Nach und nach habe ich mich verändert, seitdem ich hier in der Provinz wohne. Natürlich bin ich kein von Grund auf neuer Mensch geworden. Ich habe lediglich mein Verhalten angepasst. Insofern glaube ich, dass der Wohnort einen gewissen Einfluss auf uns Menschen ausübt. Das spiegelt zum Beispiel die Art sich zu kleiden wider. Oder auch das Aussehen des Gartens, um auf das eigentliche Thema meines Blogs zurückzukommen.

Kleine Soziologie meines Wohnortes

Kaum schaltet einer meiner Nachbarn seinen Rasensprenger an, kann man sich sicher sein, dass die anderen sogleich nachziehen und ihre Rasensprenger ebenfalls anstellen. Ebenso verhält es sich mit dem Düngen des Rasens und dem Mähen. Keiner will dem anderen nachstehen. Der Rasen muss mindestens genauso schön grün sein wie beim Nachbarn.

Das ist noch harmlos. Eigentlich hat dieses Kopierverhalten sogar etwas Positives: Die Gärten in meiner Nachbarschaft sehen alle sehr gepflegt aus. Es kann höchstens stressig werden, wenn man eigentlich gar keine Lust aufs Gärtnern hat, aber sich dazu gezwungen fühlt, weil ja alle… und so.

Andersherum geht es auch. Das ist mir gestern bei meinem abendlichen Spaziergang aufgefallen. Ich habe eine kurze Straße entdeckt, die mir vorher noch nie aufgefallen ist. Weil sie „Tempelhofer Weg“ hieß, kamen sofort nostalgische Gefühle in mir auf. Schließlich habe ich mal in Tempelhof gewohnt und eine schöne Zeit dort gehabt.

Tempelhof ist optisch bestimmt kein schöner Bezirk, doch der hiesige Tempelhofer Weg war das reinste Grauen. Eine wahrhaft beängstigende Straße, in der alle Bewohner drei Meter hohe Metallzäune hatten. Es fehlte nur noch Stacheldraht und ich hätte mich im Knast gewähnt. Alle diese Zäune waren zusätzlich mit Sichtschutzelementen umwickelt, so dass man die Häuser dahinter nicht sehen konnte. Was jedoch durch die Ritzen schimmerte, waren die Schnauzen riesiger Schäferhunde, die abwechselnd kläfften und ihre Zähne fletschten.

Da tatsächlich jedes Grundstück in dieser Straße derartig gesichert war, nehme ich an, dass sich die Nachbarn dort gegenseitig beeinflusst haben. Vielleicht waren das mal richtig umgängliche Leute mit netten Träumen in ihren Köpfen. Dann aber hat einer von ihnen die Saat des Bösen gesät und nun sind sie alle voller Abscheu gegeneinander. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie sie nur auf einen Anlass warten, um mit Äxten aufeinander loszugehen. Solche Gedanken gingen mir jedenfalls durch den Kopf, als ich den Tempelhofer Weg entlangschritt.

Am Ende der Straße befand sich das gruseligste Grundstück, darauf mehrere total verlotterte Bungalows, die offenbar unbewohnt waren. Kurios war, dass sich davor ein Pool befand, der mal überdacht gewesen sein muss, so dass ihn seine Besitzer auch im Winter benutzen konnten. Selbst ein neuer Kamin war darin. Das alles konnten wir sehen, weil das Ding komplett abgefackelt war. Überall lagen verkohlte Reste des Schwimmbades herum, selbst im Pool schwammen noch welche. Drumherum Flatterband von der Polizei. Dahinter fing der Wald an.

Obwohl mein Wohnort nicht gerade groß ist (ca. 3000 Einwohner), ist er unglaublich vielfältig. Insofern kann man eigentlich auch nicht von einer Soziologie des Wohnortes sprechen, sondern eher von einer Soziologie der unmittelbaren Nachbarschaft.

Da ist zum Beispiel der in den 90ern entstandene Ortskern, in welchem die Häuser groß, die Grundstücke jedoch klein sind. Die Gärten sind dennoch sehr hübsch, geradezu professionell gestaltet! Die Zäune sind niedrig, der Lärmpegel gering, so als würden alle Rücksicht aufeinander nehmen. Drumherum befinden sich die Häuser des ursprünglichen Ortes, die peu à peu zu DDR-Zeiten gebaut worden sind. Hier ist es wieder ganz anders: die Grundstücke sind riesig, die Häuser aber winzig. Je weiter man sich vom Ortskern entfernt und je tiefer man in den Wald eindringt, desto vernachlässigter sehen Häuser und Grundstücke aus.

Ich selbst verspüre hin und wieder den Wunsch, ganz allein zu leben – ohne auch nur einen einzigen Nachbarn. Wenn ich die Häuser der Hinterwäldler sehe, löst sich dieser Wunsch ganz schnell in Luft auf. Was da haust, muss wirklich keinen Bezug zur Zivilisation mehr haben. Dies trifft natürlich nicht auf alle diese Häuser zu. Die gepflegten bilden allerdings die Ausnahme. Vor allem findet man viel Sperrmüll auf den Grundstücken der Hinterwäldler. Hin und wieder auch Autowracks und alte Reifen. Seltsam ist, dass die Häuser oft unbewohnt erscheinen, weil man keine Menschenseele darauf sieht. Doch meistens steht dann doch noch ein Auto in der Einfahrt und ein Briefkasten hängt schief an irgendeinem Baumstamm.

Das alles wirkt nicht nur trostlos, sondern auch bizarr. Man könnte einwenden, dass diese Menschen vermutlich arm sind, doch in meinen Augen rechtfertigt Armut nicht ein derartiges Chaos. Vielleicht ist es doch die Einsamkeit ihres zurückgezogenen Lebens, die dafür verantwortlich ist, dass sie sich nicht mehr verpflichtet fühlen, den gängigen Ordnungsprinzipien zu folgen. Sie werden schließlich nicht mehr überwacht von ihren Nachbarn, sind niemandem etwas schuldig. Nicht einmal sich selbst. Sonst würden sie es sich doch ein bisschen schön machen?

Wenn ich meinen Wohnort so betrachte, überkommt mich das Gefühl, fremdgesteuert zu sein. Ob ich es will oder nicht, die Leute um mich herum beeinflussen mich mehr als mir lieb ist. Bevor ich den Tempelhofer Weg kennen gelernt habe, wollte ich unseren Sichtschutzzaun erweitern – um mindestens zehn Meter. Ach was, am liebsten hätte ich rundherum einen und zusätzlich noch einen Lärmschutzwall, um das ewige Hämmern, Schleifen und Sägen meines Do-it-yourself-Nachbarn nicht mehr ertragen zu müssen.

Doch dann wäre ich es ja, die die Saat des Hasses sät…

Vorerst lese ich noch ein paar Soziologiebücher.

MM