Kurzgeschichte

Ich sitze auf der Stufe zu unserer Eingangstür, eine Tasse Tee in der Hand, an der ich ab und zu nippe. Der Tag hat gerade erst begonnen. Trotzdem ist es warm genug, um barfuß zu laufen. Eine Amsel hüpft übers Gras, pickt hier und da im Boden herum. Als ich die Tasse zum Mund führe, fliegt sie aufgeschreckt davon. Ich habe ein grünes Kleid an, das ich nur trage, weil die Kinder gesagt haben, dass ich gut darin aussehe. Für meinen Geschmack ist das Grün zu grell. Meine Schwiegermutter hat es gekauft.  Heute ist mir egal, was ich trage, an den meisten anderen Tagen auch. Ich genieße die Stille und versuche, Gedanken nachzuhängen, die ein gutes Gefühl in mir hervorrufen. Der Psychoratgeber, den ich mir kürzlich gekauft habe, empfiehlt diese Technik, um das eigene Gehirn neu zu programmieren – hin zu mehr Optimismus.

Dann kommt Mini auf ihrem Laufrad angefahren, stoppt zwei Meter vor mir und sagt: „Wir haben’s gut und ihr habt es nicht gut. Zu uns kommt heute nämlich der Fensterputzer, aber zu euch nicht.“ Sie schaut mich erwartungsvoll an und ich schaue zurück. Ihre braunen Kulleraugen sind für Sekunden fest auf mich gerichtet. Sie ist ganz ernst und kühl. T. hatte recht, dieses Kind ist eine Plage. Was Menschenkenntnis anbelangt, ist T.’s Pessimismus meistens angebracht, auch wenn ich es lange nicht wahrhaben wollte. Meine positiven Gedanken sind jedenfalls dahin.

Ich kenne das Kind, seit es zwei Jahre alt war. Bei mir hatte es stets diesen Niedlichkeitsbonus, der all ihre schlechten Eigenschaften neutralisierte. Lockig, pummelig, dickwangig, aufgeschlossen und zugewandt – zumindest wenn sie etwas Essbares schlauchen wollte. Sie wendet und fährt auf unserer Einfahrt hin und her. Offenbar hat sie schon gefrühstückt. Statt T. ernstzunehmen, habe ich mich über ihn lustig gemacht: Wie kann man dieses süße Ding nicht lieben? Dann fand ich unser Meerschweinchen tot auf. Verdächtigt habe ich Minis ältere Schwester. Zu unrecht. Mittlerweile ist mir klar, dass es nur Mini gewesen sein kann.

Aber das liegt über ein Jahr zurück. Wir haben uns keine neuen Haustiere angeschafft, werden es wohl auch nie wieder tun. Wenn Mini zu uns kommt, um mit unserer Tochter zu spielen, verreibt sie nur noch Knete auf dem Teppichboden oder entfernt die Kappen aller Filzstifte, die wir in der Regel erst dann wiederfinden, wenn die Stifte bereits ausgetrocknet sind. Das ist allenfalls lästig, schmerzt aber niemanden. Wir haben uns an ihre berechnende Art gewöhnt. Sie kann ja auch durchaus freundlich sein, humorvoll sogar. Trotzdem ist nicht von der Hand zu weisen, dass etwas nicht stimmt mit ihr. Ich nehme an, ihr mangelt es an der Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden.

Manchmal führen wir Diskussionen, T. und ich. Während T. die Schuld für Minis Boshaftigkeit allein ihren Eltern in die Schuhe schiebt, kann ich mir das nur schwer vorstellen. Auf mich machen die beiden einen sehr netten und hilfsbereiten Eindruck. Aber vielleicht ist das schon wieder naiv. Auch Minis Eltern sind T. nicht ganz geheuer. Ich bin hin- und hergerissen, doch im Grunde sind sie mir egal. Es gibt schlimmere Leute. Leute, die mir regelrecht Angst einflößen. Wenn ich T. davon erzähle, zweifelt er an meinem Verstand. „Die sind doch völlig harmlos“, sagt er. Wir haben also eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Menschen um uns herum. Vermutlich sollte ich dankbar sein, dass wir uns nicht gleichen in unseren Ängsten. Dann bliebe uns nämlich nichts anderes übrig, als uns mehr und mehr in unsere Angst hineinzusteigern und die Realität zu verkennen. Dass nämlich alle ganz normal sind.

Ich würde gern woanders wohnen. Das liegt ausschließlich an den normalen, hilfsbereiten Leuten hier. Ich habe in letzter Zeit viel, wirklich sehr viel darüber nachgedacht, weshalb ich diesen Ort und seine Leute nicht ausstehen kann. Anfangs hatte ich keinen Schimmer, dachte nur, dass ich nicht ganz richtig ticke. Schließlich lebe ich in paradiesischen Zuständen. Jetzt lichtet sich der Schleier langsam: Das Paradies ist wohl der falsche Ort für mich.

Es mag theatralisch klingen, praktisch jedoch gestaltet sich die Sache noch theatralischer: Nehmen wir Mini und die Geschichte mit dem Fensterputzer. Das Mädchen ist vier Jahre alt. In ihren vier Lebensjahren hat sie Eines bereits verinnerlicht, das Konkurrenzprinzip. Weshalb freut sich das Kind über einen Menschen, der dafür bezahlt wird, die Fenster des Hauses seiner Eltern zu putzen? Dass die Vierjährige sonst selbst Hand anlegen müsste, bezweifle ich. Es geht einzig und allein darum, dass der Fensterputzer nur die Fenster ihres Hauses reinigt, nicht aber die Fenster unseres Hauses. Die Fenster ihres Hauses werden also in neuem Glanz erstrahlen, während die unseren unter einer Schicht aus Dreck und Staub dahinschimmeln – oder schlimmer noch: von uns eigenhändig geputzt werden müssen. Das gibt dem Leben der kleinen Mini offenbar einen ganz besonderen Bonus. Nicht dass sie ein gesteigertes Interesse an Fenstern hätte, sondern lediglich am genugtuenden Gedanken, etwas Besseres zu haben als wir.

Konkurrenz und Wettbewerb sind hier an der Tagesordnung. Während man nur schwerlich in die Fenster einer Stadtwohnung blicken kann, um deren Größe und Wert der Einrichtung einzuschätzen, zumeist auch die am Straßenrand geparkten Autos nicht den jeweiligen Mietern oder Eigentümern zuordnen kann, präsentiert der Landbewohner seine Schätze bereitwillig. Das Auto spielt hier noch die geringste Rolle. Vielmehr prahlt er mit der Größe seines Hauses, seiner Terrasse, der Tatsache dass er eine Garage hat (wohingegen der Nachbar nicht mal über ein Carport verfügt, tsss), der Pflege seines – nach Möglichkeit – englischen Rasens, der Vielfalt seiner Blumenrabatte, der Anzahl seiner Gäste bei seinen Partys, die natürlich allesamt im Garten stattfinden, sonst würden „die anderen“ ja nicht mitzählen können, und und und.

All das ekelt mich an, obwohl es zugegebenermaßen völlig normal ist. Weil es so normal ist, habe ich wiederum viel und lange darüber nachgedacht, weshalb ich das Konkurrieren so widerlich finde. Ich mach’s kurz: Weil es so unheimlich kleingeistig ist. Das Milieu der Kleingeistigen findet man natürlich auch in der Stadt. Das weiß ich, weil wir dort lange unter den Kleingeistigen gewohnt haben. Als unser Gehaltslevel dann endlich den Sprung unter die womöglich niveauvollere Klientel zugelassen hätte, haben wir uns jedoch für ein Haus auf dem Lande entschieden. Was für ein Fehler.

Der Kleingeistige liest natürlich weder Buch noch Zeitung, oder bildet sich auf irgendeine andere Art und Weise weiter. Dazu ist er viel zu beschäftigt. Er muss schließlich arbeiten und nach getaner Arbeit arbeitet er sogar noch weiter – in seinem Garten. Wo er sich unter den lautstarken Geräuschen seiner Kreissäge ein Carport zimmert oder die Einfahrt von Gräsern befreit, die Hecke schneidet oder Blumen düngt und natürlich den Rasen mäht, um sich danach mit einem kühlen Bier und ein paar rechtschaffenen Kumpels lautstark zu besaufen. Das hat er sich doch verdient, der fleißige Kleingeistige. Gott, wie ich diesen Menschenschlag verachte. Denn er hält mir den Spiegel vor: Ich bin nun eine von ihnen. Sie färben ab und ich kann nichts dagegen tun. Die Metamorphose hat längst begonnen. Aber sowas darf ich eigentlich gar nicht schreiben, nicht einmal denken, denn es macht die Arbeit meines Psychoratgebers zunichte. Ich soll doch den guten Gedanken nachhängen, Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ich bin dankbar dafür, dass ich in einem so schönen Haus leben darf, einem Haus, das genug Platz bietet für die ganze Familie und in dem sich die Kinder sooo wohlfühlen…

Das Haus ist zu groß. Ich muss zwei Bäder und unzählige Fenster putzen, weil wir uns im Gegensatz zu unseren Nachbarn keinen Fensterputzer leisten können. Wir sind so arm, so arm!!! Das hat T. tatsächlich vor ein paar Tagen gesagt – zu den Kindern. Er verwendete die Formulierung: „Eine arme Familie, wie unsere, kann sich … nicht leisten.“ Ohne jede Ironie! Ich dachte, mein Schwein pfeift. Das macht das Leben mit uns hier draußen. Du guckst ständig auf die größeren Häuser und die schickeren Autos und hältst dich für arm. Hinzu kommt der Neid und die Eifersucht und die Missgunst. Du gestehst dir das nicht ein, aber früher oder später kommen sie ans Licht, all die grünstichigen Gefühle. Sie brechen sich selbst nach Jahrzehnten noch Bahn, wenn du deine befreundete Nachbarin als Verräterin entlarvst, weil sie mit „den Neuen“ kungelt, und du dich in der Pflicht siehst, nun doch noch einen dicken fetten Sichtschutzzaun hochzuziehen. Natürlich richtest du nie wieder das Wort an die Feindin. Es reichen Banalitäten und der holde Frieden in der Nachbarschaft ist dahin.

Mein Traumhaus ist klein, ein recycelbares Modulhaus ohne jeden Schnickschnack. Es steht fernab der Zivilisation – zumindest hat es keine direkten Nachbarn. Dank autarker Versorgung braucht es auch keine Anschlüsse. Und weil in Zukunft eh alles auf autonomes Fahren hinausläuft, hat es keinen Carport und keine Garage, nicht mal einen Stellplatz. Okay, das mit dem Internet bereitet mir noch Kopfzerbrechen. Womöglich darf ich mich doch nicht zu weit von der Zivilisation entfernen. Ich stelle mein Modul einfach auf ein vorhandenes Hochhausdach – als Penthouse. In Berlin. Dann brauche ich mich wenigstens nicht mehr um den Garten zu kümmern und habe überdies eine schöne Aussicht.

Eines Tages. Ich kann es kaum erwarten.

MM