Neulich spazierte ich ein wenig im Ort umher, als mich ein 87-Jähriger ansprach. Genau genommen, rief er mir zu, denn er befand sich hinter seinem Gartenzaun und ich auf der Straße davor. Weil ich nicht so viel Zeit hatte, erzählte er mir in dreißig Minuten seine Lebensgeschichte. Er dampfte sie sozusagen auf das Wesentlichste ein. Das war nicht uninteressant, doch das einzige, was bei mir hängenblieb, war, dass er ’91 berentet wurde.

Meine Güte, ’91 bin ich noch zur Grundschule gegangen! Und der Opa hockt seitdem im Garten. Unglaublich. Seit ’91 habe ich die unterschiedlichsten Phasen durchlebt: Schule, Pubertät, Studium, erste Liebe, Auszug, Auslandssemester, Mutterschaft, Hochzeit, diverse Jobs und Arbeitslosigkeit, zig Umzüge, Hauskauf usw. Währenddessen ist der Mann in Rente gegangen und ist es seitdem. Seine Frau ist gestorben. Zuvor hatte er sie gepflegt. Und nun? Was macht man da bloß den ganzen Tag? -Am Zaun stehen und Leute anquatschen. Mir graute.

Der Opa war wirklich sympathisch und er wirkte überhaupt nicht unzufrieden. Trotzdem schwant mir nichts Gutes, wenn ich ans Alter denke. Ich meine, solange man im Hamsterrad steckt, hat man keine Zeit, über den (Un-)Sinn des Daseins zu reflektieren. Im Leerlauf, den die Rentenzeit mit sich bringt, hingegen schon. Zu welchem Schluss kommt man da wohl? Mein Leben: verkackt.

Ich teilte meinem Mann meine Ängste und Zweifel mit: „Du, wenn unsere Kinder erstmal aus dem Haus sind, können wir uns begraben. Unser Leben wird ohne jeden Sinn sein, absolut leer.“ Er gab sich optimistisch: „Ach was, man kann sich doch ehrenamtlich engagieren.“ Das machen viele Rentner, vermutlich spendet es tatsächlich Sinn. Aber mir fiel nichts ein, für das ich mich engagieren könnte, wenn ich mal alt bin. Letztlich könnten das ja nur Dinge sein, für die sich kein echter Arbeitnehmer findet – oder für die man keinerlei Qualifikationen braucht. Das stelle ich mir nicht sonderlich sinnstiftend vor.

Mein Mann hatte jedoch sogleich eine weitere Idee: „Lass und doch Hunde züchten – und Gras anbauen! Dann ist die Bude immer voller Hundebabys und unsere sozialen Kontakte halten wir aufrecht, indem wir unser Dope verticken.“

So richtig überzeugend finde ich diese Zukunftsvision eigentlich auch nicht. Na, immerhin besser, als am Gartenzaun zu stehen.

MM