Von einem Skandal, der die wenigsten berührt

Hier in der Peripherie fährt man Auto. Dabei werden sogar Fahrgemeinschaften gebildet. Viele fahren auch mit dem Auto zum Bahnhof, um dort mit dem Zug weiterzufahren. Was ich damit sagen will, ist, die Leute hier nutzen durchaus die öffentlichen Verkehrsmittel.

Doch das Auto zu nehmen, ist einfach am praktischsten. Obwohl ich einen wirklich abgefuckten Peugeot mit polnischem Kennzeichen (geliehen) habe, fahre ich lieber damit, als auf den Bus zu warten. Im Winter ganz besonders, aber im Sommer eigentlich auch. Ganz ehrlich. Man muss hier eben weitere Strecken zurücklegen. Und die Einkäufe transportieren sich besser so als auf dem Fahrrad.

Nun ist ein Auto aber mehr als ein Transportmittel. Nicht für mich, aber für viele – Männer. Angesichts der immer größer werdenden Anzahl immer größer werdender SUVs und Pick-Ups, die hier so in den Einfahrten stehen, bin ich zunächst zu dem Schluss gelangt, dass das Auto auch ein Geltungsbedürfnis stillt. Ihr wisst schon, winziger Penis…

Glückliche Männer dank qualmender Reifen

Dass das nicht alles ist, wurde mir letztes Wochenende klar, als ich beim Redbull Air Race am Lausitzring war. Ich habe noch nie in so viele verzückte Männergesichter geschaut. Das war echt die pure Glückseligkeit.

Grotesk dagegen wirkte das riesige Aufgebot an Polizei und Security, denn das Aggressionspotential bei dieser Veranstaltung tendierte gen Null. Dazu waren die Herren viel zu benommen vor innerer Freude.

Dabei schienen die Flugzeuge und deren Stunts zwar immens interessant, aber die Männerherzen schlugen erst dann deutlich höher, als in der Pause zwei Tourenwagen der DTM lautstark ihre Bahnen zogen. Die blieben dann auch noch vorm Publikum stehen und fingen an, sich im Kreis zu drehen, so dass es sehr stark qualmte (arme Reifen). Das Schauspiel wiederholten sie drei, vier Male in ohrenbetäubender Lautstärke. Danach vollführte ein Hubschrauber atemberaubende Kunststücke, aber das fesselte das männliche Publikum weit weniger als die beiden Autos.

Das Auto ist mehr – jetzt begreife ich es endlich

Das Auto ist mehr als ein Transportmittel und mehr als ein Statussymbol. Dieses „mehr“ war für mich nie so recht greifbar, vermutlich weil ich kein Mann bin. Dank des Redbull-Events ist es mir jedoch wie Schuppen von den Augen gefallen.

Zuvor habe ich bspw. mit Leuten diskutiert, die sich trotz des VW-Skandals einen VW gekauft haben. Da kenne ich gleich mehrere.

Ich so: Wie kannst du nur? -Das sind doch Betrüger!

Die so: Na und? Die betrügen doch alle!

Oder alternativ

Die so: Nee du, mein neues Auto (VW Touareg) verbraucht echt ganz wenig. Da vertraue ich VW. Außerdem muss man doch die deutsche Wirtschaft unterstützen und deutsche Arbeitsplätze sichern.

Oder

Die so: Ich fahre keinen Diesel. Ist ein Benziner von VW.

Mir war stets danach, eine Grundsatzdiskussion darüber zu führen, ob man einem Konzern das Vertrauen entziehen sollte, wenn dieser sich nicht an die Wettbewerbsregeln hält. Für mich lag die Antwort auf der Hand. Natürlich vertraue ich einem solchen Unternehmen nicht mehr. Ich kaufe woanders. Es gibt gefühlt 1000 Automobilhersteller. Du hast als Käufer die Qual der Wahl! Komischerweise sehen das die wenigsten so wie ich.

Ein Skandal, der keinen interessiert

Der Tenor, dass ALLE betrügen, überwog dabei ganz stark. Oft wurde ich sogar aufgefordert, doch Auto-Marken zu nennen, die eine weiße Weste trügen. Damit wollte man mir klarmachen, es gäbe keine. Und tatsächlich sind außerordentlich viele Hersteller betroffen, fast alle deutschen, aber auch im Ausland.

Trotzdem gibt es natürlich jene mit weißer Weste. In Zeiten des Internets lässt sich sowas doch in nicht einmal 10 Minuten recherchieren. Haben die Leute keine Zeit für 10 Minuten Extra-Recherche vorm Autokauf?

Sie kommen nicht einmal auf den Gedanken, denn der Abgas-Skandal interessiert sie überhaupt nicht. Ebensowenig interessiert es sie, welche Automobilproduzenten umweltfreundliche Autos bauen, und zwar ohne zu betrügen. Spielt keine Rolle. Hybridmotoren? -Laaangweilig. Elektrofahrzeuge? -Jetzt kommt meine Lieblingsantwort: Und wo kommt der Strom her, häää? -Von Kohlekraftwerken, jawohl!

So dumm kann man doch gar nicht sein, dachte ich mir stets. Jetzt weiß ich, dass diese Antworten nicht auf Dummheit zurückzuführen sind, sondern auf dieses unbestimmte „Mehr“, das ich oben im Text zu beschreiben versuchte.

Nennen wir es Liebe.

Die Liebe zum Auto.

Liebe macht bekanntlich blind.

LG eure
MISS MINZE


P.S.: So nett das Event war, so sehr haben wir uns geärgert über die Parkgebühren, die nicht im Ticketpreis inbegriffen waren. Den Lausitzring erreicht man nämlich nicht mit den Öffis. Fünf Euro, die wir nicht hatten. Zumindest nicht in bar. Wir haben nämlich NIE Bargeld dabei. Und natürlich konnten wir nicht mit Karte bezahlen. In Griechenland(!) konnten wir selbst die Kugel Eis mit EC-Karte bezahlen!!!!!!!!

Wir mussten also wieder zurück zur nächstbesten Tankstelle mit EC-Automat. Gebühren fürs Geldabheben: 6,50 Euro. Deutschland, ey.

Plädiert eigentlich irgendeine Partei für die Abschaffung von Bargeld? -Die würde ich dann nämlich wählen…

Der Lausitzring

EuroSpeedway Verwaltungs GmbH
Lausitzallee 1
01998 Klettwitz

Wenn du diesen Beitrag mochtest, dann sei doch so lieb und teile ihn in den sozialen Medien: