Miss Minze

Ein Garten- & Geschichtenblog

Nimm mich wahr!

Neurobiologische Studien zeigen, dass nichts das Motivationssystem so sehr aktiviert, wie von anderen gesehen und sozial anerkannt zu werden.

Die Zeit

In unserer Siedlung wohnt eine Mama, die ein für unsere dörfliche Region ungewöhnliches Verhalten an den Tag legt. Sie brezelt sich auf. Und zwar derart übertrieben, dass es selbst meiner Tochter (damals 5 Jahre jung) aufgefallen ist.

Man stelle sich eine osteuropäische Prostituierte vor. Diese Mama entspricht diesem Bild perfekt: Blondiertes langes Haar, maskenhaftes Make-Up, High Heels, Lederleggins oder Röcke, die nur knapp über die Arschbacken reichen, tief dekolletierte Blüschen, all sowas eben.

Ich nehme an, dass sie nicht der Sexarbeit nachgeht, sondern einfach Hausfrau und Mutter ist. Frühmorgens bringt sie ihre Tochter zur Schule und nachmittags holt sie sie wieder ab. Nur für diese beiden Termine betreibt sie einen solchen Aufwand. Schließlich trägt sie auch jeden Tag etwas Anderes. Es ist immer wieder spannend.

Sie wirkt wie ein kleiner Paradiesvogel inmitten der quasi uniformiert gekleideten übrigen Mütter (kaum eine schminkt sich, Jeans und T-Shirt gehören zur Standard-Garderobe).

Ich konnte das lange nicht nachvollziehen, fand es stattdessen unangebracht und lächerlich. Mittlerweile denke ich, dass es ihren Tag bereichert: Dies ist ihr ganz persönlicher 5-Minuten-Auftritt, der ihr die größtmögliche Aufmerksamkeit beschert. Fünf Minuten, in denen sie von niemandem übersehen werden kann, denn in der Tat erntet sie die Blicke der umstehenden Papis (und Mamis). Fünf Minuten Star der Siedlung.

Doch geltungssüchtig ist nicht nur sie. Da sind zum Beispiel auch diese WhatsApp-Kontakte (ebenfalls Mütter), die beinahe täglich Status-Updates posten. Kalendersprüche zum Beispiel oder Fotos von Kaffeetassen und Mahlzeiten, Sonnenuntergängen oder Zwischenständen der Fitness-App, alles gespickt mit entsprechenden Emojis. Wenn es wenigstens witzig wäre, informativ oder halbwegs originell. Aber es ist nichts von alledem. Was man stattdessen herausliest, ist ein verzweifeltes: Nimm mich wahr!

Doch ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als litten nur Frauen am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Männer posen natürlich auch, allerdings eher mit ihren materiellen Spielzeugen, panzerartigen Fahrzeugen zum Beispiel, deren Wahrnehmungs-Vorteil u.a. darin liegt, dass sie unübersehbar sind.

Zugegeben, mein Blick wird oft getrübt von Verachtung, wahrscheinlich weil ich glaube, dass ich besser bin. Niemals würde ich in Minirock und High Heels über den Schulhof stöckeln! Niemals würde ich Status-Updates auf WhatsApp posten! Niemals würde ich mir einen Panzerauto kaufen und damit die 400 Meter zum Bäcker fahren.

Aber ich pflege ja einen ganzen Blog, um mich der Welt mitzuteilen. Dies hier ist meine ganz persönliche Bühne, auf der ich nach Bestätigung giere. In Sachen Geltungssucht macht mir keiner was vor. (Nun ja, ich hoffe jedoch, dass meine Beiträge hin und wieder witzig, informativ oder originell sind…)

Doch es kommt noch schlimmer:

Weil ich schon seit Jahren mein Geltungsbedürfnis bloggend befriedige, hatte ich nie so recht Lust, mich zusätzlich in den sozialen Netzwerken einzubringen. Zur Vermarktung meiner Webseiten nutze ich jedoch sehr wohl Social Media. Zum Beispiel Instagram.

Sonderlich viel Spaß bereitete mir Instagram allerdings nicht, also postete ich nur alle Jubeljahre mal ein Bild. Bis meine Zugriffszahlen über Pinterest zurückgingen und ich mit Instagram dagegensteuern wollte.

Dies hatte zur Folge, dass ich mich intensiv mit Hashtags, Followern, dem Feed usw. beschäftigte und stundenlang auf Instagram surfte. Ich wurde regelrecht angefixt und beginne mittlerweile den Tag mit einem Blick auf mein Instagram-Profil! Selbst vorm Einschlafen zerbreche ich mir noch den Kopf über mögliche Fotomotive. Da ich bislang geglaubt habe, gegen den Sog der Sozialen Medien immun zu sein, empfinde ich das als regelrecht beängstigend, ehrlich.

Ich habe sogar angefangen, Bekannte auf Instagram zu stalken („Mal schauen, ob XY auch hier ist… Wollen wir doch mal sehen, was der so postet…“). Allerdings war das wiederum ganz aufschlussreich. Man gewinnt überraschende Einsichten. Und bleibt hängen, oh weh.


Ich sehe den anderen an und verdächtige ihn, dass er mich verdächtigt, dass ich ihn nicht so toll finde. […] Ich habe keine Evidenz, ich kann nicht wirklich wissen, wie die anderen mich wahrnehmen. Sie sind höflich, aber vielleicht verachten sie mich. Dieser Verdacht, die Angst vor dem bedrohlichen Urteil der anderen, regiert die Konkurrenzgesellschaft.

Boris Groys im Interview mit der Brand eins 10/2019

MM


2 Kommentare

  1. In einer globalen Welt will jeder gesehen werden. Die Frage ist nur, was „gesehen werden“ bedeutet. Im Grunde nach ist es das Bedürfnis, geliebt zu werden und zwar so wie man ist. Ein nicht ausgereiftes Selbstbewusstsein denkt, dass über irgendwelche Handlungen die Liebe (die Blicke) zu gewinnen ist. Jedoch geht es im Leben um die einzig wahre große Liebe: die Liebe zu dir selbst. Damit meine ich nicht Selbstverliebt. Wahre große Liebe zu dir selbst bedeutet vor allem Verständnis, sich selbst zu verzeihen, Bedürfnisse erkennen UND zu befriedigen.

    • Miss Minze

      21/08/2019 at 10:24 am

      Besten Dank für deinen Kommentar, den ich auch als eine Form der Anerkennung empfinde!
      Selbstliebe, ja, das klingt immer so schön, aber ist sie überhaupt möglich ohne Anerkennung von außen? Immerhin ist der Mensch ein soziales Wesen. Er will sich anderen mitteilen, auf welche Art auch immer – und erwartet dafür Feedback. Unsere Mitmenschen spiegeln uns und unser Verhalten. Wir sehen uns in ihnen und umgekehrt. Ich weiß nicht, ob es da wirklich immer nur um Liebe geht?
      LG MM

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