Immer wenn ich kurz davor bin, meine Freiheit zu verlieren, werde ich wehmütig. Dabei weiß ich sie ansonsten überhaupt nicht zu schätzen. Jetzt zum Beispiel scheint die Sonne gedämpft durch einen zarten Nebelschleier, der zwischen den Baumwipfeln hängt. Ein perfekter Moment für einen Spaziergang durch den Wald. Doch ich bleibe am Schreibtisch sitzen und schaue nur aus dem Fenster, als reiche das bereits. Meine Rolle als Beobachterin habe ich so sehr verinnerlicht, dass ich unfähig geworden bin zu handeln.

Aus der Perspektive meiner Mitmenschen sehe ich mich nichtsnutzig und schmarotzerhaft durchs Leben schlawinern. Da ich keiner normalen Erwerbsarbeit nachgehe, trage ich stets und ständig das Bedürfnis im Herzen, allen anderen beweisen zu müssen, dass ich es trotzdem wert bin, dazuzugehören. Der Beweis als Herzenswunsch ist jedoch an sich der größte Irrtum. Ist er erst einmal erbracht, werde ich erkennen, dass keine Befriedigung eintritt. Alles spielt sich nur in meinem Kopf ab. Wahrscheinlich eine Finte meines Gewissens, dessen unheilvoller Samen mir in meinen jungen Jahren ins Hirn gepflanzt wurde. Jetzt kämpfe ich mit seinen Auswüchsen, anstatt dieses Luxusleben zu genießen.

Immerhin prosperieren auch wieder meine Gedanken und ich kann schreiben. In den letzten Wochen fühlte sich mein Kopf so leer an, taub und still. Nun, da die Freiheit in Gefahr ist, setze ich mich wieder in Bewegung. Und denke an Lucia Berlin.

Über Lucia Berlin

Lucia Berlin muss meine wahre Antipode gewesen sein, der völlige Gegensatz. Deshalb bewundere ich sie so und liebe ihre Short Stories, die von Wahrheit und vor allem von Furchtlosigkeit zeugen. Was sie schreibt, sind keine konstruierten Geschichten, sondern Anekdoten aus ihrem Alltag. Sie schreibt über ihre Kindheit, ihre Lieben, ihren Alkoholismus und den der anderen, über Krankheit und Tod. Berlin offenbart sich in ihren Erlebnissen.

Tatsächlich hat Lucia Berlin keinen einzigen Roman geschrieben. Ihr Werk setzt sich aus autobiografisch gefärbten Kurzgeschichten zusammen. Im Französischen wurde für dieses Literaturgenre der Begriff „Autofiktion“ erfunden.

Furchtlos & Rastlos

Berlins Leben war von Anfang an nicht einfach mit einer lieblosen, alkoholkranken Mutter und einem stets abwesenden Vater. Es war ein Leben ohne Sicherheiten. In unserem von Ängsten dominierten Zeitalter beeindruckt mich diese Arglosigkeit, mit der Berlin durchs Leben schreitet. Sie scheint sich nie zu ängstigen, sich keine Sorgen zu machen, egal, wie oft sie scheitert, egal, wie tief sie sinkt. Vielleicht muss man am Nullpunkt ankommen, um zu erkennen, dass man es trotzdem erträgt, sogar seinen Humor behält! Sie ertägt jedoch nicht nur, sie macht das Beste daraus. Lucia Berlin stürzt sich immer wieder in Abenteuer, heiratet dreimal, bekommt vier Söhne, brennt durch, lebt ein Jahr im Luxus und im nächsten schon wieder im Trailerpark, arbeitete als Putzfrau und Lehrerin, ist Uni-Dozentin und Arzthelferin, landete im Gefängnis und versuchte sich im gutbürgerlichen Leben. Etwa alle neun Monate zieht sie mit ihren Kindern zusammen um, erinnert sich später einer ihrer Söhne.

She lived in so many places, experienced so much—it was enough to fill several lives. (The Story is the Thing: On Lucia Berlin)

Nein, geradlinig war ihr Leben nicht, umso geradliniger ist ihr Schreibstil. Kein Wort zu viel verwendet sie für ihre teils humorvollen, teils bewegenden Kurzgeschichten. Das wiederum ist ein Riesenglück für LeserInnen wie mich, die einem Leben voller Sicherheiten den Vorzug geben, das keinerlei Möglichkeiten bietet, Dummheiten zu machen.

Viele ihrer Buchbände wurden erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Vom Schreiben konnte Lucia Berlin nicht leben. Geschrieben hat sie trotzdem, weil es ihre Form der Therapie war, wie sie später einmal sagte. Die Anerkennung, die sie verdient hätte, wurde ihr Zeit ihres Lebens nicht zuteil.

I have never had a friend again like Hope, my onliest true friend. I gradually became a part of the Haddad family. I believe that if this had not happened I would have grown up to be not just neurotic, alcoholic and insecure, but seriously disturbed. Wacko. (aus: Silence, Where I live now)

MM