Wie so oft habe ich auch diesmal mein Handy im Auto liegengelassen und mein Buch war zu groß für die Handtasche. Ich habe nichts dabei, was Ablenkung verspräche. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die Leute hier zu beobachten. Immerhin habe ich viel zu gucken, denn der Indoor-Spielplatz ist so voll, dass die ersten Familien am Eingang wieder weggeschickt werden. Natürlich sind auch alle Stühle besetzt. Mindestens zwanzig Kindergeburtstage werden gerade gefeiert. Auf den Tischen sind überall die gleichen Donuts gestapelt und warten darauf, verzehrt zu werden. Ich lehne mich an eines der Spielgeräte und versuche flach zu atmen, damit nicht allzu viel von der feuchten, nach Turnhallenumkleide stinkenden Luft in meine Lungen dringt. Die Fensterscheiben der riesigen Lagerhalle sind beschlagen. Was draußen ist, kann man nicht mal erahnen.

Kinder rennen an mir vorbei, jauchzen, schreien, quietschen vor Freude. Es ist, als sei ein Schalter umgelegt worden. Vom Parkplatz laufen sie still und artig an der Hand ihrer Eltern zur Halle. Drinnen angekommen verlieren sie jedwede Beherrschung und geben alles, was sie können. Nach fünf Minuten habe ich mich an die Geräuschkulisse gewöhnt und blende das Geschrei völlig aus.
Obwohl der Indoor-Spielplatz kaum voller sein könnte, sind die Kinder friedfertig. Keines schubst, stößt, schlägt oder drängelt. Im Gegenteil sie helfen einander sogar. Die Großen den Kleinen, die Mutigen den Ängstlichen. Wenn einer fällt, wird ihm aufgeholfen. Kommt einer nicht die Hüpfburg hoch, strecken sich ihm von oben gleich mehrere Hände entgegen. Auch die Eltern wirken entspannt. Sie sitzen an ihren Kindergeburtstagstischen und plaudern mit Gästen oder starren auf ihre Smartphones. Niemand regt sich über die lange Schlange vorm Café auf. Sie warten geduldig, bis sie drankommen. Selbst das Personal beherrscht sich, lächelt freundlich und wünscht einen schönen Tag. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wenn es einen Ort gibt, an dem Erwachsene genervt sein können, dann hier. Wenn es einen Ort gibt, an dem Kinder wutentbrannt aufeinander losgehen können, dann hier. Das ist Dessau, die Stadt mit den unzufriedensten Einwohnern in ganz Deutschland an einem nasskalten Tag im Januar. Ich entspanne mich langsam. Dann gehe ich zum Café und reihe mich in die Schlange der Wartenden ein, während mein Kind in einer Endlosschleife einen Gummiturm hochklettert und wieder herunterrutscht.

Ihr Spieltrieb wirkt ansteckend, ihre Freude am Toben. Wie gern würde ich mich jetzt auch bewegen, anstatt mir die Beine in den Bauch zu stehen. Ich habe heute zwar schon Tennis gespielt, allerdings nur eine Stunde. Eine Stunde, die mein Trainer auch noch um fünf Minuten verkürzt hat, weil Winfried mit seinen zwei Eleven zur Tür hereinkam. Winfried trainiert immer nach uns und es ist völlig normal, dass er fünf bis zehn Minuten vor Trainingsbeginn in die Halle kommt. Er macht ja nichts, steht nur herum und unterhält sich leise mit den beiden Jungs im Teenager-Alter, denen er das Tennisspielen beibringt. Für meinen Trainer verliert der Tag an diesem Punkt jedoch an Normalität. Der Bruch vollzieht sich in der Sekunde, in der er Winfried sieht. Plötzlich hat er es eilig, fertigzuwerden mit uns. Drei Bälle noch, dann ist Schluss, ruft er. Kein Witz mehr wie sonst, keine Ermunterung. Er versucht es zu überspielen, indem er Winfried freundlich grüßt. Dann hält er Small-Talk mit den Teenagern, weil Winfried keinen Small-Talk will und sich stattdessen wegdreht, als suche er etwas im Geräteraum. Also schließt mein Trainer mit den Worten „Wir wollen ja nicht stören“, als ich mein Portemonnaie zücke, um zu bezahlen. Das muss nun vor der Halle passieren im dunklen Flur.

Mit anderen zu reden, ist für ihn eine Notwendigkeit. Sobald niemand mehr etwas zu sagen hat und Stille einkehrt, fühlt er sich unwohl und muss wieder ein Gespräch vom Zaun brechen. Umso frustrierender muss es sein, dass da jemand ist, mit dem er nicht reden kann, der seine Worte einfach an sich abprallen lässt. Der nie sein Freund geworden ist und es nie werden wird. An ihm liegt es nicht. Er redet sich um Kopf und Kragen, lässt nichts ungesagt. Er versucht es wieder und wieder und scheitert doch. Denn egal, wie freundlich sein Ton, wie zuvorkommend seine Angebote, Winfried hört ihn nicht. Er will einfach nicht. Doch es ist nicht nur sein Unwille, der meinen Trainer abstößt und dazu veranlasst, früher als nötig den Platz zu verlassen. Es ist vielmehr die Ablehnung, die dahintersteckt. Winfried mag ihn nicht und macht keinen Hehl daraus. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn mein Trainer nicht so sehr dagegen ankämpfen würde. Anfangs tat er mir leid, weil er sich beinahe täglich umsonst abmühte. Mittlerweile bin ich beinahe froh, dass es so ist.

Ich möchte nicht missgünstig klingen, aber aus irgendeinem Grund freut es mich, dass selbst einer wie mein Trainer nicht imstande ist, es allen recht zu machen. Bevor ich die Geschichte mit Winfried mitbekam war mir mein Trainer nicht ganz geheuer, weil er mit allen gut konnte. Seine Freundlichkeit zahlte sich aus: Er wurde gemocht. Von jedem. Nie ein böses Wort über jemanden. Nie ein ernstgemeinter Fluch. Stattdessen immer ein Lächeln auf den Lippen, Frohsinn versprühend und Herzlichkeit. Im Grunde beneide ich ihn ja, weil ich nur selektiv freundlich sein kann. Nur zu jenen, die ich selber mag. Logisch, dass ich kaum Sympathisanten habe.
Wie kann man nur jeden mögen und von jedem gemocht werden? Mir ist‘s ein Rätsel. Wahrscheinlich wird man geschult darin in der Ausbildung zum Tennistrainer. Zumindest habe ich noch keinen Trainer kennen gelernt, der nicht scheißfreundlich ist. Selbst Winfried übt sich darin,  aber er hat es bislang nicht zur Perfektion gebracht. Er hat zu spät damit angefangen. Bis zur Berentung war er Gymnasiallehrer, damals brauchte er nicht nett sein. Erst danach hat er sich dem Trainerdasein zugewandt und nun hechelt er meinem Trainer hinterher, immer einen Ticken schlechter, ein wenig unfreundlicher als er. Winfried ist kein Sonnenschein. Trotzdem braucht auch er Fans. Und wie das so ist im Vereinsleben, selbst als unscheinbares Mitglied wird man genötigt, Partei zu ergreifen. Da ich mich für meinen Trainer entschieden habe, habe ich mich auch gegen Winfried entschieden. Was für ein lächerlicher kleiner kalter Krieg, nur dadurch in Schach gehalten, dass Winfried jedwede Kommunikation mit meinem Trainer abbricht. Mir soll’s recht sein. Immerhin schafft es klare Verhältnisse. Pro und contra. Wer ja zu Winfried sagt, der sagt eben nein zu mir. Er sucht sich die paar wenigen, die mit meinem Trainer nicht so gut können. Oder vielleicht kämen sie doch ganz gut klar mit ihm, wenn sie nicht schon eine Entscheidung gefällt hätten – für Winfried und gegen seinen Konkurrenten. Es ist klar, dass ich zu den Winfrieds auf dieser Welt zähle. Und trotzdem fühle ich mich zu denen hingezogen, die so sind wie mein Trainer. Sie geben mir ein gutes Gefühl. Es gibt nichts, um was ich andere so beneide, wie meinen Trainer um diese Fähigkeit.

Ich fahre mit einem guten Gefühl zum Training, habe Spaß beim Training und fahre mit einem guten Gefühl wieder nach Hause, wo ich es kaum erwarten kann, wieder zum Training zu fahren. Dieses Gefühl hält mich schon seit Jahren bei der Stange. Es ist dieses Gefühl, dass mich weitermachen lässt, jeden Tag aufs Neue. Ich habe einen von diesen freundlichen Menschen geheiratet, einer, der immer nett ist und ebenso beliebt wie mein Trainer. Er hat mir von Anfang an ein gutes Gefühl gegeben. So ähnlich muss sich ein Kind fühlen, wenn es einen Indooor-Spielplatz betritt und vor ihm liegt dieser riesige Saal angefüllt mit den tollsten Spielsachen, Hüpfburgen, Trampolinen, Kletterburgen und Rutschen. Das Herz geht ihm auf. Spitze Schreie entweichen seiner Kehle, es jauchzt und quietscht vor Vergnügen. Die Halle vibriert vor Glückseligkeit, selbst wir Erwachsenen können es fühlen. Und kein Kind argwöhnt, keines ist missgünstig, kein Kind hasst dort ein anderes. Meine Tochter rutscht ab und fällt, und schon wird sie von irgendeinem fremden Kind aufgehoben, das danach gleich weiterrennt ohne auf ein Wort des Dankes zu warten. Die Bedienung an der Kasse lächelt und ich lächle zurück.

MM