Habe ich euch schon erzählt, dass mein Haus auf einem Hammergrundstück liegt? -Falls ihr mit diesem Begriff nichts anfangen könnt, erkläre ich ihn kurz: Ein Hammergrundstück ist ein Grundstück, das von der Straße aus gesehen hinter einem anderen Grundstück liegt.

Wenn ich zu meinem Haus will, muss ich also über das Grundstück meiner Nachbarn gehen/fahren. Das darf ich, weil ich ein sogenanntes Wegerecht besitze. Meine Nachbarn stört’s nicht, die Auffahrt gehört praktisch mir allein.

Umzingelt von Idioten

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich wohne eingekesselt zwischen vier Nachbarn, die mir – bis auf eine (ältere Dame, verwitwet) allesamt auf die Nerven gehen.

Zugegeben, es ist nicht schwer, mir auf die Nerven zu gehen. Ich gehe mir selbst oft auf die Nerven. Und, ja, ich weiß, das ist ein Luxusproblem.

Früher in unserer alten Stadtwohnung hatte ich viel mehr Nachbarn, von denen einige richtig bösartig waren. Die gingen mir zwar nicht auf die Nerven, aber sie machten mir Angst! und das ist viel schlimmer. Insofern stellt das „Auf-die-Nerven-gehen“ schon eine Verbesserung unserer nachbarschaftlichen Situation dar.

Und trotzdem wünschte ich mir manchmal, ich würde isoliert mitten im Nirgendwo leben…

1. Der Planscher

Fangen wir mit dem nervigsten Nachbarn an, ich nenne ihn zwecks Anonymisierung Kai.

Kai ist Mitte Dreißig und hat keinen bestimmten Beruf. Vielleicht arbeitet er deshalb immer wieder schwarz? Offiziell ist er jedenfalls seit einigen Jahren aus unerfindlich-krankheitsbedingten Gründen auf Frührente, und meistens zu Hause, wo er sich mit Hingabe Haus und Garten widmet.

Letztes Jahr initiierte er seiner Patchwork-Familie zuliebe das Projekt „Pool“. Er kaufte also ein riesiges rundes Schwimmbecken, setzte es genau an unsere Grundstücksgrenze und verkleidete es liebevoll mit Holz. Es sollte sich schließlich von den anderen riesig-runden Pools in 90% der Gärten unseres kleinen Ortes positiv unterscheiden. „Hat 10.000 Euro gekostet!“, ließ er verlauten. Selbstverständlich aus der Portokasse bezahlt, und keinen Kredit aufgenommen. Schwarzarbeit lohnt sich eben.

Da sich die Grundstücksgrenze nur wenige Meter von unserer Terrasse entfernt befindet, haben wir nun stets Kais fast zwei Meter aus dem Boden ragenden Pool vor Augen – und das Gekreische der planschenden Kinder in den Ohren. Und das nicht nur, wenn wir draußen sitzen, denn unsere Terrassentüren sind groß… Frühstück, Mittag, Abendbrot – und im Hintergrund immer das Poolmonster. Seufz.

Dass dies ein unhaltbarer Zustand ist, wurde auch Kai schnell klar: Er fühlte sich beim Baden beobachtet und schlug nun vor, eine Hecke zu pflanzen. Sein diesjähriges Projekt, die „Hecke“, wird allerdings nicht von ihm allein umgesetzt. Nein, Kai ist so lieb und integriert uns!

Mit der Hecke weicht nämlich auch sein Zaun. Wo der Zaun steht, ist allerdings nicht genug Platz für die Hecke. Sie muss daher auf unser Grundstück gepflanzt werden. Ähnlich hat Kai das übrigens schon bei unserer verwitweten Nachbarin praktiziert, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. So eine Hecke stellt schließlich eine Win-Win-Situation für alle dar, nicht wahr?

Uns hat Kai jedenfalls gefragt – mit dem Hinweis auf die Kosten, die so eine Hecke verursacht. Ob wir uns nicht zur Hälfte beteiligen könnten? -Natürlich, schließlich profitieren auch wir vom Sichtschutz. Sonderlich sexy sehen leider weder Kai noch der Rest seiner Patchwork-Familie aus.

Nachdem das mit der Finanzierung geklärt war, stand Kai vergangenen Sonntagabend wieder vor unserer Tür. Er hatte eine Ansage zu machen: Nächsten Samstag wird der Zaun abgerissen und die Hecke gepflanzt! Den Arbeitsdienst muss mein Mann allerdings allein ableisten. Ich werde das ganze Wochenende über beruflich unterwegs sein. Glaubt mir, ich lerne die Vorzüge der Wochenendarbeit gerade kennen und schätzen.

Update:

Die Hecke steht und sieht prima aus. Zu verdanken ist dies meinem Mann und Kais Frau, die beide ihren Samstag opferten, um sie zu pflanzen. Kai verabschiedete sich bereits nach zwanzig Minuten mit der Aussage, er habe Rückenschmerzen…

2. Der DIY-ler

Nicht nur Kai bastelt gerne herum. Übertroffen wird er tatsächlich vom nur wenige Jahre älteren Ronny (anonymisiert). Der ist nicht nur beruflich gerne handwerklich tätig. Nein, er ist IMMER am Selbermachen. Tag und Nacht, morgens, mittags, abends…

Seinen Erziehungsurlaub hat Ronny nicht mit langweiligen Kinderwagen-Touren durchs Dorf verschwendet, sondern sinnvoll dazu genutzt, sich eine Terrasse zu bauen. Die verläuft quasi um sein ganzes Haus herum. Sein Terrassen-Projekt hat er im November begonnen. Jetzt im April ist es noch immer nicht gänzlich abgeschlossen. Aber zumindest ist der Einsatz der Rüttelmaschine nicht mehr vonnöten. Dieses zarte Maschinchen, das Ronny stets pünktlich nach Einbruch der Dunkelheit einschaltete, sorgte jedenfalls für ein sanftes Vibrieren unseres gesamten Hauses. Oh, wie ich es vermisse!

Damit er auch in der Abenddämmerung noch gut sehen – und mit seiner Motorsäge Steine zerschneiden konnte – hat er sich extra einen ultra-hellen Scheinwerfer zugelegt, der immer noch mahnend an seiner Hauswand lehnt. (Das Projekt ist schließlich noch nicht abgeschlossen.) Den Scheinwerfer aber richtete er nie direkt auf seine Terrasse, sondern immer auf die gegenüberliegenden Häuser (ja, auch unseres). Offenbar bevorzugte er den indirekten Lichteinfall. Und ich hatte vorm Hauskauf noch den Sinn von Rolläden im Obergeschoss angezweifelt…

Zähneknirschend schluckte ich meinen Ärger herunter und verzichtete mit Blick auf ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis selbstverständlich auf den Anruf beim Ordnungsamt. Ja, ich zwinge mir sogar ein Lächeln auf die Lippen, wenn ich Ronnys Frau in der Kita begegne, wo sie ihren Einjährigen vorm arbeitswütigen Papa in Sicherheit bringt.

Die Hälfte seines Grundstücks hat Ronny somit zugepflastert. Die andere Hälfte hat er über Monate hinweg teils per Mini-Bagger, teils händisch ausgehoben, um zehn bis zwanzig Zisternen darin zu versenken. Wozu er das ganze Regenwasser auf seinem betonierten Grundstück braucht, ist mir ein Rätsel.

Möglicherweise hat er vor, mit Hilfe des aufgefangenen Wassers sein eigenes Bier zu brauen. Davon nämlich konsumiert er recht viel. Aber man(n) braucht ja auch was im Magen bei all dem Robotten.

3. Die Seuchenschwestern

Ob Mittelohrentzündung, fiebrige Grippe oder gemeine Kopflaus, die nebenan wohnenden Schwestern Mathilda und Johanna schleppen so ziemlich alles an, was in Kita und Schule gerade so um sich greift.

Weil ihre Eltern nicht sonderlich viel vom Zuhausebleiben halten, dürfen die beiden Mädchen natürlich trotzdem zu uns kommen und mit meinen Kindern spielen. Es gibt ja auch Schlimmeres als Fieber, gell. Wozu das Bett hüten? Ansteckungsgefahr: Was ist das?

Ihre Eltern sind Ärzte, die müssen’s ja wissen. Nun ja, Tierärzte, aber das ist ja fast das gleiche. Vom Auftreten könnte der Herr Papa auch Professor-Doktor-Sonstwas sein.

Ein Mann, der über allem steht. So eloquent, so erhaben, fast schon gottgleich führt er seine Deutsche Dogge spazieren. -Vorbei an Ronnys Haus, dessen geräuschvoller Terrassenbau ebenso an ihm abperlt wie die Aussicht, auch weiterhin auf einem verwahrlosten Grundstück zu leben. Seine Frau hält nichts vom Gärtnern. Er selbst hat keine Zeit sich darum zu kümmern. Immerhin der Hund hat seinen Spaß. Und die Seuchenschwestern kommen ja ohnehin zu uns in den Garten.

Ich wünschte, ich hätte seine Seelenruhe und könnte einfach darüber hinwegsehen, dass:

a) eine seiner Töchter unser Meerschweinchen Trisha tötete (aus Versehen natürlich), und

b) meine über Wochen und Monate fortlaufenden völlig kostenfreien Babysitter-Dienste nicht mal mit einer Einladung zum Kindergeburtstag der Seuchenschwestern belohnt wurden.

Stattdessen wurde meine Tochter pünktlich vorm Eintreffen der ersten Gäste wieder nach Hause geschickt mit dem Hinweis, sie dürfe nicht mitfeiern.

Dankeschön. So etwas berührt mein Herz. Allerdings auf die erschütternde Art und Weise.

Und das war’s dann auch mit dem Babysitten. Die Seuchenschwestern schicke ich nun auch postwendend wieder nach Hause.

Genervt, aber glücklich!

Man könnte meinen, ich sei unzufrieden. Doch ich bin’s nicht. Ich genieße lediglich den herablassenden Blickwinkel und habe auch ein wenig Freude daran, mich aufzuregen.

Die „Anderen“ sind mitunter schwer zu ertragen, im Grunde aber völlig harmlos.

Bin ich aber erst einmal im Jammermodus, rückt die auf der Hand liegende Harmlosigkeit in den Hintergrund. Plötzlich sehe ich bloß noch das elendig Nervige.

Erst wenn ich hin und wieder aus meinem Alltag herauskatapultiert werde, merke ich, wie richtig sich doch mein Leben anfühlt. Ich bin endlich angekommen. Zu Hause.

Und seien wir ehrlich, wenn die nervigen Nachbarn nicht wären, würde ich eben einen anderen Grund finden, um mich zu echauffieren 😉

LG
eure MISS MINZE

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