Das Vorteilhafte dieses überaus hässlichen Monats März ist ja, dass er genügend Gelegenheiten bietet, zu lesen. Also habe ich mir gleich mehrere Bücher bestellt, die kürzlich in den Feuilletons der großen Tageszeitungen besprochen und in den höchsten Tönen gelobt wurden. Eines davon: „Anything is Possible“ von Elizabeth Strout. Die Schriftstellerin hat sogar den Pulitzer Preis gewonnen, eine der höchsten Auszeichungen für Medienschaffende in den USA. Hinzu kommt, dass ich amerikanische Literatur liebe. Strout schien folglich genau in mein Schema zu passen:

Mit „Alles ist möglich“ hat sich die Bestsellerautorin endgültig in die Reihe der großen amerikanischen Literaten eingeschrieben.

lobte zum Beispiel der Spiegel

Aber wer im Roman nicht nur die Kunst sucht, sondern auch ein Abbild des Lebens, wird in diesem Buch klassisches Leseglück finden,

schrieb die Zeit und schien mir direkt aus der Seele zu sprechen

Genau so ein Buch hatte ich gesucht! Ich konnte kaum erwarten, es zu lesen!!!

Doch wer zu hohe Erwartungen hat, wird meistens enttäuscht. Und so war und bin ich auch nicht sonderlich angetan von diesem Roman, der eher einer Sammlung von Kurzgeschichten gleicht.

Ein guter Roman für ein fabelhafte Zugfahrt

Jede dieser durchaus unterhaltsamen Geschichten dreht sich um die Bewohner der Kleinstadt Amgash, Illinois, und so sind auch alle miteinander verknüpft. Schließlich kennt dort jeder jeden, ob als Verwandten, Arbeitgeber, Liebhaber, Schulkamerad oder Lehrerin. Interessant dabei ist, dass man die Protagonisten dadurch aus unterschiedlichen Perspektiven kennen lernt, da ja jeder Protagonist über die anderen Figuren aus dem Nähkästchen plaudert. Niemand ist absolut gut oder einfach nur bemitleidenswert oder gar frevelhaft. Die Wahrheit liegt meistens dazwischen. Das beschreibt Strout wirklich gut.

Trotzdem wirken ihre Geschichten eben nur wie Geschichten. Fiktiv. Ich hatte nie das Gefühl, dass die beschriebenen Ereignisse so oder ähnlich tatsächlich einmal passiert sein könnten, was zum einen auf die stets gute Wendung am Ende jeder Geschichte zurückzuführen ist und zum anderen auf eine wiederkehrende Moral – natürlich angepasst an die jeweilige Story.

Wieder was gelernt, soll man sich als Leser wahrscheinlich denken.

Jede Figur in diesem Buch ist quasi erleuchtet von irgendeiner inneren Weisheit. Und die werden sie nicht müde, auszusprechen. Natürlich finden sie immer deutliche Worte.

So zum Beispiel Dottie, die Inhaberin eines Bed & Breakfast, die zu einem ihrer Gäste folgendes sagt:

„I offer guests a bed, and I offer them breakfast. I do not offer them counsel from lives they find unendurable. […] Or from marriages that are living deaths, from disappointments suffered at the hands of poor friends who regard their houses as a penis. This is not what I do.“

Wer auf märchenhafte Bücher steht und eines moralischen Zeigefinger bedarf, wird diesen Roman lieben. Für eine Zugfahrt eignet sich das Buch mit Sicherheit gut, doch „Anything is Possible“ gehört nicht zu den Geschichten, die noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis haften bleiben.

Der Realismus von Carver

Nichts gegen märchenhafte Bücher. Ich jedoch bevorzuge Protagonisten, die sich echt anfühlen, so echt, dass mich beim Lesen das Gefühl beschleicht, der Autor habe alles genau so erlebt.

Raymond Carver kriegt das hin. In seinem Band „Beginners“ versammelt auch er die unterschiedlichsten Menschen, allerdings sind die so gut wie nie anständig. Sie begehen Fehler und sie wissen, dass sie Fehler begehen, können aber trotzdem nicht damit aufhören. Das ist tragisch – und furchtbar menschlich. Kein Wunder also, dass sich ihre Storys am Ende fast nie zum Guten wenden.

In „Sag den Frauen, wir gehen“ beispielsweise erzählt er wie aus einem anfangs harmlosen Ausflug zweier Freunde die schlimmste Verfehlung erwächst, die man nur begehen kann. Der Protagonist wird zum Vergewaltiger und Mörder.

Es ist eine brutale Geschichte. Beim ersten Lesen war ich angewidert und bestürzt, aber auch überrascht. Weil ich nicht für möglich gehalten hätte, dass der Protagonist wirklich so weit geht. Schließlich gibt es keinen ersichtlichen Grund dafür, das Mädchen zu töten. Später jedoch begriff ich, dass auch der Protagonist keinen Einfluss mehr auf den Ausgang seiner Handlungen hat. Die Dinge laufen einfach aus dem Ruder.

Es sind nicht nur bestimmte Situationen, in denen Menschen die Kontrolle über sich selbst verlieren. Es ist das Leben selbst, von dem sie übermannt werden, weil sie darin feststecken, ohne sich je daraus befreien zu können. Was Carver zum Ausdruck bringt, ist das Nicht-aus-seiner-Haut-Können. Alles ist möglich? -Das Gegenteil ist der Fall.

Auch in Carvers Geschichten gibt es kein Gut und kein Böse. Er beschreibt lediglich den fortwährenden Kontrollverlust. Und in diesem Sinne erhebt der Autor auch nie den moralischen Zeigefinger.


Raymond Carver hat nie irgendwelche Preise gewonnen. Dabei schreibt er so viel besser als Elizabeth Strout. So ist das Leben.

MM