Es gibt nicht viele Autoren, auf die ich immer wieder zurückgreifen kann, ohne enttäuscht zu werden. Michel Houellebecq gehört zu den wenigen. Sobald er ein neues Buch herausbringt, lese ich es – ohne Bedauern.

Allerdings lässt mich sein durchschlagender Erfolg auch argwöhnen: Houellebecq zu mögen, hat doch etwas Masochistisches. Warum also jubeln ihm alle zu?

Wenn ihr mich fragt, ist Houellebecq ein typischer Elfenbeinturmbewohner. Er lebt nicht unter uns, sondern schaut von oben auf uns herab – voller Arroganz, Missmut und Ekel. In seinen Augen ist der Mensch das niederste aller Geschöpfe, sein Dasein eine Aneinanderreihung verschissener Momente, die jedweder Sinnhaftigkeit entbehren. Und wir wissen es, nein, wir fühlen es: Weshalb sonst sollte der Alkoholkonsum so hoch sein?

Doch Houellebecq leidet mit uns. Er hält uns nicht nur den Spiegel vor die Nase, sondern konzipiert seine Figuren als so erbärmliche Existenzen, dass sich beim Lesen das Gefühl einstellt, in dieser kalten Welt doch noch ein Plätzchen nahe am Ofen gefunden zu haben.

[…] und ich legte mich beinahe frohgemut wieder schlafen, was einmal mehr bestätigt, dass uns inmitten unserer Dramen die Existenz anderer Dramen, die uns erspart geblieben sind, beruhigt.

Michel Houellebecq: Serotonin

Vielleicht liegt darin Houellebecqs Erfolg.


Ich glaube, ich habe fast alle seine Romane gelesen, allerdings kann ich mich inhaltlich an keinen einzigen mehr erinnern. Der rote Faden in seinen Büchern ist oft nur lose. Im Grunde geht es Houellebecq lediglich um die Gedanken des Ich-Erzählers – und die ähneln sich in allen seinen Geschichten: Den Errungenschaften der Wohlstandsgesellschaft steht der Mensch zumeist ermattet gegenüber. Zwar ist das große Glück oft zum Greifen nah, kann jedoch nie gehalten, nie genossen werden.

Sein Buch „Serotonin“ zum Beispiel (ich lese es gerade, daher ist mir der Inhalt noch bekannt) beginnt mit dem Morgenritual des Protagonisten: Auf einen Schluck Filterkaffee folgen zwei, drei Zigaretten. Im Anschluss wirft er ein Antidepressivum.

Dabei ist er beruflich erfolgreich und verdient gutes Geld, hat sogar eine schöne Frau an seiner Seite. Houellebecqs Helden sind – gemessen an den Standards der Konsumgesellschaft – Gewinnertypen. Das Leben ist ihnen geglückt und kann sie trotzdem nicht erfüllen. Etwas fehlt. Etwas fehlt immer in Houellebecqs Romanen.

Seine Protagonisten wirken wie aus der Zeit gefallen. Wo es heutzutage darum geht, möglichst viele Freunde und Follower um sich zu scharen und ständig Sex zu haben, sind sie einsam. In der Regel pflegen sie wenige oder gar keine Kontakte. Manchmal ist der einzige Freund lediglich das Haustier. Auch zur Sexualpartnerin wird fast nie eine emotionale Beziehung aufgebaut. Im Falle des Protagonisten in Serotonin wird dem Sex sogar gänzlich entsagt. Auf die Einnahme seiner Antidepressiva folgt die Impotenz.

Houellebecqs Blick auf unsere westliche Welt ist stets entlarvend, ohne jedoch auf eine gewisse Komik zu verzichten. Tatsächlich habe ich selten so viel gelacht wie bei der Lektüre von H.‘s Büchern. Ich glaube, im Kern ist er ein witziger Typ, ein Satiriker eben. Die Beschreibung eines Gastwirtes in Serotonin ist so ein Beispiel:

Er war wie ich zwischen vierzig und fünfzig, seine grauen Haare waren wie meine eigenen sehr kurz geschoren, fast abrasiert, und er machte, leider wohl ebenfalls wie ich, den Eindruck eines ziemlich finsteren Typen; er fuhr einen Mercedes G, eine weitere Gemeinsamkeit, die zwischen Männern mittleren Alters oft die Keimzelle eines Gesprächs bilden kann. Noch besser war, dass er einen G 500 hatte und ich einen G 350, was eine zumutbare Kleinsthierarchie zwischen uns etablierte.

Michel Houellebecq: Serotonin

Nichtsdestotrotz schwingt in seinen Geschichten stets eine tiefe Traurigkeit mit. Der seelische Schmerz des Protagonisten wird in der Regel mit Alkohol betäubt – oder zu betäuben versucht:

[…] ich hatte noch eine Flasche Grand Marnier, das war nicht genug, die Beklommenheit wuchs von Stunde zu Stunde, in kleinen ruckartigen Schüben, um elf Uhr abends setzte das Herzrasen ein, bald darauf folgten starkes Schwitzen und Übelkeit. Gegen zwei Uhr morgens begriff ich, dass es eine Nacht war, von der ich mich nicht vollständig erholen würde.

Michel Houellebecq: Serotonin

Meistens gelingt es nicht. Um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben bzw. das Leben überhaupt irgendwie auszuhalten, bedarf es stärkerer Mittel – besagter Antidepressiva.

In Serotonin überwiegen das Scheitern am Leben und die Verzweiflung darüber. Das Buch gleicht einem Wintertag, wo auf eine kurze Phase der Helligkeit eine ausgedehnte Finsternis folgt.

Männer verstehen im Allgemeinen nicht zu leben, sie sind nicht wirklich mit dem Leben vertraut, sind nie richtig entspannt, auch verfolgen sie unterschiedliche, je nachdem mehr oder weniger ambitionierte, mehr oder weniger grandiose Projekte, meist scheitern sie wohlgemerkt und kommen zu dem Schluss, es wäre besser gewesen, ganz einfach nur zu leben, aber oft ist es dann zu spät.

Michel Houellebecq: Serotonin

MM