Ich denke, neben dem biologischen Sinn des Lebens, der bekanntlich in der Fortpflanzung besteht, gibt es mindestens noch einen weiteren Symbolischen, den Erkenntnisgewinn. Wie man Erkenntnisse gewinnt, ist unterschiedlich. Man kann viel lesen, forschen, experimentieren – oder sich schlicht und ergreifend in neue Situationen begeben, um Erfahrungen zu sammeln.

Eine solch neue Erfahrung wurde mir gestern zuteil, als unser Vorderreifen explodierte und wir vom ADAC abgeschleppt werden mussten. Das war bitter, denn unser Auto haben wir erst vor vier Monaten gekauft. Trotzdem hatten wir wahnsinnig viel Glück, denn:

a) laut ADAC-Mensch sind alle Reifen UND Felgen in einem derart desolaten Zustand, dass auch alle vier hätten platzen können

b) wir hatten es nicht eilig und sind deshalb nur mit 120 km/h auf der Autobahn getuckert, statt der sonst üblichen 160 km/h

c) die Autobahn war ziemlich leer, so dass unser abruptes Bremsen nicht zu einem Umfall mit einem anderen Auto führte

d) der Reifen explodierte direkt vor der Ausfahrt zu einem Parkplatz, auf dem wir halten und auf den ADAC warten konnten.

So viel Schwein auf einmal muss man erstmal haben. Deshalb waren wir auch nicht allzu besorgt, sondern saßen ziemlich vergnügt auf dem Rastplatz. Hin und wieder kam jemand vorbei, um sich unseren Reifen anzusehen und Aussagen zu treffen wie „Meine Güte, sowas habe ich ja noch nie gesehen! Kann ich das fotografieren?“ oder „Ist ja Wahnsinn! Ich würde sofort meinen Anwalt einschalten und den Verkäufer anzeigen!“

Das machte uns etwas stutzig. Okay, der Reifen war wirklich komplett zerfetzt. Die letzten Meter sind wir auf der Felge gefahren. Trotzdem dachten wir noch, Na ja, kann halt passieren… Dann aber kam der ADAC-Mensch und meinte, unsere Reifen seien keine Reifen mehr, sondern verdienten nur noch die Bezeichnung „Sondermüll“. Wir sollten unbedingt alle vier austauschen, nicht nur den einen kaputten. Die Felgen sowieso, denn das seien keine Originalfelgen, sondern billigster China-Scheiß. Das Schlimmste aber äußerte er zum Schluss:

Ihr Auto ist Baujahr 2014? Nun ja, die Reifen sind drei Jahre älter: Produziert 2011.

Krass, oder? Hätte nie gedacht, dass der nette Herr vom Autohaus die Originalreifen abmontieren lässt, um uns das Auto mit minderwertigen Reifen zu verkaufen. Soll aber eine gängige Masche sein, die übrigens legal(!) ist. Nach unserem Kauf wurde noch in der Autohaus-eigenen Werkstatt der TÜV durchgeführt, der das Auto durchgewunken hat. Normalerweise schaut der TÜV auch auf die Reifen. Hat er diesmal wohl einfach „vergessen“. Kann das passieren? Darf das passieren?

Da hat der nette Herr vom Autohaus also unser aller Leben aufs Spiel gesetzt, um ein wenig Gewinn zu machen. Vielleicht ist er die Originalreifen ja noch für ein-, zweihundert Euro losgeworden. Nach Steuern bleiben da maximal 150 Euro übrig. So viel war ihm unsere Gesundheit wert. Manchmal frage ich mich echt, ob manche Menschen wahnsinnig arglos sind oder ihnen einfach alles scheißegal ist. Krank ist er in jedem Fall.

Auf Nachfrage – mein Mann ist persönlich im besagten Autohaus erschienen – wiegelte der Herr erst einmal ab nach dem Motto „Gekauft ist gekauft“. Nach ein paar Minuten ist er doch noch eingeknickt. Wir kriegen jetzt vier neue Reifen inklusive Felgen. Allerdings müssen wir 100 Euro zuzahlen. Sein Nachgeben ist eine Erleichterung. Trotzdem ist der Erkenntnisgewinn in dieser Sache einigermaßen bedrückend. Das Gewinnstreben ist der Tod von Anstand und Moral. Man kann nicht erwarten, von einem Verkäufer fair behandelt zu werden.

Okay, das war mir schon vorher bewusst, aber jetzt habe ich es am eigenen Leib gespürt. Das ist noch mal anders, als nur davon zu lesen oder zu hören.

Auf der Rückfahrt hat der ADAC-Mann noch ein wenig vom Megastau wegen des Waldbrandes bei Fichtenwalde erzählt. In 15 Jahren beim ADAC habe er sowas noch nicht erlebt, sagte er. Die Leute seien ausgerastet, aggressiv geworden, hätten ihn beschimpft, wenn er ihnen keine Auskunft geben konnte, wie sie fahren sollten. Er wusste es ja selbst nicht, weil alle Straßen verstopft waren.

Als er ein defektes Auto aus dem Stau ziehen wollte, um es zu reparieren, hätten ihm die anderen Autofahrer absichtlich keinen Platz gemacht, damit er nicht durchkommt. Sie hatten es der Fahrerin des kaputten Autos einfach nicht gegönnt, abgeschleppt zu werden. Dabei hatte sie einen Säugling und zwei Kleinkinder im Auto. An diesem Tag waren über 30 Grad Celsius.

Vielleicht sind Anstand und Moral generell nicht mehr so angesagt. Weshalb nur Verkäufer verdächtigen? Eigentlich sind wir alle ziemlich verkommen.

MM