Gesichter der Provinz

Der Kinderhasser von F. wohnt – welch‘ Ironie – direkt neben dem Spielplatz. Ein bemitleidenswerter älterer Herr, Gefangener seiner eigenen Paranoia.

Das sollte jetzt nicht pathetisch klingen. Ich war schlicht und ergreifend einst selbst gefangen in paranoiden Vorstellungen. Daher erkenne ich diesen ganz speziellen Habitus. Vermutlich hasst er Kinder nicht einmal, sondern ängstigt sich viel eher vor ihnen. Der Einfachheit halber nenne ich ihn trotzdem so: Kinderhasser.

Bis auf seinen Kinderhass ist er ein anständiger Bürger. Er wirkt sogar halbwegs intellektuell. Beruf oder glückliche Fügung – eines von beiden hat ihm ein großes Backstein-verklinkertes Haus beschert und zwei Luxuskarossen davor. Wie zu erwarten, ist der Kinderhasser einsam. Psychopathen haben keine Freunde.

Er lauert nur darauf, dass Kinder „seinen“ Spielplatz betreten. Hinterm Fenster? Im Garten? Wer weiß. Jedenfalls kriegt er es immer mit, und fahndet nach dem kleinsten Verstoß.

Einmal war ich mit meiner Tochter, unserer Nachbarin und derenTochter auf ebenjenem Spielplatz, als sich der Kinderhasser zum ersten Mal leise näherte. Plötzlich stand er am Gartenzaun, der den Spielplatz von seinem Grundstück trennt, und raunte meiner Bekannten etwas zu. Da er leise sprach, konnte ich ihn nicht verstehen. Sie allerdings war peinlich berührt. Offenbar war uns ein Faux-Pas unterlaufen, auf den uns der nette Herr nun freundlicherweise hinwies:

Wir hatten es gewagt, in der Mittagspause auf den Spielplatz zu gehen! OMG. Betreten liefen wir zum Schild, auf das wir eingangs gar nicht geachtet hatten. Tatsächlich, da stand es: Mittagsruhe von 12-15 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war es 14.30 Uhr. Das Lachen unserer Kinder muss den Wachhund geweckt haben. Wir baten sie nun, leise zu kichern.

Ein anderes Mal wollten wir auf den Spielplatz gehen, als dessen Eingang von einem rot-weißen Flatterband versperrt wurde. Aus welchem Grunde, war nirgends in Erfahrung zu bringen. Wir gingen weiter. Heute aber war das Flatterband nicht mehr zu sehen und meine Tochter und ihre Freundin konnten vergnügt spielen. Sie saßen gerade in der neuen Nestschaukel, als der Kinderhasser wieder angeschlichen kam.

Da stand er, an derselben Stelle vorm Zaun und zischelte in meine Richtung. Ich tat so, als verstünde ich ihn nicht. Also bedeutete er mir durch Winken, zu ihm zu kommen. Ich schüttelte den Kopf. Der Kinderhasser spricht gerne im Flüsterton, doch nun musste er laut werden: Er wolle mir etwas sagen, sagte er. Und ich antwortete, dass ich mir nicht anhören wolle, was er zu sagen hat. Daraufhin drehte ich ihm den Rücken zu.

Ob ich das Flatterband nicht gesehen hätte, fragte er noch, diesmal richtig laut, doch ich ignorierte ihn. Nach einer Weile verschwand er wieder im Haus. Das Flatterband also, ohne Zweifel von ihm selbst angebracht. Hatte er nicht gemerkt, dass es längst weg war?

Um jeden Preis will er verhindern, dass Kinder auf diesem Spielplatz spielen. Das Schlimme ist, dass es ihm gelingt. Auch als er schon lange nicht mehr am Zaun stand, spürte ich das Unbehagen, das er in mir ausgelöst hatte. Ich wusste, er ist noch da, irgendwo hinterm Fenster und glotzt uns an. Vielleicht kommt er gleich wieder raus und droht uns, dachte ich.

Auch wenn es mir egal sein kann, was ein offenkundig psychisch kranker Mensch von sich gibt, so dringt er mit seinen Hass erfüllten Worten doch in meine ganz private Sphäre vor. Das drückt auf die Stimmung. Die Kinder waren fröhlich, doch ich konnte nicht mehr mitlachen.

Wir blieben noch eine Weile dort. Und wir blieben die einzigen. So wie der Spielplatz aussah, waren wir seit vielen Wochen die einzigen, die es gewagt hatten, ihn zu betreten. Wer mag sich von diesem Wachhund schon ins Hirn beißen lassen?

MM

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