Kurzgeschichte

Warum er nicht einfach durch den Ort läuft und an den Häusern klingelt, wo seine Freunde wohnen? Die meisten hocken ohnehin zu Hause und warten, das jemand kommt, der sie erlöst.

Ich schüttle den Kopf, jedoch mehr über mich selbst als wegen der Kinder. Ich bin mir sicher, dass wir diese Diskussion schon einmal geführt haben. Wahrscheinlich habe ich sogar dieselben Worte benutzt. Und trotzdem kann ich nicht aufhören, mich zu wiederholen:

Heutzutage muss man alles selbst organisieren. Nicht mal die Kinder treffen sich einfach so mit anderen Kindern. Nein, man muss erst deren Eltern kontaktieren, um herauszufinden, wann die Kleinen überhaupt Zeit haben.

Also, ich bin früher einfach-

Ja, ich weiß, du bist losgelaufen und hast geklingelt. So haben wir das alle gemacht. Im Kindergartenalter schon. Wer spielen wollte, ist rausgegangen und hat auf dem Spielplatz nachgesehen, ob Freunde da waren. Das war normal. Jetzt ist es undenkbar geworden.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vor ein paar Monaten mit meinem Sohn an der Hand vor der Tür seines Kita-Kumpels Theo stand. -Theos Mutter hat uns angestarrt, als wären wir Gespenster. In ihrem Gesicht stand eine einzige Frage: WAS WOLLT IHR VON UNS? -Der beißt nicht, hätte ich antworten sollen. Der will doch nur spielen. Stattdessen freundliche Erklärungsversuche, unterlegt mit einem Dauergrinsen, von dem sich mein Kiefer verkrampfte.

-Die Zeiten haben sich geändert. Wir sind tatsächlich alt geworden.

Nur weil unsere Kindheit hinter uns liegt, muss das nicht heißen, dass wir alt sind. Außerdem war es ja damals auch schon ein bisschen so wie heute. Ich bin zum Beispiel am allerliebsten zu den Jungs nach Hause gegangen, die eine Konsole hatten, weil meine Eltern mir keine kaufen wollten.

-Ich dachte, deine Eltern haben dir jeden Wunsch erfüllt? Hattest du nicht sogar einen eigenen Fernseher?

-Erst mit 14. Davor bin ich immer zu Thomas gegangen. Bei ihm durften wir machen, was wir wollten, das ganze Wochenende lang. Nur seine Mutter kam hin und wieder ins Zimmer, um uns Snacks und Getränke zu reichen. Bei mir zu Hause wäre das unmöglich gewesen. Meine Mutter war das ganze Gegenteil von Thomas‘ Mutter.

-Und das hat sie zugelassen?

-Sie hat nie davon erfahren.

-Aber sie waren befreundet, deine Mutter und Thomas‘ Mutter!

Befreundet? Nein.

-Nun gut, nennen wir es nicht Freundschaft. Zumindest kannten sie einander.

-Nicht dass ich wüsste.

-Meine Güte, sie werden sich doch wenigstens auf irgendeiner Elternversammlung mal über den Weg gelaufen sein!

Er kräuselt nachdenklich die Lippen. –Möglich, sagt er schließlich. Aber anssonsten hatten sie nichts miteinander zu tun.

Ich bohre meine Zunge in die Wange, so dass eine kleine Beule entsteht, und schaue ihn dabei zweifelnd an. -Das wundert mich. Das wundert mich jetzt wirklich. Sie hat mir doch alles über Thomas‘ Mutter erzählt. Ich kenne praktisch ihr halbes Leben.

Er hebt die Augenbrauen und schaut mich groß an.

-Dass sie nie glücklich war, gefangen in einer unbefriedigenden Ehe mit einem Mann, der wahrscheinlich schwul war. Vielleicht auch nur asexuell. So genau wusste es deine Mutter nicht.

-Aha.

-Sie musste ihn heiraten, weil ihre und seine Eltern das so wollten. Diese ganze Ehe war arrangiert, und nur deshalb entstanden, weil Thomas‘ Mutter ungewollt schwanger war.

-Okay.

Er widmet sich der Wetter-App auf seinem Handy, verfolgt die Temperaturkurve für die nächsten vierzehn Tage.

-Jedenfalls hat sie sich dem Wunsch ihrer Eltern gebeugt, war aber totunglücklich, und hat deshalb angefangen, zu trinken. Bald darauf wurde sie abhängig und war von früh bis spät besoffen. Sie war praktisch nicht mehr ansprechbar. Kannst du das bestätigen?

Nun blickt er doch vom Handy auf und kratzt sich am Kinn.

-Also, besoffen habe ich sie nicht erlebt. Ja, sie hatte oft ein Glas Wein in der Hand, aber sie machte keinen betrunkenen Eindruck auf mich. Sie war… ansprechbar.

-Laut deiner Mutter ist sie am Alkoholismus zugrunde gegangen.

-Sie ist an Krebs gestorben.

-Leberkrebs?

-Lunge. Sie hat Kette geraucht.

-Deine Mutter… Sie kannte Thomas‘ Mutter überhaupt nicht.

Fragend sehe ich ihn an.

-Nein. Das habe ich vorhin schon erwähnt.

Ich stoße einen langen Seufzer aus, der an das Heulen eines sterbenden Tieres erinnert.

-Nicht dass mich das überraschen würde, aber… Irgendwie überrascht es mich doch. Ich hätte schwören können… Gott. Was bin ich blöd!

Jetzt muss ich lachen, überrascht über meine eigene Leichtgläubigkeit.

Sie war sogar auf ihrer Beerdigung.

-Wirklich?

-Das hat sie doch erzählt, damals.

-Muss ich wieder vergessen haben.

-Sie hat davon gesprochen, wie abgemagert Thomas‘ Schwester ausgesehen hat. Und dass sie ein unpassendes Kostüm trug. Mit Streifen oder so. Hörst du denn nie zu, wenn man dir etwas erzählt?

-Doch! Doch. Nur behalte ich eben nicht alles im Gedächtnis.

Ich reibe mir die Stirn, bevor ich mich mit hängenden Armen im Stuhl zurücklehne.

-Egal. Wahrscheinlich war selbst das gelogen.
Du machst es richtig, hörst gar nicht erst hin. Oder vergisst gleich wieder, was gesagt wurde.

-Worte sind nur Schall und Rauch, vor allem ihre. Ich dachte, du wusstest das.

Er schenkt sich Kaffee nach. Meine Tasse ist noch voll, der Kaffee darin allerdings nur noch lauwarm, unappetitlich. Ich stehe auf und strecke meinen Körper, bis die Knochen knacken, bevor ich Wasser aufsetze für eine zweite Kanne Kaffee. An die Spüle gelehnt bleibe ich stehen und warte.

Nein, Worte sind Waffen. Schon Eminem wusste das. Nur töten sie nicht unmittelbar. Sie setzen sich fest in deinem Kopf wie Fette in den Blutgefäßen. Eine Lüge kommt zur anderen, sie verstopfen dein Hirn, bis du nicht mehr klar denken kannst. Und dann-

Er streichelt mir über den Kopf wie einem Hund übers Fell, lächelt amüsiert. Dieselbe Diskussion, nur mit anderen Worten. Auch er kennt dieses Theaterstück, bloß misst er ihm keinerlei Bedeutung bei. Und trotzdem kann ich nicht aufhören, mich zu wiederholen:

-Weshalb bekomme ich von deinen Verwandten immer so teure Weihnachtsgeschenke, obwohl ich ihnen nie etwas schenke? Letztes Jahr zum Beispiel diese Handtasche von deinem Onkel. Kommt dir das nicht spanisch vor?

-Sie schenken eben gern – viel.

Auf seinem Gesicht macht sich ein seliges Lächeln breit, vermutlich weil er an den 30-jährigen Scotch denkt. Ein Geschenk seines Großcousins, den er vielleicht zweimal im Leben getroffen hat. Mit Sicherheit eine Entschädigung dafür, dass er mit mir verheiratet ist.

-Pah, das glaubst auch nur du! Durchschaust du es nicht? Sie machen mir teure Geschenke, um mich mildezustimmen, weil sie denken, ich sei eine Hexe, depressiv obendrein!

Er lacht nun lauthals, so dass der Kaffee aus seinen Nasenlöchern läuft.

-Wie kommst du nur immer auf solche Ideen? Er nimmt ein Küchentuch und schnäuzt sich Reste vom Kaffee aus der Nase. -Warum sollten sie so etwas denken?

-Das liegt doch auf der Hand: Deine Mutter erzählt es ihnen. Sie erzählt, ich sei depressiv, weil ich so depressiv aussehe.

-Du siehst nicht depressiv aus.

Seine Mutter liebt ein Sprichwort, das sie mir gegenüber nie geäußert hat, aber ich kenne es. Denn er verwendet es selbst, hat es von ihr übernommen: Er/Sie guckt, als hätte er/sie ein Stück Scheiße unter der Nase.

Einmal saß ich in der Straßenbahn und schaute gedankenversunken aus dem Fenster, als mich meine Freundin heimlich fotografierte. Sie zeigte mir das Foto und mit Schrecken stellte ich fest, dass ich so aussah, als hätte ich ein unsichtbares Stück Scheiße unter der Nase. Dabei hatte ich im Moment des Fotografiertwerdens nicht einmal an etwas Ärgerliches oder Ekelerregendes gedacht. Im Gegenteil, ich war richtig gut drauf. Die Semesterferien hatten gerade begonnen und ich freute mich auf ein paar ausgelassene Tage bei meiner besten Freundin.
Dummerweise wurde dies nicht von meinem Gesicht widergespiegelt. Mein Gesicht sieht nie fröhlich aus, es sei denn, ich lache. Der Gesichtsausdruck, den ich den größten Teil des Tages – und somit auch den größten Teil meines Lebens – mit mir herumtrage ist bestenfalls ernst. Ich bin nun mal keine Frohnatur. Das hat mir auch nie jemand zum Vorwurf gemacht. Ich selbst finde es auch nicht schlimm. Ich kenne mich ja nicht anders.

Bis ich meinem Mann begegnet bin und vom Lieblingsspruch seiner Mutter erfuhr. Ich bin mir sicher, sie verwendet ihn, um mich vor Leuten zu charakterisieren, für die ich ansonsten immer fremd bleiben würde. Es ist eine Marotte: In Anekdoten beschreibt sie die Abwesenden. Und sie hat die Gabe, dies auf so detailreiche Art und Weise zu tun, dass einem die Fremden nicht mehr fremd erscheinen. Ja, man möchte sich gar nicht mehr die Mühe machen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, um sich selbst ein Bild von ihnen zu machen. Schließlich kennt man doch bereits ihr ganzes vermeintliches Wesen, das sich zusammensetzt aus ihren Makeln, ihren Fehltritten, ihren Krankheiten.
Oft baut sie auch Scherze ein, beendet ihren Vortrag jedoch stets mit etwas Nachdenklichem, Traurigem, zumeist einer Depression.

Sie sieht aus, als hätte sie ein Stück Scheiße unter der Nase, aber sie kann nichts dafür, weil sie depressiv ist.

So bin ich zu meiner Designerhandtasche gekommen.

MM