Kurzgeschichte

Er ist sich für nichts zu schade, ein wahrhaft hilfsbereiter Mensch, wenn man denn Hilfe benötigt. Ingrid braucht jedenfalls keine, von ein paar Chauffeursdiensten abgesehen. Gut, er übernimmt auch ihre Bankgeschäfte, weil es ihr lästig ist, sich am Schalter anzustellen, noch lästiger im Übrigen, sich mit dem Online-Banking auseinanderzusetzen.

Ansonsten aber ist sie froh, wenn sie abends die Wohnung betritt im Wissen, dass er nicht da ist. In letzter Zeit denkt sie öfter als ihr lieb ist an die Scheidung, ein rein hypothetischer Gedanke, denn eine endgültige Trennung kommt nicht in Frage. Er ist schließlich ihre Immobilie, eine, in die sie investiert hat, bevor die Immobilienpreise sanken. Sie wird ihn nie wieder los, ohne Verlust zu machen. Einen hohen Verlust, bedenkt man, wie viel Zeit und Aufwand sie in ihn gesteckt hat. Ihre Lebenszeit, die nun zu zwei Dritteln aufgebraucht ist. Damit sind die Chancen auf einen Neuanfang auf ein Minimum geschrumpft. Also Heinz.

Sie hat ihn doch erst zu einem echten Menschen gemacht. Kultiviert, eloquent, abstinent und nützlich. Gerade Letzteres zu gewährleisten, wurde in den vergangenen Jahren allerdings immer schwieriger. Es genügte nicht, ihm einmal aufzutragen, was er tun sollte. Nein, sie musste sich ständig wiederholen, bevor Heinz den Arsch hochbekam. Er wurde fauler, geradezu lethargisch, und immer eigensinniger. Manchmal kam es ihr so vor, als hätten all die Jahre ihrer ehelichen Erziehung einen Spinner aus ihm gemacht. Doch diesen Gedanken verwarf sie sofort. Psychisch angeschlagen war er wohl vorher schon. Das trug er in sich wie einen Samen. Wie sein Vater, der ist ja auch so komisch gewesen.

Und nun lässt er sich also volllaufen in aller Öffentlichkeit. Seit ich Heinz vor zwölf Jahren kennen gelernt habe, hat er das noch nie gewagt, nicht einmal wenn Ingrid verreist war. Wir haben ihn zum Abendessen eingeladen. Entgegen aller Erwartungen steht er sogar pünktlich vor der Tür, gut gelaunt und voller Tatendrang. Schnell schlüpft er aus seinen Schuhen, um sogleich von einem Zimmer ins nächste zu flitzen. Von der Toilette zum Wohnzimmer, zurück in den Flur, dann in die Küche. Als er draußen ist, reiße ich alle Fenster auf. Der Mann stinkt bestialisch. Weil Ingrid die Beerdigung ihrer kürzlich verstorbenen Mutter organisieren muss, kann sie sich nicht mehr um Heinz kümmern. Der nutzt es aus, indem er nur noch seinen Launen nachgibt. Sich zu waschen, zählt offenbar nicht dazu. Seine Alkoholvorräte im Keller konnte er derweil wieder ausgraben. Heinz springt in den Pool der Kinder, wäscht seinen Schweiß runter. Die Fahne bleibt. Er wirkt wie erlöst. Ingrid ist von ihm gefallen, zumindest vorübergehend. Lachend winkt er mir zu. Unterwürfige Männer sind mir ein Rätsel.

Anfangs mögen sie einen gewissen Reiz ausüben, so in Liebe ergeben, Harmonie bedürftig und, ja, eben hilfsbereit. Statt zu diskutieren, führen sie aus, lesen ihrer Angebeteten jeden Wunsch von den Lippen. Bis zur Selbstaufgabe. Ein unterwürfiger Mann wartet darauf, dass du ihm die Kleidung herauslegst, die er anziehen soll. Kleidung, die du vorher gekauft hast, damit ihm keine Stilfehler unterlaufen. Er kocht, weil du keine Lust dazu hast. Er bejaht die Gestaltungswünsche eures Hauses, die er überdies umsetzt. Der devote Mann ist stets deiner Meinung. Wenn er nicht deiner Meinung ist, gibt er dir trotzdem recht. Er kann alles sein, was du willst, nur nicht authentisch. Irgendwann muss Ingrid doch bewusstgeworden sein, dass sie eine Hülle geheiratet hat. Oder hat sie Heinz erst jeden Inhalts beraubt, um den Mann mit ihren eigenen Ideen zu füllen? Manchmal frage ich mich, welch ein Mensch Heinz wohl in seinen Zwanzigern gewesen ist, bevor er Ingrid kennen gelernt hat.

Heinz selbst ist sich fremd geworden. Wahrscheinlich fehlt ihm jedoch die Einsicht dazu. Er fühlt sich einfach nur leer und hat deshalb angefangen, sich selbst zu befüllen. Erst mit Bier, später mit Schnaps. Er säuft, bis sein Kopf vornüberkippt. So schläft er am Tisch ein, schnarchend. Er ist ein wandelndes Klischee. Wenn Ingrid die Scheidung einreicht, gibt es nur noch einen Weg für ihn, und der führt nach unten, wenn er dort nicht längst angekommen ist. Heinz ist nichts, er hat nichts und deshalb bleibt er. Man kann nicht einmal behaupten, aus Bequemlichkeit. Ingrid kennt ihre Verantwortung, die Ketten, die sie einst selbst schmiedete. Später also stellt sich heraus, dass ein unterwürfiger Mann doch nicht so praktisch ist. Er klebt dir bis zum Lebensende an den Hacken, obwohl er dir nunmehr nur noch Hass entgegenbringt und Verachtung, während er dir höflich Liebesfloskeln ins Ohr flüstert. Inki, meine Sonne. Und darauf ein Bier.

Wie alle Kinder hat auch der kleine Heinz einst eine Strategie entwickelt. Er segnete alles ab, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, versuchte hintenrum aber trotzdem, seinen eigenen Kopf durchzusetzen. Andere Kinder wurden groß und trugen ihre Konflikte aus. Nicht so Heinz, der seine Strategie beibehielt. Statt zu  diskutieren, macht er einfach. Ingrid Paroli zu bieten, hat schließlich keinen Sinn. Sie bricht in Tränen aus, sobald er versucht, sich durchzusetzen. Zu allem Überfluss wird sie laut, schreit sogar: „Du Monster!“ Immer und immer wieder, bis Heinz sich entschuldigt und sie fest an sich drückt. Er muss schwören, ihr nie wieder in den Rücken zu fallen. Eine Weile erträgt er ihr Selbstmitleid. Schließlich entfernt er sich leise in die Küche und brät Eierkuchen, um Ingrid gnädigzustimmen. Der letzte dieser Streits liegt Jahre zurück. Heinz hat aus seinen Fehlern gelernt. Er wäre ja dumm, wenn nicht. Nein sagt er schon lange nicht mehr, spielt stattdessen Verstecken.

Als wir am Tisch sitzen und essen, steht er einfach auf und geht. Das sind wir gewohnt, denn Heinz kann nicht stillsitzen. Wir fragen nicht, wohin er geht und was er vorhat, sondern essen einfach weiter. Später entdecke ich Heinz an unserem Auto. Die Motorhaube ist bereits offen, er bastelt am Motorblock herum. „Der Ölstand ist zu niedrig“, murmelt er, als er mich kommen sieht. „Kannst du uns bitte fragen, bevor du unser Auto in Beschlag nimmst?“ Ich weiß, was er antworten wird: Ja. Ja, natürlich. Ich habe ihm dieselbe Frage bereits bei seinem letzten Besuch gestellt. Deshalb formuliere ich schnell um: „Das ist unser Auto, Heinz. Kümmere dich um dein eigenes.“ Man muss erst schroff werden. Dann kriegt er Angst. Und gehorcht.
Er wollte doch nur helfen, ich weiß, doch seine Hilfe ist mir lästig. Heinz macht, was er will, wann er will. Übertreibt er es, muss man ihn ermahnen wie ein Kind. Er hat es geschafft, eines zu bleiben, ein großes altes Kind. Bewahre das Kind in dir. Man muss nur Heinz anschauen, um das Ausmaß dieses Ideals zu ermessen – und zu erschaudern.
Mit einem lauten Knall lässt er die Motorhaube fallen. Hinter ihm bemerke ich seinen Bruder, der Überraschungsgast, den Heinz versprochen hat. Er ist das ganze Gegenteil von Heinz, selbst optisch. Trotzdem verstehen sich die beiden gut, fahren alle paar Jahre gemeinsam in Urlaub, das letzte Mal einen ganzen Monat lang. Hinterher konnten sie sich immer noch leiden. Heinz‘ Bruder begrüßt mich ein wenig verlegen, um sich gleich darauf ebenso schüchtern wieder zu verabschieden, denn Heinz und er haben noch etwas vor. Sie setzen sich in den Mietwagen des Bruders und brausen los. Mein Mann und ich schauen ihnen ratlos nach. „Was die wohl vorhaben“, sagt mein Mann. „Ingrid besuchen?“ Ich muss grinsen.

Tatsächlich begeben sich die beiden Mittsechziger nach Polen, wo Heinz‘ Bruder ein kleines Ferienhaus besitzt. Es liegt an einem stillen See, der als Urlaubsziel diente, bevor Fernreisen in Mode kamen. Seitdem ist die einstige Ferienhochburg verwaist. Der Bootsverleih öffnet nur noch am Wochenende, doch die beiden Männer vereinbaren gegen Aufpreis, dass sie das einzige Segelboot im Bestand die ganze Woche nutzen dürfen. Sie schlafen bis in den späten Vormittag. Dann laufen sie täglich aufs Neue o-beinig zur Anlegestelle, machen ihr Boot los und verbringen den gesamten restlichen Tag auf dem Wasser. Heinz döst an der Angel. In der Kajüte kullern kaum hörbar die ersten leeren Bierbüchsen hin und her. Sein Bruder setzt die Segel, wenngleich nur selten ein Lüftchen aufkommt. Ein paar kleine Barsche beißen im Tagesverlauf an, kaum zehn Zentimeter lang. Heinz nimmt sie trotzdem aus, statt sie ins Wasser zurückzuwerfen. Mehr gibt der See eben nicht her. Schläfrig und leicht vornübergebeugt traben die Brüder in der Dämmerung zurück nach Hause, wo Heinz die Kohle in den alten Grill wirft, um seine Beute zu braten.
„Versalzen“, meckert sein Bruder. „Und viel zu viele Gräten.“ Aber er verschlingt die kleinen Fische trotzdem, während er auf die in Alufolie gewickelten Kartoffeln wartet. Manchmal rufen seine erwachsenen Kinder an und er erzählt von seinem Bruderurlaub. Heinz hört sie lachen am anderen Ende der Leitung. Er selbst lässt das Handy klingeln, bis die Mailbox rangeht. Es ist Ingrid, immer nur Ingrid. Trotzdem lädt er das Telefon auf, sobald der Akku leer ist.

„Er nimmt nicht mehr ab, wenn ich anrufe“, beschwert sich Ingrid. „Was ist nur los mit ihm? Wo liegt sein Problem?“ Sie ist wütend, aber wir können ihr schwerlich erklären, dass er seine Ruhe vor ihr haben will. Zu groß ist unsere Angst, einem ihrer legendären Gefühlsausbrüche zum Opfer zu fallen. Ingrid ist nichts so heilig wie das Konstrukt ihrer Fantasie, das sie ihr Leben nennt. Lieber opfert sie ihre Mitmenschen, als nur einen Zweifel daran zuzulassen. Selbst die Überbringer der schlechten Nachricht würde sie als Feinde betrachten. Wir erzählen ihr also, was sie hören will: Dieser Egoist. Er sollte sich schämen! Haut einfach ab, während du seine Hilfe benötigst. Heinz wird das personifizierte Böse, ein Vertrauensbrecher, von dem sie dringend Abstand suchen sollte, um sich weiteres leid zu ersparen.

Irgendwann geht Ingrid dazu über, ihm Nachrichten zu schreiben. „Entweder du hörst auf zu trinken oder ich lasse mich scheiden!“, steht darin, aber Heinz antwortet nicht. Er gibt vor, kein Whatsapp zu haben. Den spontan begonnenen Urlaub kann er allerdings nicht mehr so recht genießen. Sein Bruder kauft Wodka und beruhigt ihn: „Du kannst ja eine Weile in meinem Ferienhaus bleiben, falls sie dich rausschmeißt. Die Kinder wollen ohnehin nicht mehr hierher.“ Heinz nickt. Die Aussicht auf völlige Einsamkeit entspannt ihn etwas. So würde er gern seine letzten Jahre verbringen, das Haus in Schuss halten, Kaminholz schlagen, im angrenzenden Wald Steinpilze sammeln, abends dann kochen und ein Bier trinken, glücklich in die Federn sinken. Von Ingrids Ersparnissen könnte er sogar viele Jahre leben. Sie würde nicht einmal bemerken, wie er ihr Konto anzapft, weil sie zu blöd ist, selbst Kontoauszüge zu ziehen. Heinz stößt mit seinem Bruder an. „Heute feiern wir!“, ruft er und lacht blechern. Sie sammeln Äste und Zweige zusammen und entzünden des nachts ein riesiges Feuer. Heinz zieht sein T-Shirt aus. Sein behaarter Wanst glänzt im Schein der Flammen. Dann zuckt er wild herum, wedelt mit den Armen und stampft mit den Füßen. „Hey, Rumpelstilzchen!“, lacht sein Bruder. Als Heinz‘ Handy klingelt, will er es schon in die Flammen werfen, aber sein Bruder hält ihn davon ab. „Reicht doch, wenn du es ausschaltest.“ Und Heinz tanzt weiter ums Feuer

Es ist schon Nachmittag, als die beiden Männer endlich aus ihren Betten steigen. Ein letztes Mal gehen sie zum See hinunter, wo sie die Bierbüchsen im Segelboot zusammensammeln und in einen Müllsack stopfen. Sorgfältig verstaut Heinz seine Angelrute, die Köder wirft er ins Wasser. Dann springt er selbst hinein und schwimmt, bis sein Bruder ihn kaum noch sehen kann. Im Bootsverleih bezahlt der inzwischen die Leihgebühr und bekommt seinen Pfand zurück, den Personalausweis. Noch immer weiß er nicht, wo Heinz steckt. Er sucht den See mit seinen Augen ab, vergebens. Unschlüssig wandert er zum Steg, wo er sich hinsetzen muss, weil seine Beine zittern. Die Hitze setzt ihm mächtig zu. Am liebsten würde er auch eine Runde schwimmen, die Schaumkronen am Ufer schrecken ihn jedoch ab.

„Wann geht dein Flug?“, will Heinz wissen.
„Heute Abend. Ich muss gleich los.“
„Ich komme noch mit zum Flughafen.“
„Hier, die Schlüssel.“ Sein Bruder hält Heinz das Schlüsselbund fürs Ferienhaus vor die Nase, doch der greift nicht zu.
„Ich muss auch zurück“, sagt Heinz. Sein Blick lässt keine Gefühlsregung erkennen.

MM