, dass ich unwillkürlich an einen Totenschädel denken musste. In Romanen werden alternde Frauen oft mit den Worten umschrieben, dass sie vor zehn Jahren einmal schön gewesen sein mussten und diese Schönheit jetzt nur noch in Ansätzen sichtbar sei. Möglich, dass Cornelia tatsächlich mal ein hübsches Kind gewesen ist mit blonden Locken und blauen Kulleraugen. Nun jedoch strahlte sie eine morbide Faszination aus, die eine klassische Schönheit nie erreichen würde. Hatte man sie einmal erblickt, konnte man den Blick einfach nicht mehr von ihr abwenden.

Und sie war unterhaltsam. Nachdem Cornelia sich damit abgefunden hatte, einen Teil ihres Tages mit mir zu verbringen, wurde sie richtig gesprächig. Am liebsten erzählte sie von ihrer Arbeit. Dabei hatte sie die Angewohnheit, sich ganz dicht vor mir aufzubauen, als wolle sie mir ein Geheimnis anvertrauen. Letztlich erzählte sie jedoch nur von Computerkonfigurationen, Administratorrechten und Servermigrationen. Ich weiß nicht, ob sie ihre Arbeit wirklich so spannend fand oder ob sie die Stille nicht ertrug, die aufkam, wenn sie beim Erzählen innehielt. Jedenfalls redete sie ohne Unterlass. Sie redete, bis die Sonne hinter den Kiefern verschwand, und ich hörte ihr zu. Hin und wieder suchte ich mit den Augen den Spielplatz nach den Mädchen ab, die sich die meiste Zeit über hinter Büschen und Bäumen versteckt hielten. Mir war, als hörte ich sie lachen.
Als wir uns voneinander verabschiedet hatten und ich mit Nele allein nach Hause ging, war ich stolz auf mich. Ich hatte den Stein ins Rollen gebracht. Ich würde auch weiterhin dranbleiben, das versprach ich mir. Es hatte sich doch gelohnt.

Von da an holte ich Jana etwa zweimal wöchentlich vom Kindergarten ab und ging mit beiden Mädchen nach Hause. Und wenn Cornelia ihre Tochter abends wieder abolte, saßen wir noch ein Weilchen zusammen und redeten. Anfangs freuten sich Nele und Jana noch auf die gemeinsame Zeit. Sie bestanden darauf, mit ihren Fahrrädern zu fahren. Also holte ich sie mit dem Rad ab. Allerdings verwandelte sich der gesamte Heimweg dadurch in eine Rennstrecke und jedes Mal weinte eines der Mädchen, weil es die Niederlage nicht ertrug, ein paar Sekunden später an unserem Haus angekommen zu sein. Der Schmerz darüber versiegte nur langsam, was die Stimmung stets trübte.
Nach ein paar missglückten Aufmunterungsversuchen verzog ich mich meistens und überließ die Mädchen sich selbst in der Hoffnung, sie würden sich schon wieder beruhigen. Dann und wann belauschte ich sie jedoch, wenn sie ganz vertieft waren in ihr Spiel.
„Pass auf: Du bist die Mutter. Und ich bin das Fohlen.“
„Nö, ich will das Fohlen sein. Das Fohlen ist viel süßer.“
„Aber die Mutter darf bestimmen. Willst du nicht bestimmen?“
„Ich will nicht die Mutter sein.“
„Du bist aber die Mutter, sonst spiele ich nicht mehr mit dir!“
Stille.
„Hast du gehört? Ich spiele nicht mehr mit dir. Das ist mein Ernst! Ich gehe nach Hause, wenn du nicht die Mutter bist!“
Ich öffnete die Tür: „Alles in Ordnung bei euch?“
„Ja“, antwortete Jana sofort. Nele hingegen blickte zu Boden.
„Wirklich?“
„Ja. Wir spielen Ponys. Nele ist die Mutter und ich bin das Fohlen“, versicherte mir Jana. „Nicht war, Nele?“
Und Nele nickte, ohne aufzuschauen.

Wenn das Wetter es zuließ, hüpften die beiden Mädchen wiehernd und schnaubend durch den Garten. Manchmal durchkämmten sie sogar stundenlang ein nahegelegenes Wäldchen, um Äste zu suchen für ihren Pferdestall, den sie vorhatten zu bauen. Es war stets Jana, die bestimmte, welche Geschichte erzählt wurde und wer darin welche Rolle bekam. Es war stets Jana, die die Aufgaben verteilte und die darüber urteilte, ob die Aufgaben auch gut erledigt worden waren – und wenn nicht, Strafen ersann. Schneller als gedacht, gewöhnte sich Nele daran, herumkommandiert zu werden. Statt sich zu beschweren, fand sie sich damit ab, Janas kleine Spielsklavin zu sein. Ich spürte Wut in mir aufsteigen, eine Wut, die immer maßloser wurde. Doch wenn ich auf Nele einredete: „Du musst nicht alles tun, was Jana dir sagt!“, blieb sie stumm, ja hob nicht einmal den Blick. Und wenn ich sie dann ratlos verließ, sah ich so etwas wie Erleichterung auf ihrem Gesicht aufblitzen.
Einmal nur ging ich dazwischen. Nele hatte sich ein Bilderbuch aus dem Regal genommen und sich damit in einen Liegestuhl im Garten gesetzt. Sie fing gerade an, darin zu blättern, als Jana schnellen Schrittes auf sie zukam.
„Leg das Buch weg!“, befahl sie Nele. „Wir wollen jetzt Verstecken spielen.“
Unschlüssig drehte Nele ihr Buch in den Händen. Ich sah ihr an, dass sie sich viel lieber die Bilder angeguckt hätte, als mit Jana zu spielen, doch schlussendlich legte sie das Buch beiseite und stand auf.
Ich war dabei, die Wäsche aufzuhängen, ließ jedoch augenblicklich das nasse Laken fallen, das ich gerade mit Klammern an der Wäschespinne befestigen wollte, und rannte zu den beiden Mädchen.
„Du siehst doch, dass Nele beschäftigt ist“, fuhr ich Jana an. Mein Herz raste. „Sie will sich ein Buch anschauen. Warte doch einfach mal zehn Minuten ab, bis Nele fertig ist. Danach könnt ihr doch wieder gemeinsam spielen.“
Jana legte ihr Gesicht in Falten. Sie sah nun aus wie ein kleines Äffchen.
„Aber ich will Verstecken spielen“, jammerte sie. Und weiter an Nele gewandt: „Sonst gehe ich nach Hause. Das kannst du wissen, ich gehe nach Hause!“
„Dann geh doch“, antwortete ich für Nele. „Na los, geh schon!“
Und Jana rannte. Allerdings rannte sie lediglich hinter das Haus, wo sie unschlüssig verharrte. Vielleicht war sie zu blöd, den Weg nach Hause zu finden. Vielleicht hatte sie aber auch gar keine Lust zu gehen. Nachdem ich mich wieder meiner Wäsche zugewandt hatte, folgte ihr Nele, entschuldigte sich und spielte mit Jana Verstecken.
Ich beobachtete sie ein Weilchen. Dabei sah ich jedoch immer nur ein Bild vor meinem inneren Auge: Wie ich Jana am Schopf packte und sie so lange in den Pool tauchte, bis sie reglos darin trieb.
Es wurde Zeit, Abstand zu nehmen. Wenn ich von Cornelia gebeten wurde, Jana aus dem Kindergarten abzuholen, dachte ich mir Ausreden aus, die mich davon abhielten. Allerdings lud sie nun uns ein und das Spiel ging so weiter. Ich schaffte es einfach nicht, nein zu sagen. Vielleicht hatte ich auch keine Lust dazu.

Wenigstens sind sie an der frischen Luft, dachte ich resignierend, denn draußen spielten die beiden Mädchen wirklich oft. Wenn sie nicht durch Cornelias Garten pirschten, dann kletterten sie in das Baumhaus, das Janas Stiefvater hinterm Haus errichtet hatte. Ein riesiger Holzkasten mit echten Fenstern drin und einer kleinen Veranda davor. Dort oben hatte ich keinen Einfluss mehr auf ihr Treiben, konnte nicht einmal verstehen, was sie miteinander besprachen. Dazu war ich auch viel zu abgelenkt von Cornelia, die wieder einmal über eine ihrer Kolleginnen herzog, eine faule Dilettantin, soweit ich es nachvollziehen konnte. Sie sprach gern von den Verfehlungen der anderen. Wir tranken Kaffee und aßen Kuchen, den Nele und ich zuvor in der Bäckerei gekauft hatten. Cornelias Lebensgefährte, ein drahtiger Mann undefinierbaren Alters, kämpfte mit dem Sonnenschirm, dessen Schattenfall die beiden nie vollkommen zufriedenstellte.

Da saß ich also in ihrem gepflegten Garten in Z., und hob den Blick gen Himmel. Hinter den Zweigen der blühenden Apfelbäume schimmerte es deutlich hervor, das altbekannte Blau.
Ich hatte die Mauer erklommen, stand nun ganz oben, bereit, auf die andere Seite zu springen. Aber ich zögerte, denn ich konnte keine neue Welt entdecken. Dort drüben lag alles in einem verschwommenden Grau. Lediglich die Umrisse einer Kammer, nicht größer als ein Sarg, schienen leicht hervorzutreten.
„Möchtest du noch Kaffee?“, hörte ich Cornelia fragen. Im Nachbargarten wurde das Radio angestellt, irgendein belangloser Popsong erklang. Ich schüttelte den Kopf.
Offenbar hatte ich mich die ganze Zeit über geirrt. Es gab keine Welt, von der ich ausgeschlossen war. Es waren 2865 Welten und eine war uninteressanter als die andere

Ich meldete mich dann doch noch bei einem Sportverein an. Er befand sich im Nachbarort. Tatsächlich wollte ich nur in Bewegung bleiben. Ich hatte es aufgegeben, Gleichgesinnte zu finden. Einmal pro Woche traf ich mich mit ein paar Männern und Frauen und spielte Badminton in der Turnhalle der Grundschule. Die Direktorin ebenjener Grundschule spielte auch mit, wenngleich sie nicht regelmäßig zum Training kam. Manchmal gingen wir Frauen nach dem Training noch zum Italiener und so kam ich mit der Direktorin ins Gespräch. Als Neles Einschulung näherrückte, hatte ich ihre Zusage, dass meine Tochter nicht mit Jana in eine Klasse kommen würde – und auch mit sonst niemandem aus ihrer ehemaligen Kindergartengruppe.

Cornelia bedauerte das sehr und auch von den anderen netten Müttern erntete ich mitleidige Blicke, so als verlöre meine Tochter ein Privileg.
„Du kannst doch noch dein Veto einlegen“, rieten sie mir. „Dann tauscht ein anderes Kind mit Nele.“ Eines von den Neuen, diesen gesichtslosen Aliens.
Sie verstanden nicht, weshalb ich nichts unternahm, jetzt wo Nele doch endlich halbwegs integriert war in die kindliche Gemeinschaft von Z., und ich erzählte ihnen natürlich nicht, dass ich es war, die es in die Wege geleitet hatte.
Nele freute sich trotzdem auf die Einschulung, sehnte diesen Tag herbei, als gäbe es kein größeres Ereignis in ihrem Leben. Sie trauerte der alten Zeit nicht nach, auch nicht der alten Freundin.

Als sich die Erstklässler für ein Foto auf der Bühne aufreihen, steht Nele neben lauter fremden Jungen und Mädchen. Kinder, die sie nie zuvor gesehen hat, weil sie gerade erst nach Z. gezogen sind. Allein, orientierungslos und hoffnungsfroh stehen sie auf der Bühne und blinzeln scheu ins Scheinwerferlicht. Ihre Augen suchen die Reihen der Erwachsenen ab, die stolz zu ihnen aufschauen.
Eine Frau winkt ihrer Tochter zu, die nervös an ihrem Kleidchen zupft. Ihre Augen füllen sich mit Tränen: „Elisa! Elisa!“
„Ist das Ihre Tochter dort drüben?“, frage ich.
„Oh ja, das ist sie. Elisa.“ Sie wischt mit dem Handrücken über ihre Wange.
„Meine Tochter steht eine Reihe vor ihr. Die mit dem roten Rock. Sie heißt Nele.“
„Ach, wie schön“, antwortet sie lächelnd. Jetzt dreht sie sich leicht zu mir um und blickt mir in die Augen. „Wir haben so ein Glück, dass unser Haus gerade noch rechtzeitig fertiggeworden ist. Gestern sind wir umgezogen. Überall Kartons. Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht.“ Doch sie strahlt. „Sind Sie auch neu hier?“
„So gut wie“, antworte ich und reiche ihr die Hand. „Willkommen in Zombietown.“
Fragend sieht sie mich an.
„Ein Scherz“, füge ich hinzu und verziehe den Mund zu einem ironischen Lächeln.
Und sie lacht.