Von der (Ohn-)Macht der Vorurteile

Am Anfang steht das Vorurteil. Du siehst jemanden und schätzt ihn ein. Wie genau das funktioniert, weiß ich nicht, da ich weder Neurologin noch Psychologin bin. Ich weiß nur, dass diese erste Einschätzung in Sekundenbruchteilen unterbewusst abläuft und dass man sich ihr nicht entziehen kann.

Trotzdem habe ich mir schon in jungen Jahren vorgenommen, möglichst vorurteilsfrei durch die Welt zu gehen – mit offenen Augen und offenem Geist sozusagen. Doch das ist gründlich in die Hose gegangen. Jedenfalls bin ich immer wieder überrascht, wie falsch ich Leute einschätze.

Komischerweise denke ich anfangs eher negativ – um später umso positiver überrascht zu werden. Eine gute Freundin zum Beispiel hielt ich zuerst für eine unglaubliche Spießerin, einfach weil sie so aussah: Haare, Kleidung, ihre Art zu reden (trotz Berliner Herkunft komplett dialektfrei) ließen darauf schließen, dass sie die typische Vertreterin der Art „Stock-im-Arsch“ ist. Als sie mir dann ein Gespräch aufnötigte, stellte sich heraus, dass sie das genaue Gegenteil ist: eine Frau, die ihren Weg gegangen ist, offenbar ohne sich den Kopf über ihr Aussehen zu zerbrechen.

Eine andere Freundin habe ich das erste Mal bei der Elternversammlung unserer Töchter gesehen. Sie wirkte wie ein scheues Reh, total ängstlich und verzagt. So, als hätte sie dringend jemanden nötig, der schützend seinen Arm um ihre Schulter legt. Auch wir kamen ins Gespräch – und sie outete sich als absolut eloquent. Eine geborene Verkäuferin – und mutig obendrein.

So geht es mir andauernd: Ich sehe die Menschen ganz anders, als sie wirklich sind. Und frage mich, weshalb ich mit meiner Einschätzung so gut wie nie ins Schwarze treffe.

Andersherum passiert es seltener: dass Leute sich gut verkaufen und sich im Nachhinein als Mogelpackung outen.

Eine Bekannte zum Beispiel wollte ich unbedingt näher kennen lernen, weil sie auf mich so unkonventionell wirkte. Ihr wilder Lockenkopf und die originellen Mäntel und Röcke, die sie trug, ließen auf einen Freigeist schließen.

Tatsächlich ist sie der spießigste Mensch, der mir je untergekommen ist! Sie liebt Regeln, hält sich an jede einzelne und beäugt jeden kritisch, der ihrer Meinung nach gegen die Regeln verstößt (ich zum Beispiel muss mich immer wieder dafür rechtfertigen, dass ich weder mir noch meinen Kindern einen Fahrradhelm aufsetze).

Insofern verkörpert sie das Gegenteil all dessen, was ich in sie hineininterpretiert habe – und enttäuscht mich. Ungewollt. Schließlich kann sie nichts für meine Vorurteile.

Ent-Täuscht. Ha, na sowas! Zum ersten Mal wird mir bewusst, woher das Wort Enttäuschung kommt. Mir wurden die Augen geöffnet. Und so schließt sich der Kreis, der mit dem Vorhaben begann, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen.

Auf weitere Überraschungen!

MM